Elke Kesper eröffnet ehemalige Schlecker-Filiale in Willingen neu · Sylvia Martin steht Ex-Kollegin

Aus Schlecker-Frust erwächst „Landlust“

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Sortiment soll wachsen: Existenzgründerin Elke Kesper (l.) und ihre Freundin und ehemalige Kollegin Sylvia Martin präsentieren den neuen Laden in der ehemaligen Willinger Schlecker-Filiale, in dem es Artikel für den Alltagsbedarf gibt.

Willingen - Als in der früheren Schlecker-Filiale in Willingen kürzlich wieder Licht brennt, werden die Upländer neugierig. „Elke und Sylvia freuen sich auf alte und neue Kunden“, heißt es im abgeklebten Schaufenster. Gestern lüftet sich das Geheimnis: Die ehemaligen „Schlecker-Frauen“ sind zurück.

Die Lampen waren in der Willinger Filiale nach der Insolvenz des Drogeriemarkt-Riesen am 27. Juni ausgegangen. „Zum 1. Juli wurden wir freigestellt“, berichtet Elke Kesper.

Die Verkäuferin aus Bad Arolsen, die insgesamt 15 Jahre für Schlecker arbeitete, hatte den Laden in den vergangenen Jahren zusammen mit Sylvia Martin (Usseln) geleitet.

Die Abwicklung des Unternehmens kostet bundesweit rund 25?000 Männern und vor allem Frauen ihren Arbeitsplatz, viele von ihnen sind wie Elke Kesper und Sylvia Martin seit Jahren bei Schlecker beschäftigt. 57 Waldeck-Frankenberger sind nach Angaben der Korbacher Arbeitsagentur betroffen.

Obwohl das Sortiment bereits seit 2010 immer dünner wird und sich die Hiobsbotschaften seit der Insolvenzanmeldung im Januar 2012 häufen, hofft das Willinger Team bis zuletzt auf die Rettung. „Größere Filialen mit guten Umsätzen wie unsere sollten erhalten bleiben, bis ein Investor gefunden ist“, erinnert sich Elke Kesper.

Als das Schlecker-Aus am 1. Juni bekannt wird, erwächst bei Elke Kesper und Sylvia Martin aus dem Frust über den Arbeitsplatzverlust sogleich die Lust, neue, eigene Wege zu gehen. „Wir hatten schon während der Krise die Idee, den Laden selbst weiterzuführen“, erklärt Elke Kesper. „Drogerieartikel zu beziehen, ist jedoch nicht einfach, weil sie meist nur über Zwischen- und Großhändler vertrieben werden“, räumt Sylvia Martin ein.

Warenangebot ausweiten

Bevor sie die Pläne zur Existenzgründung forcieren, bewerben sich beide daher erst einmal um neue Arbeitsstellen: Die 42-jährige Sylvia Martin hat Glück. „Ich habe selbst die Initiative ergriffen, mich online bei Rossmann beworben und zum 1. August eine Stelle in Bestwig bekommen – wohl auch, weil meine Schlecker-Bezirksleiterin nun dort Bezirksleiterin ist.“ Die Usselnerin muss zwar jeden Tag eine weite Strecke zurücklegen, ist aber dankbar, lediglich kurze Zeit arbeitslos gewesen zu sein. Elke Kesper ist 48 Jahre alt und teilt das Schicksal vieler älterer „Schlecker-Frauen“: Sie bewirbt sich fortlaufend, bekommt aber eine Absage nach der anderen. „Von den rund 15 Frauen unseres Schlecker-Stammtischs haben alle, die um die 40 sind, neue Jobs bekommen – vor allem in Drogerie- und Supermärkten. Alle älteren sind leer ausgegangen“, erzählt die Nordwaldeckerin. „Wenn man wie ich sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, ist das eine Katastrophe. Nach kurzer Zeit ist mir zu Hause schon die Decke auf den Kopf gefallen.“ Die Idee, den Laden in Willingen selbst wieder zu eröffnen, reift fortan.

Elke Kespers „allerliebste Kollegin“ Sylvia Martin bestärkt sie und bietet ihre „ehrenamtliche Unterstützung“ an. „Natürlich muss ich die Interessen meines neuen Arbeitgebers im Blick haben“, räumt die Usselnerin ein, „aber als Freundin helfe ich, wo ich kann“.

Von der Arbeitsagentur bekommt die Bad Arolserin die für Existenzgründer übliche Förderung. Der Vermieter der ehemaligen Filiale in der Waldecker Straße freut sich laut Elke Kesper, als sie auf ihn zukommt. Beide einigen sich zügig. Als Grundausstattung für den Neustart tritt der Vermieter auch gern die im Laden verbliebenen Regale und Einkaufswagen ab.

„Der Insolvenzverwalter hat ihm die Sachen überlassen, weil die Miete – im Gegensatz zu unseren Gehältern – nicht mehr bis zum Schluss regelmäßig geflossen ist“, erklärt Sylvia Martin. Dass ihr gestern eröffneter Laden, dem sie den Namen „Landlust“ gegeben hat, derzeit noch etwas spartanisch wirkt, ist Elke Kesper bewusst:

„An der Landlust arbeiten wir noch“, lächelt die Existenzgründerin und ergänzt: „Derzeit haben wir vor allem Lebensmittel, die uns von Edeka geliefert werden.“ Da das Drogerieartikel-Sortiment des Einzelhandelsverbundes aber eingeschränkt ist, darf die Ladenbesitzerin es nach und nach mithilfe anderer Anbieter erweitern. „Mein Ziel ist, ein ähnliches Sortiment wie früher anzubieten.

Wichtig war aber, dass es jetzt erst einmal weitergeht.“ Mut belohnen Bedarf an Drogerieartikeln gibt es im Upland nach der Schließung der Schlecker-Märkte in Willingen und Usseln auf jeden Fall. Den besten Beweis liefern die zahlreichen ehemaligen Kunden, die gestern im Laden vorbeischauten, um Elke Kesper einen guten Start zu wünschen.

Jeden Wunsch kann sie ihren alten (und) neuen Kunden derzeit noch nicht erfüllen, aber Einheimische und Gäste sollten den Mut der freundlichen Verkäuferin belohnen und sie dabei unterstützen, dass sich die Regale nach und nach wieder füllen. Wohnortnah einkaufen

Für Elke Kesper spricht einerseits, dass sie ihre Arbeitslosigkeit selbst beendet hat. Andererseits verringert sie mit ihrer Geschäftseröffnung die Zahl der Leerstände und bietet vor allem älteren Willingern von montags bis samstags wieder ein Lebensmittelangebot in der Ortsmitte.

„Ich habe immer noch schlaflose Nächte, aber: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, fasst Elke Kesper zusammen. So schnell wie möglich will sie nun auch das Schlecker-Schild, das immer noch über ihrem Laden prangt, ersetzen – damit aus dem Frust über Insolvenz und Arbeitslosigkeit endgültig die „Landlust“ erwächst.

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