Jugendstrafkammer verurteilt Mann wegen sexuellen Missbrauchs zu Bewährungsstrafe

„Sie hat nichts auswendig gelernt“

Korbach/Kasse - Mit ständigem Kopfschütteln nimmt ein Angeklagter am Dienstag in Kassel sein Urteil entgegen: Ein Mädchen belastete ihn, sie sexuell missbraucht zu haben. Die Richter glauben ihr.

Bis zuletzt hat der Angeklagte die Vorwürfe abgestritten. „Ich kann nur das zugeben, was ich gemacht habe“, sind seine „letzten Worte“, bevor der Vorsitzende Richter Jürgen Dreyer das Urteil bekannt gibt: 22 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Länger als anberaumt dauert zunächst die Beratung mit dem beigeordneten Richter und zwei Schöffen. Nach zwei Stunden Pause und insgesamt zwei Verhandlungstagen steht für das Gericht aber zweifelsfrei fest: Der 52-Jährige hat im vergangenen Jahr ein Nachbarsmädchen sexuell missbraucht.

Die Ausgangslage: Der Mann bewohnt in Korbach seit mehreren Jahren eine Einliegerwohnung. Vermieter ist ein Ehepaar, das mit zwei Kindern ebenfalls in dem Haus lebt. Es besteht ein gutes nachbarschaftliches, aber nicht freundschaftliches Verhältnis. Die Eltern legen Wert darauf, dass die Kinder Distanz zu dem Untermieter halten. Besuche in der Wohnung sind untersagt – eigentlich.

Am PC beim Nachbarn

Doch die Achtjährige und ihr jüngerer Bruder nutzen die Möglichkeit, im Hof zu spielen, ab und zu für Stippvisiten im Nachbarskeller. Hier dürfen sie sich beim PC-Spielen die Zeit vertreiben. Die Eltern wissen von alledem wenig bis nichts. Doch im April 2012 vermisst die Mutter nach rund einer Dreiviertelstunde ihre Kinder. Sie klingelt beim Untermieter und schickt ihren Nachwuchs sofort nach oben. Wenig später erzählt die Tochter ihrer Mutter, was im Untergeschoss passiert ist.

Der Mann hat sie unter dem Vorwand, „ihr etwas zeigen“ zu wollen, auf die Toilette gebeten. Hier berührt er das Kind zunächst zweimal im Intimbereich. Anschließend zeigt er ihr sein Geschlechtsteil und lässt sie daran reiben. Währenddessen sitzt der Bruder am Computer; die ebenfalls in der Wohnung lebende Freundin bekommt von alledem nichts mit. Vor Gericht gibt sie an, ihr Freund habe sich – während das Kind auf der Toilette gewesen sei – einen Cappuccino in der Küche gemacht. Dies habe sie am Anschalten des Wasserkochers und dem Auf- und Abstellen der Tasse bemerkt. Doch das Gericht nimmt ihr diese Geschichte, die sie der Polizei erstmals rund drei Monate später erzählt, nicht ab.

Der heute Neunjährigen hingegen glauben Gericht und Staatsanwaltschaft. „Wir haben keine Zweifel an der Aussage des Kindes“, macht Dreyer deutlich. Nur mit „aussagepsychologischen Kenntnissen“ könne sich eine Person eine derart dichte und realistische Darstellung ausdenken. Motive für das Kind, den Mann zu belasten, gebe es nicht – im Gegenteil. „Ihr tut es ja eher noch leid, dass er ausziehen musste – weil sie ihn immer noch mag“, verdeutlicht Dreyer, der am ersten Prozesstag mit viel Feingefühl die junge Zeugin befragte. Die Mutter des Kindes hatte am Montag bestätigt, dass sich ihre Tochter der Tragweite des Geschehenen bis heute nicht bewusst sei.

Eine forensische Psychologin bestärkt am Dienstag den Eindruck, den das Gericht vom Opfer hat: „Sie hat eine gute Erinnerung und hat nichts auswendig gelernt.“ Die Varianten der Verteidigung passten hingegen „nicht zusammen“.

Argument Knochenleiden

Die Verteidigerin versucht, viele Aspekte in ein anderes Licht zu rücken. Ihr Klient könne wegen eines Knochenleidens und der Höhe der Toilette nur sehr schwer die vorgeworfene Handlung begangen haben. Anatomische Besonderheiten am Körper, die dem Kind hätten auffallen müssen, sieht das Gericht aber ebenfalls als keinen schlüssigen Beweis gegen den Missbrauch an.

Die Verteidigerin beantragt zudem einen Ortstermin in Korbach, den das Gericht am Dienstag umsetzt. Doch vor Ort erhärten sich für den Richter eher die Vorwürfe.Der zuvor rechtlich nicht in Erscheinung getretene Bürger kann beim Bundesgerichtshof Revision einlegen. Bereits im Gerichtssaal deutet er an, das Urteil nicht hinnehmen zu wollen.(den)

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