Clemens Tönnies referiert beim „Tag der Landwirtschaft“

Schweinepreise und der FC Schalke

Korbach - Begleitet von Protesten Korbacher Umweltaktivisten gegen „industrialisierte Massentierhaltung“ fand am Donnerstag der „Tag der Landwirtschaft“ in Korbach statt. Die Demonstration richtete sich gegen Gastredner Clemens Tönnies, Chef des umsatzstärksten deutschen Fleischkonzerns.

„Ich nehme immer den Vordereingang. Unsere Gesellschaft lebt von Toleranz.“ Keinem Konflikt aus dem Weg zu gehen und sich Kritik zu stellen, dieser Ruf eilt dem 58-jährigen Unternehmer voraus. Direkt, durchsetzungsstark, mitunter dickköpfig, aber dialogbereit, so präsentierte sich der Metzgerssohn aus Ostwestfalen auch in Korbach – den 20 Demonstranten vor der Stadthalle wie den rund 200 Besuchern der Abendveranstaltung im Saal. Unter anderen nahmen Erster Kreisbeigeordneter Jens Deutschendorf, Stadtrat Reinhold Sude, der CDU-Landtagsabgeordnete Armin Schwarz sowie zahlreiche Vertreter landwirtschaftlicher Verbände, aus Verwaltung, Politik und Wirtschaft teil. In seinen Willkommensgruß bezog Christoph Dietzel, Vorsitzender des Vereins landwirtschaftlicher Fachschulabsolventen (VLF), im Namen der Veranstalter ausdrücklich auch die Teilnehmer der Protestaktion mit ein. Die Einladung, im Saal mitzudiskutieren, hätten sie jedoch nicht angenommen. Ein verbaler Seitenhieb sollte die größere Gruppe vermeintlich gedankenloser Verbraucher treffen: „Wer beim Discounter ein Hähnchen für 2,49 Euro kauft, gibt an der Kasse das Recht ab, sich über Massentierhaltung aufzuregen.“ 150 000 Schweine und 8000 Rinder pro Woche werden in seinen Unternehmen geschlachtet und weiterverarbeitet, begann Clemens Tönnies nach einem „herzlichen Glückauf“ seine Ausführungen zur Firmengeschichte. Sie begann in den 1970er-Jahren, als der traditionelle Fleischereibetrieb seines Vaters zum Auslaufmodell wurde: „Die Metzgerei an der Ecke war nicht mehr gefragt.“ Inzwischen der Chef eines marktbeherrschenden Fleischwaren-Konzerns, orientiere er sich aber weiter an zwei Leitsprüchen seines Vaters: „Wenn du Tieren das Leben nimmst, dann hast du das so anständig wie möglich zu tun.“ Und: „Du darfst nur das verkaufen, was du selbst mit Appetit isst.“ In der ersten Halbzeit seines Vortrags stellte Tönnies als Firmenchef sein Unternehmen, in der zweiten als Vereinspräsident den FC Schalke 04 vor. Für den Geschmack einiger Zuhörer ein bisschen zu viel des Guten. Zumal das angekündigte Vortragsthema „Fleischerzeugung und -verarbeitung – der Standort Deutschland im Wettbewerb“ nur in der anschließenden Diskussion zur Sprache kam. Dabei wich der passionierte Jäger auch unbequemen Fragen nicht aus, etwa nach dem Streit mit seinem Neffen um die Unternehmensleitung oder nach den 2014 aufgedeckten verbotenen Preisabsprachen („Wurstkartell“). Trotz zurzeit desaströser Erzeugerpreise sehe er für die Schweineproduktion in Deutschland eine Zukunftsperspektive. Nicht zuletzt durch das umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) müssten dafür annähernd gleiche Rahmenbedingungen in beiden Wirtschaftsräumen geschaffen werden. Die plakativen Vorwürfe der Demonstranten ließ Tönnies in der ihm eigenen Art von sich abperlen. Mit viel Gespür für den Effekt, den der Begriff „soziale Verantwortung“ auslöst – wenn ihn der Präsident eines Traditionsvereins wie Schalke 04 benutzt, der als Inbegriff bodenständig-ehrlicher Maloche gilt. Er verwies auf die Vorreiterrolle seines Unternehmens in puncto Tierwohl und „schonende Schlachtung“. So würden bei der Betäubung und Entblutung der Tiere modernste Kontrolltechnik eingesetzt, um sicherzustellen, dass nur tote Tiere, die keinen Schmerz mehr empfinden können, zur Weiterverarbeitung in den Brühkessel gelangen. Tönnies beschäftigt eigenen Angaben zufolge insgesamt 8000 Mitarbeiter. Davon seien bis zu 3000 zumeist ausländische Arbeitnehmer über Werkverträge angestellt. Tönnies zahle bereits seit dem 1. August 2014 einen Mindestlohn von 8,50 Euro und habe Mindeststandards für die Unterkunft der Beschäftigten eingeführt. Das entsprechende Modell, der „Sögeler Weg“, sei in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Kommunalpolitikern an einem runden Tisch ausgearbeitet worden.Nicht alle Landwirte züchten Schweine, nicht alle sind Schalke-Fans. So hatte sich auch mancher Besucher vom Tag der Landwirtschaft mehr erhofft als einen allerdings aufschlussreichen wie unterhaltsamen Vortragsabend mit Deutschlands größtem Fleischproduzenten, der Verbrauchervertrauen mit allen Mitteln, auch mit Selbstkritik, zurückgewinnen will: „Mir tut es leid um jeden Vegetarier, dem wir den Appetit verdorben haben.“ Von Thomas Kobbe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare