Eberhard Jung und Georg Lungwitz begeistern Zuhörer in Kilianskirche

Spitzentanz auf Manualen der Orgel

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Stadtkantor Eberhard Jung (r.) und Georg Lungwitz bei ihrem besonderen Konzert. Es assistiert Thoma Schwill.

Korbach - „Die mit der Orgel tanzen“ lautet der Titel des Programms, mit dem Stadtkantor Eberhard Jung und Georg Lungwitz die im Gottesdienstalltag vernachlässigte Seite der Kuhn-Orgel zum Klingen bringen.

Bei der „Verführung mit vier Händen und vier Füßen“ erweisen sich die ausgewählten populären Ballettklassiker aus Romantik und Impressionismus in mehr als einer Hinsicht als ideale Ausgangsbasis, um ein Publikum mit den unterschiedlichsten Hörerfahrungen anzusprechen.

Barrierefreie Klassik

Schließlich sind Bolero, Nussknacker-Suite oder das Bacchanal aus Samson und Dalilah aufgrund ihrer konstanten Verwertung in sämtlichen Medien barrierefreie Klassik. Vertrautes musikalisches Terrain, in das sich niemand groß einhören muss, ganz egal, ob der Erstkontakt beim Märchenhörspiel für Kinder, einem Werbeclip oder einem Hollywoodstreifen mit biblischen Motiven oder erotischen Untertönen erfolgt ist.

Dafür können sich gerade Kenner und Liebhaber auf die Feinheiten und Besonderhei-ten der Orgelbearbeitung konzentrieren und neue Zusammenhänge entdecken. Dank einer Videoprojektion kann das interessierte Publikum in der sehr gut besuchten Kilianskirche zudem jederzeit verfolgen, wie Finger über die Manuale tanzen und dabei nicht nur die Ebenen wechseln, sondern auch raffinierte Überkreuzsprünge vollführen.

Im Verlauf des Programms steigert sich der Schwierigkeitsgrad für die beiden Organisten, die sich mit Kélér Bélas abwechslungsreicher Lustspiel-ouverture gewissermaßen warm spielen und den Augen des Publikums mit moderaten Wechseln Gelegenheit zur Einstimmung bieten.

Die festliche Eröffnung mit Marschthema nehmen die beiden Organisten auf dem mittleren Manual in Angriff, dem Georg Lungwitz auch einige Triller entlockt, ehe er das Walzerthema im Flötenton anstimmt, während Eberhard Jung auf das dritte Manual wechselt, das sich im weiteren Verlauf der Buffa-Ouvertüre bis zum triumphierenden Finale als sein Reich erweisen wird. Georg Lungwitz bringt in raschen Wechseln zwischen den oberen Manualen den melodischen Einfallsreichtum des unterschätzten Meisterwerks zum Erblühen, das mit einer mächtigen Schlussfanfanfare auf dem dritten Manual ausklingt.

Im Vergleich zum Finale des Konzertauftakts wirkt die federleichte Eröffnung von Peter Tschaikowskys Nussknacker-Ouverture auf dem oberen und mittleren Manual als Kontrastprogramm, und auch die eher quirlige Interpretation des von zahlreichen Orchestern schwerfälliger angegangenen Marsches klingt in Alexander Därrs Bearbeitung, die den Interpreten viel Spielraum lässt, erfrischend anders.

Beim „Tanz der Zuckerfee“ vollführt Georg Lungwitz den Spitzentanz auf dem mittleren Manual und setzt charakteristische Akzente auf der obersten Ebene, während Eberhard Jung ein solides rhythmisches Fundament besorgt, das ebenso zu großen Erwartungen an den Bolero berechtigt wie die dynamische Spannungskurve mit maximalem Crescendo beim anschließenden „Trepak“.

Dasselbe gilt auch für das motorische Element beim getragenen „arabischen Tanz“, der nie zur dumpfen Klangschwelgerei verkommt und dabei stets die Transparenz eines Schleiers bewahrt.

Eigenheiten der Orgel

Im Vergleich zu den zuvor gehörten klanglichen Delikatessen gerät der elegante Blumenwalzer vergleichsweise derb und will nie so recht in Schwung kommen. Vielleicht fordern die Eigenheiten der Orgel in diesem besonderen Fall von Klangpracht und Tempo dann doch ihren Tribut.

Beim Bacchanal aus Samson und Dalilah stimmt die Balance dann wieder absolut. Hans Uwe Hilschers Orgelbearbeitung des schillernden Orchesterschlagers von Camille Saint-Saëns gerät unter den geschickten vier Händen der beiden Interpreten dynamisch ausgefeilter und rhythmisch präziser als bei den großen Ensembles.

Und auch die nicht uner-heblichen Temposteigerungen meistern Georg Lungwitz und Eberhard Jung absolut mitreißend bis hin zum majestätischen Finale, bei dem die Organisten noch einmal etliche Dezibel drauflegen.

Klangakzente gesetzt

Rhythmische Präzision und eine enorme dynamische Spannungskurve über einen verhältnismäßig langen Zeitraum, das sind die Herausforderungen, die es bei Maurice Ravels Bolero zu bewältigen gilt. Es sind keine hörbaren Hürden für die beiden Interpreten, die sich beim letzten Tanz des Programms noch einmal übertreffen und mit Standing Ovations bedacht werden. Die zahlreichen Klang-akzente, die Bearbeiter Hans Uwe Hilscher für die Orgel gesetzt hat, tragen ebenfalls zum überwältigenden Eindruck bei.

Bei der Zugabe beweisen Eberhard Jung und Georg Lungwitz echten Sportsgeist, indem sie sich den nicht ganz geglückten Blumenwalzer noch einmal vornehmen, doch auch der zweite Anlauf steht unter keinem günstigeren Stern und trübt ein wenig den glanzvollen Gesamteindruck. Aber vielleicht gehört der Blumenwal-zer ja auch zu den Spätblühern und erklingt am 6. Juli bei der Wiederholung des Konzerts im Rahmen des Altstadtkulturfestes in voller Pracht. (ahi)

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