Jonathan Gonzales und Ismael Mendoza berichten der WLZ

Spanier absolvieren Ausbildung im heimischen Bauhandwerk

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Die beiden jungen Spanier Ismael Mendoza und Jonathan Gonzales berichten über Erfahrungen als Auszubildende im Waldeck-Frankenberger Bauhandwerk.

Korbach. Seit September 2016 absolvieren sieben Spanier eine Ausbildung im Bauhandwerk. Mit ihrem vom Bund geförderten Projekt will die Kreishandwerkerschaft ihnen eine Chance bieten und den Facharbeitermangel bekämpfen. Jonathan Gonzales und Ismael Mendoza berichten über ihre Erfahrungen. 

In luftiger Höhe Ziegeln verlegen oder dem Schornstein eine Bleischürze anpassen? Klar, „ich muss aufpassen“, sagt der angehende Dachdecker Jonathan Gonzales. „Aber ich habe keine Angst. Die Arbeit ist sehr gut.“ 

Auch für den angehenden Straßenbauer Ismael Mendoza ist die Ausbildung „sehr gut“, ihm kann es nicht schnell genug gehen: „Ich möchte gern mehr lernen.“ 

Die beiden jungen Spanier haben mit fünf weiteren die Chance wahrgenommen, die ihnen die Kreishandwerkerschaft bietet: Sie sind der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat entflohen und absolvieren eine Ausbildung in heimischen Baubetrieben. Sie sind gekommen um zu bleiben: als dringend gesuchte Facharbeiter. Der WLZ berichten sie über ihre Erfahrungen. 

Aus dem strukturschwachen Gebiet Extremadura

Der 28 Jahre alte Ismael Mendoza stammt aus dem rund 8500 Einwohner zählenden Dorf Azvaga. Da es in Spanien keine duale Ausbildung wie in Deutschland gibt, lernte er an Schulen Koch und Gartenbauer. Er arbeitete in verschiedenen Städten, war sogar in der Dominikanischen Republik. Doch eine dauerhafte Anstellung fand er nicht. 

Der 29-jährige Jonathan Gonzales aus dem 8000-Einwohner-Dorf Jaraiz de la Vera hat in der Schule schon drei Ausbildungen absolviert: als Waldhüter, als Schweißer und als Badeaufsicht und Rettungsschwimmer. Er jobbte in Fabriken, doch auch er fand in der strukturschwachen Gegend Extremadura keine feste Anstellung. 

Die Kreishandwerkerschaft habe sich sich mit der Extremadura bewusst für ein ländlich geprägtes Gebiet entschieden, um den Spaniern die Eingewöhnung im Kreis zu erleichtern, erklärt der Hauptgeschäftsführer Gerhard Brühl. 

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit und ihren spanische Partner der Agentur „Sexpe“ suchten 20 Kandidaten aus. Als  „Sexpe“ sie  Anfang 2016 auf das Projekt der Kreishandwerkerschaft aufmerksam machte, sagten auch Gonzales und Mendoza gleich zu. 

Der Sprachkurs

Zunächst besuchten sie einen viereinhalbmonatigen, von der Kreishandwerkerschaft finanzierten Sprachkurs. Gonzales absolvierte ihn in mit drei anderen Placentia, Mendoza mit weiteren 15 Interessenten in Cáceres. „Wir waren alle sehr motiviert“, sagt Mendoza. „Aber es war schwer, die ersten 20 Tage habe ich gar nichts verstanden.“ Seine Gruppe drehte draußen mit der Handykamera Videos, in denen sich die Teilnehmer auf deutsch vorstellten, die Filme schickte sie nach Korbach. 

Auch Gonzales räumt „große Probleme“ ein, es gab mehrere Kursabbrüche, er war mit seiner Lehrerin nach einem Monat allein. 

Mitte Juli 2016 kamen 13 Spanier für die „Erprobungsphase“ das erste Mal nach Deutschland. Ihr erster Eindruck: mal Schauer, mal Sonnenschein, mal warm, mal kalt – gewöhnungsbedürftiges Wetter. Und unter „warm“ verstehen sie eher Temperaturen um die 40 Grad, die sie aus ihrer Heimat gewohnt sind, dem autonomen Gebiet Extremadura an der portugiesischen Grenze. 

Auch die Essenszeiten in der Korbacher Jugendherberge waren anders als gewohnt. Gonzales konnte es kaum fassen: Abendessen schon um 18 Uhr? „Warum?“ Das sei in Spanien gerade die Zeit fürs Kaffeetrinken, „Ich habe abends immer Hunger gehabt.“ Aber das Essen sei schon gut gewesen – auch wenn zunächst nicht genug Zucker und Milch für den Kaffee da gewesen sei. Noch so eine spanische Besonderheit.

