Angeklagter räumt Schuld an Taten im Oberen Edertal ein und setzt auf Therapie

Sechs Jahre Haft für Pädophilen

Oberes Edertal / Marburg - Das Landgericht in Marburg hat einen pädophil veranlagten Täter aus dem Hochsauerlandkreis des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in mehreren Fällen schuldig gesprochen. Es ordnete eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus für sechs Jahre an. Bereits am zweiten Verhandlungstag wurde der Beschuldigte in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen.

Zwischen den Jahren 2012 und 2014 hatte der Erzieher insgesamt drei Kinder unter zehn Jahren in Allendorf und anderen Orten der Region mehrfach sexuell missbraucht. Die Kinder lernte er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit kennen, betreute sie in pädagogischen Einrichtungen oder auf Freizeiten.

Vor Gericht berichtete eine Vertreterin der Familienhilfe über ihre Erfahrungen mit einem der Opfer. Den Jungen im Alter von damals sieben Jahren lernte sie als „aufgewecktes, wissbegieriges Kind“ kennen. Trotz einer Behinderung und geistigen Entwicklungsverzögerung sei er unauffällig und normal gewesen, erläuterte die Pädagogin. Dies änderte sich Ende vergangenen Jahres innerhalb weniger Wochen. „Völlig aufgelöst“ habe der Junge von den sexuellen Übergriffen seitens des Angeklagten berichtet. Bis heute habe er unter dem Erlebten zu leiden, eine Therapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gestalte sich langwierig und schwierig, teilte auch eine behandelnde Psychologin mit, die eine posttraumatische Belastungsstörung bei dem Opfer diagnostizierte.

Die Schuld des voll geständigen Angeklagten sahen sowohl Staatsanwaltschaft wie auch Nebenklage und Verteidigung in sämtlichen 18 Anklagevorwürfen umfassend bestätigt. Ein hohes, krankhaft bedingtes Rückfallrisiko des Angeklagten und damit eine wahrscheinliche Freiheitsstrafe in Form einer psychiatrischen Unterbringung war seit Verhandlungsbeginn stets Thema des auffallend kurzen Prozesses.

Gleichfalls gingen die Verfahrensbeteiligten von einer verminderten Schuldfähigkeit des Täters aus. Der eindeutig vorliegenden, von psychologischer Seite bestätigten Pädophilie gehe bei dem 26-Jährigen eine ausgeprägte Selbstunsicherheit und Unreife voraus, betonte Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier in ihrem Plädoyer und forderte eine Freiheitsstrafe samt Unterbringung von acht Jahren. Auffällig bei dem außergewöhnlichen Prozess sei das umfassende Geständnis des Täters, das nicht – wie so oft in einem Missbrauchsprozess – nur darauf abziele, eine erneute Aussage der Opfer zu verhindern. Viel eher sei das seltene Geständnis des Beschuldigten „deutlich umfangreicher als die Anklage hätte beweisen können“, führte die Staatsanwältin aus. Gleichwohl „macht das nichts besser“: Der 26-Jährige habe gezielt bereits vorhandene Handicaps und Zutrauen der Opfer sowie besondere Wohn- und Lebensverhältnisse getestet und klar ausgenutzt. Er ging strategisch vor, suchte sich „die Schwächsten der Schwachen“ aus, ergänzte auch Friederike Vilmar, Vertreterin der Nebenklage. Schaue man sich den von einem steten Bezug zu Kindern geprägten Lebenslauf des Angeklagten in verschiedenen pädagogischen Einrichtungen an, könne dieser Prozess auch nur „die Spitze des Eisberges“ sein, stellte die Anwältin eine Vermutung auf.

Ein Verständnis für den Angeklagten könne es nicht geben, gleichwohl sei sich dieser seiner Neigungen und begangenen Straftaten voll bewusst, habe sich ohne die geringste Verharmlosung selber belastet, betonte Verteidiger Kay Hofheinz. Sein Mandant wisse um seine seelische Störung und „die Gefahr, die von ihm ausgeht“. Der junge Mann werde in den nächsten Jahren daran arbeiten, dass diese Gefährlichkeit im Rahmen einer Therapie irgendwann gebannt wird.

Neben einer sechsjährigen Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verhängte die Jugendkammer außerdem ein lebenslanges Berufsverbot für den ehemaligen Erzieher. Daneben hat er insgesamt 15000 Euro Schmerzensgeld an seine Opfer zu zahlen.

Der Prozess sei „ein ziemlich einmaliger Fall“ und zeichnete sich durch mehrere Besonderheiten aus, „die Folgen sind schwer“, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf während der Urteilsbegründung. Trotz einer eingeschränkten Steuerungsfähigkeit und „großen Dranghaftigkeit mit suchtähnlichem Charakter“ handelte der Täter strukturiert, rational und geplant. Beides schließe sich nicht gegenseitig aus, eine verminderte Schuldfähigkeit liege somit eindeutig vor. Die Erkrankung sei zudem ein „dauerhafter Zustand“, von dem Verurteilten gehe derzeit eine klare Gefahr aus.

Eine spätere Sicherungsverwahrung lasse das Gesetz im Fall des 26-Jährigen jedoch nicht zu, erklärte der Richter. Dies bedeute aber nicht, dass der Täter nach Ablauf der Strafe umgehend auf freien Fuß gesetzt werde, sollte noch irgendeine Gefahr nach gesetzlichen Vorgaben von ihm ausgehen.

Sowohl Staatsanwaltschaft wie auch Verteidigung nahmen das Urteil an.

Von Ina Tannert

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