"Deutschen Kindern wird das Unvertraute zuerst beigebracht"

Brustschwimmen zu schwierig: Deutschland wird zum Land der Nichtschwimmer

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Auch wer das Seepferdchen hat, muss noch lange nicht sicher schwimmen können: Wichtig ist es, den Kindern die Angst vor dem Wasser zu nehmen.

Immer weniger Kinder können Schwimmen. Das liegt auch daran, dass in Deutschland zu oft Brustschwimmen beigebracht wird. Eine nordhessische Schwimmschule zeigt, wie es besser geht.

Aktualisiert am 15. Mai: Als unsere Kinder zum ersten Mal eine Schwimmstunde bei den Korbacher Aquakids besuchten, wollten sie das Hallenbad wieder verlassen, bevor sie überhaupt im Wasser waren. Die Siebenjährige und ihr drei Jahre jüngerer Bruder sahen, wie der Kursleiter die Kinder an Armen und Beinen packte und kopfüber ins Wasser schmiss. Bis dahin hatten sie vergeblich herkömmliche Schwimmkurse besucht, in denen man in sechs Wochen Brustschwimmen lernen und das Seepferdchen machen soll. Dort war bei unseren Kindern die Angst vor dem Wasser jedoch nur noch größer geworden.

Die Aquakids, die Kurse an vielen Orten in der Region von Bad Arolsen bis Fritzlar anbieten, waren unsere letzte Hoffnung. Es hat dann tatsächlich nicht lang gedauert, bis die beiden es nicht abwarten konnten, ebenfalls kopfüber ins Wasser geschmissen zu werden.

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Den Aquakids-Trainern geht es nicht darum, innerhalb kürzester Zeit die perfekte Schwimmtechnik zu vermitteln, sondern den Kindern die Angst zu nehmen. Vorrangiges Ziel ist die Unfallprophylaxe, wie Geschäftsführerin Barbara Noebel sagt. Im Notfall sollen sich die Mädchen und Jungen ganz natürlich auf den Rücken drehen: "Wir nutzen aus, dass das Element Wasser den Kindern vertrauter ist als die Luft. Sie sind ja im Wasser bis zur Geburt groß geworden."

Mit diesem Konzept gehört die vor 20 Jahren von Noebels Mutter Gertrud Welk gegründete Schwimmschule in Deutschland zu den Vorreitern einer neuen Bewegung. Immer mehr Sportmediziner und Pädagogen warnen vor dem Brustschwimmen, weil es technisch anspruchsvoll ist und ungesund sein kann.

Barbara Noebel von der Schwimmschule Aquakids

Die Aquakids-Kursleiter haben sich unter anderem in den USA und Australien umgesehen. International werden die Deutschen wegen des Brustschwimmens immer wieder belächelt, hat Noebel beobachtet. Während in angelsächsischen Ländern Anfängern vor allem Kraulschwimmen beigebracht wird, hat das Brustschwimmen hierzulande eine lange Tradition, die auf das Militär zurückgeht: Mit dieser Technik konnten Soldaten den Kopf über Wasser halten und nach dem Feind Ausschau halten.

Wer dagegen richtig Brustschwimmen will, hat den Kopf immer wieder unter Wasser. Andernfalls ist die Wirbelsäule ständig gekrümmt, was nicht nur zu Nackenschmerzen führen kann."Brustschwimmen ist technisch und physiologisch sehr anspruchsvoll", hat Axel Dietrich, Jugendbildungsreferent des Deutschen Schwimm-Verbands in Kassel, schon vor einigen Jahren festgestellt. Zudem belasten die Froschbeine das Kniegelenk. "An Land machen Menschen solche Bewegungen nicht. Und trotzdem wird deutschen Kindern das Unvertraute als erstes beigebracht", sagt Noebel.

Die Aquakids schwimmen darum erst einmal auf dem Rücken, auch bei der Seepferdchen-Prüfung. Davon profitieren gerade kleine Kinder, die beim Brustschwimmen viel Kraft brauchen, um ihren Kopf anzuheben. Die jüngsten Kursteilnehmer sind erst sechs Wochen alt. "Man kann nicht früh genug anfangen", sagt Noebel, in deren Schule man so lang einen Platz sicher hat, bis die Kleinen schwimmen können. Es gibt keinen Zeitdruck.

Ähnlich arbeitet man mittlerweile auch in Hamburg. In den städtischen Kursen der Hansestadt ist nicht mehr ein bestimmtes Abzeichen das Ziel, auch der Schwimmstil wird nicht mehr vorgeschrieben. Vielmehr geht es darum, sich im Wasser sicher zu fühlen.

Gerade das fehlt mehr als der Hälfte der Grundschüler. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) haben nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Schwimmabzeichen. Schon ist von einem "Land der Nichtschwimmer" die Rede.

Dazu passt die Meldung, dass 2017 in Deutschland 537 Menschen ertranken, 49 mehr als 2015 und so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr - im vorigen Jahr waren es wieder weniger Tote (404). Der langfristige Anstieg hat zum einen mit den Flüchtlingen zu tun, die ins Land gekommen sind und oft nicht schwimmen können, aber auch mit der Sparpolitik in vielen Städten und Gemeinden. Laut DLRG wurden allein im vorletzten Jahr 116 Schwimmbäder dicht gemacht. Ein Viertel aller Grundschulen muss ohne Bad in der Nähe auskommen. Die vor allem in Großstädten eröffneten Spaßbäder wiederum sind für Noebel, "nicht ideal, um zu schwimmen".

Manchmal ist Schwimmen auch gar kein Spaß, aber überlebenswichtig, wie Noebel vor drei Jahren erfuhr. Da wurde ein Junge, der bei den Aquakids Schwimmen gelernt hatte, aus Versehen im Pool im Garten eingesperrt. Sein Großvater hatte die elektrische Abdeckung geschlossen. Nur weil das Kind auf dem Rücken schwimmen und so mit den Beinen gegen die Plane treten konnte, bemerkte die Familie es noch rechtzeitig.

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