Arztinterview am Stadtkrankenhaus Korbach

Schwindel durch Viren und Stress

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Schwindel kann auf den Ausfall des Gleichgewichtsorgans hindeuten. Obwohl bei den Ursachen noch Forschungsbedarf besteht, gibt es zuverlässige Therapien.   

Alles dreht sich rasend schnell, die Beine versagen, Übelkeit steigt auf – das Schwindelgefühl kommt oft ganz plötzlich. Zu Ursachen und Therapiemöglichkeiten informiert Serguei Korboukov, Facharzt am Stadtkrankenhaus Korbach.

Welche Arten von Schwindel treten am häufigsten auf?

Jeder Dritte erleidet einmal im Leben einen mittleren bis schweren Schwindelanfall, wobei die Häufigkeit im Alter steigt. Meist ist die Gleichgewichtsstörung vorübergehend, aber es gibt auch Dauerschwindel. Schwindel ist keine selbstständige Erkrankung. Das ist ein Komplex von verschiedenen Symptomen unterschiedlicher Ursachen. Man unterscheidet Drehschwindel, Schwankschwindel und Benommenheitsschwindel. Während der Schwankschwindel viele Ursachen haben kann, kommt der Drehschwindel entweder vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr oder von einer Schädigung im Hirnstamm oder im Kleinhirn.

Wenn das Gleichgewichtsorgan einseitig ausfällt (Neuritis vestibularis), kann es zum heftigen Schwindelanfall kommen – einem Drehschwindel mit Übelkeit und Erbrechen. Wie viele Fälle dieser Krankheit behandeln Sie im Jahr?

Die Neuritis vestibularis ist ein einseitiger Ausfall eines Gleichgewichtsorgans. Als Auslöser der idiopathischen Erkrankung, bei der ein Infekt der oberen Atemwege im Vorfeld nicht selten ist, werden Viren diskutiert. Aus völliger Gesundheit heraus kommt es zu einem über Tage anhaltenden Drehschwindel mit Übelkeit und Erbrechen. Diese für den Patienten sehr quälenden Symptome werden symptomatisch mit Medikamenten gegen Übelkeit und Unruhe sowie ggf. kurzzeitig hochdosiert mit Glucocorticoiden behandelt. Eine schnellstmögliche körperliche Aktivität mit bestenfalls physiotherapeutischem Training des Gleichgewichtsorgans führt zu einer Ausheilung innerhalb von wenigen Wochen. Nach einer bundesweiten Statistik sind etwa 8,2 Prozent der Patienten mit Schwindelfällen vom peripheren vestibulären Schwindel (Neuritis vestibularis) betroffen. Im Stadtkrankenhaus behandeln wir jährlich etwa 175 Patienten mit Neuronitis vestibularis.

Untersuchung des Gleichgewichtsorgans im Ohr.

Zur Risikogruppe: spielen Alter und Geschlecht eine Rolle?

Da Schwindel viele Ursachen habe kann, gibt es keine definierten Risikogruppen für die Entstehung der Erkrankung. Für zentrale Formen, die infolge eines ischämischen Schlaganfalles entstehen, sind die Risikogruppen eher definiert. Da sind häufig etwas ältere Personen mit einem ausprägten kardialen Risikoprofil betroffen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, und wie behandeln Sie die Patienten mit dieser Krankheit?

Die „Schwindeltablette“, die alle Symptome kuriert, gibt es nicht. Unterschiedliche Schwindelarten werden unterschiedlich behandelt. Die am meisten vorgenommene Therapie ist eine komplexe Therapie, bestehend aus Medikamenten, Physiotherapie und ggf. Psychotherapie.

Wie lange dauert eine Therapie in der Regel?

Die Dauer der Therapie unterscheidet sich von der Form des Schwindels. Es könnte sich um wenige Tage, aber auch um mehrere Monate handeln. Wichtig ist in jedem Fall die Ursachen abzuklären. Wer einen Drehschwindel erlebt hat, sollte sich unbedingt untersuchen lassen. Allein schon um andere Ursachen wie etwa einen Schlaganfall, auszuschließen.

Wie groß ist das Risiko, dass ein austherapierter Drehschwindel mehrmals auftritt? Kann er auch chronisch werden? Nimmt das Risiko im Alter zu?

Der bereits austherapierte Drehschwindel kann auch mehrmals auftreten. Es gibt viele chronische Formen. Allerdings kommt es meistens nach einer erfolgreichen Therapie zu einer endgültigen Genesung.

Welche Ursachen für diese Krankheit kommen in Frage? Zum Beispiel Viren, Psyche/Stress oder Vererbung? Wie ist der aktuelle Forschungsstand?

Bei der Neuritis vestibularis vermutet man eine virale Ursache, die allerdings wissenschaftlich noch nicht bewiesen ist. Für die zentralen Formen spielt eine Arteriosklerose eine große Rolle. Auch Stress begünstigt die Entwicklung dieser Erkrankung.

Kann man dieser quälenden Krankheit durch seine Lebensweise vorbeugen? Stichworte: Bewegung und Ernährung?

Ja, wie bei so vielen gesundheitlichen Beschwerden gilt auch hier: ein gesunder Lebensstil, Sport und ausgewogene Ernährung wirken sich günstig aus.

Wie sollten sich Betroffene nach der Therapie verhalten, sollten sie bestimmte Sportarten meiden?

Bei austherapiertem Schwindel kann der Patient uneingeschränkt seiner sportlichen und beruflichen Tätigkeit nachgehen. /Achim Rosdorff

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