Asel-Süd

„Sie gehen in die Geschichte der Gemeinde ein“

- Vöhl-Asel-Süd (jos). Ihr Einsatz ist beispiellos. Doch sie möchte nicht als Heldin gefeiert werden. Stattdessen wünscht sich die Lebensretterin Natalia Kuhn, dass mehr vor den Gefahren am Edersee gewarnt wird.

Dramatische Szenen haben sich am Donnerstag bei Asel-Süd abgespielt. Einen Tag danach kehrt Natalia Kuhn an die Stelle zurück, an der sie einem leichtsinnigen Angler das Leben gerettet hat. Bei ihrem ersten Versuch, den Mann aus dem Wasser zu retten, ist die 36-Jährige selber ins Eis eingebrochen. Sie hat sich ans Ufer gerettet und mit einer Leiter gleich den nächsten Versuch unternommen, dem Angler zu helfen. „Angst hatte ich in diesem Moment nicht“, sagt die Spätaussiedlerin, die in Sibirien aufgewachsen ist. Einen Tag nach dem folgenschweren Unglück wirkt sie nachdenklich. Sie hat ihr Leben für das eines anderen riskiert. Unüberlegt sei ihr Einsatz allerdings nicht gewesen. Noch zu Zeiten der Sowjetunion habe sie in Schule und Studium bei der militärischen Grundausbildung Eisrettung gelernt. Theoretisch. Dass sie dieses Wissen noch einmal abrufen müsste, hätte die 36-Jährige sicher nicht gedacht. Seit zweieinhalb Jahren lebt sie mit ihrer Familie im ehemaligen Forsthaus in Asel-Süd. Von dort aus hat sie am Donnerstag die Hilferufe zweier Angler gehört, die ins Eis eingebrochen sind. Einem 58-jährigen Mann aus Warburg hat sie das Leben gerettet. Der andere Angler ist im Edersee versunken. Wie die Polizei gestern mitgeteilt hat, handelt es sich um einen Bekannten des Geretteten, 54 Jahre alt und ebenfalls aus Warburg. „Ich habe beide auf Russisch angesprochen“, sagt Natalia Kuhn. In ihrer Heimat sei das Eisangeln ein Volkssport. Schon Anfang der Woche habe sie immer wieder zu verschiedenen Eisanglern am Edersee gesagt, es sei viel zu gefährlich, das brüchige Eis zu betreten. „Ich war wütend“, sagt die Mutter zweier Kinder. „Wie kann man nur so blöd sein“, habe sie sich gedacht. Als sie die Hilferufe hört, hat Natalia Kuhn allerdings nicht gezögert, sondern gehandelt. „Ich habe mir gesagt, wenn ich robbe, dann habe ich eine Chance“ – mit diesem Gedanken hat die Frau den zweiten und schließlich für einen der beiden Angler erfolgreichen Rettungsversuch unternommen. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll“, sagt der Vöhler Bürgermeister Harald Plünnecke, als er der Retterin einen Tag nach ihrer Heldentat einen Blumenstrauß überreicht. „Sagen Sie nicht so viel“, entgegnet Natalia Kuhn und ergänzt fast etwas beschämt: „Jetzt werde ich noch zur Heldin gemacht.“ Heldin sein, das will die Mediendesignerin und Fotografin nicht. Aber sie ist es. „Sie gehen in die Geschichte der Gemeinde ein“, betont Plünnecke. Ob sie stolz darauf ist, ein Menschenleben gerettet zu haben? „Nein“, sagt die 36-Jährige bestimmt. „Aber ich danke Gott.“ Für die Seele des Ertrunkenen könne sie nun nur noch beten. Zwei Stunden nach dem Unglück haben die Rettungskräfte am Donnerstag den Einsatz abgebrochen. Gestern haben Polizisten am Ufer des Sees nach der Leiche des Mannes Ausschau gehalten. Erfolglos.Durch die Strömung ist die Leiche wahrscheinlich weit abgetrieben. Am Freitag ist der Wasserstand des Sees um einen Meter gestiegen. „Hoffentlich kann er bald geborgen werden“, sagt Natalia Kuhn. Ihr zweiter Wunsch: Warntafeln, die auf die Gefahren am See hinweisen. Doch vor verantwortungslosem Leichtsinn schützen auch die nicht. Bei aller Wut über die Unvernunft der Angler sagt Natalia Kuhn: „Natürlich habe ich ihnen vergeben.“

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