Nach zwei Wochen im Korbacher Lehrbauhof absolvierten die Spanier Praktika in Baubetrieben.

Die Ausbildung beginnt

Nach dieser „Erprobungspahse“ ging es für einen Monat zurück nach Spanien: Bedenkzeit. „Für mich war klar, ich komme zurück“, sagt Mendoza – das galt auch für Gonzales. Beide starteten ihre Lehre in ihren Praktikumsbetrieben. 

Zum 1. September 2016 traten insgesamt  zehn Spanier ihre dreijährige Ausbildung in Betrieben an, sieben sind derzeit noch dabei. „Das ist eine sehr geringe Abbruchquote, betont der Geschäftsführer „Operativ“ der Korbacher Agentur für Arbeit, Manfred Hamel.

Gonzales lernt bei Dachdecker Arno Hutwelter in Buchenberg. Neben seinem Meister und dessen Vater gehören zwei Gesellen und ein Auszubildender zum Betrieb. „Kleine Firmen laufen besser“, findet Gonzales. „Mit den Kollegen ist es immer gut.“ 

In der ersten Zeit sei es ihm schwer gefallen, alles zu verstehen, sagt seine Betreuerin, die Diplom-Pädagogin Cheryn Schaffer vom Berufsförderungswerk der Kreishandwerkerschaft. Es habe viele Missverständnisse gegeben. „Aber das klappt immer besser.“

 Auch die Theorie in der Berufsschule sei schwer, berichtet Gonzales. „Aber es wird immer besser“, sagt Schaffer. Im Unterricht sitzen fünf Spanier, sie helfen sich gegenseitig. „Ich will lernen“, versichert er.

Mendes wird Straßenbauer bei der Meineringhäuser Firma Rohde. Mit seiner Kolonne aus sechs Leuten hat er schon in Frankenberg und Röddenau gearbeitet, er ist der einzige Auszubildende. Dass er gut aufgenommen wurde, zeigt eine Episode: Weil er bei der Arbeit öfter hungrig war, brachten ihm zwei Kollegen Essen mit. 

„Es hängt viel an den Gesellen“, sagt Gerhard Brühl. Für sie sei es eine Herausforderung, die Arbeit zu schaffen und noch Auszubildende anzuleiten. Aber: „Wir haben durchweg gute Erfahrungen gemacht.“ 

Auch das Verhältnis zur Berufsschule sei eng. Drohten Probleme bei Prüfungen, stünden bei Bedarf immer noch ausbildungsbegleitetende Hilfe zur Verfügung. 

Leben Waldeck-Frankenberg

Die vielen bereits in Korbach lebenden Spanier helfen ebenfalls beim Eingewöhnen, Gonzales hat in seiner „Whatsapp“-Gruppe 23 Leute gespeichert. Allerdings: Ihre Umgangssprache sei deutsch, betont er: „Ich will Deutsch lernen, sofort!“ 

Doch es gibt auch immer wieder Heimweh. Gerade Gonzales hatte einen schweren Start: Kurz nach Ausbildungsbeginn starb seine Mutter. Sein Vater lebt seitdem allein. „Das ist traurig für ihn.“ 

Der Sohn fand in Buchenberg die Liebe seines Lebens: Die Nachbarin seines Chefs wollte spanisch lernen, er deutsch – die beiden fanden zusammen und sind heute ein Paar, sie wollen im Februar zusammenziehen. „Deutschland ist mein neues Land für die Zukunft“, sagt er. „Ich will eine Familie haben und hier bleiben.“ 

Mendoza hat im Juli 2017 seine Freundin aus der Dominikanischen Republik geheiratet, „ich hoffe, dass sie nachkommt“, sie lerne seit zwei Wochen Deutsch. Auch er will im Kreis bleiben. 

Beruflich sind ihre Aussichten hervorragend, wahrscheinlich werden beide nach der Lehre übernommen. Das Bauhandwerk boome, berichtet Brühl. „Ich sehe nicht, dass sich in den nächsten zwei Jahren ändert.“ 

Und der Bedarf an Nachwuchs wird immer größer, deshalb hat die Kreishandwerkerschaft  ihrProjekt ja 2016 gestartet.

Bundesprogramm  ausgelaufen

Das Bundesprogramm zur „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen aus Europa“ – kurz „Mobipro-EU“ - ist zum Leidwesen der Kreishandwerkerschaft ausgelaufen, derzeit sei kein Nachfolger in Sicht, berichtet Hamel. Das heimische Handwerk wäre daran jedenfalls interessiert.

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