Dr. Joachim Pries und Dr. Ulrich Gössinger nehmen Abschied

Sprechstunden sind gezählt

+
Dr. Joachim Pries schließt Ende 2015 seine Hausarztpraxis. In der Versorgung für Schwerstkranke (Palliativmedizin) und in der Betreuung von Flüchtlingen will sich Pries weiter engagieren.Foto: Kleine

Korbach - Allgemeinmediziner Dr. Joachim Pries und Hautarzt Dr. Ulrich Gössinger schließen ihre Arztpraxen in Korbach. Für beide gibt es bislang keine Nachfolger. Dies wirft ein Schlaglicht auf die medizinische Versorgung im ländlichen Raum.

Die Patientenkartei einer gutgehenden Praxis war vor Jahren noch ein wichtiger Teil der Altersversorgung für niedergelassene Ärzte. Nachfolger mussten eine Stange Geld dafür bezahlen. Denn was ist eine Praxis wert ohne die Patienten?

Diese Zeiten sind vorbei - zumindest in vielen ländlichen Regionen. Mehr noch: Für immer mehr Arztpraxen finden sich in Deutschland selbst ohne solche „Ablösesummen“ keine Nachfolger mehr.

„Es ist ja kein ganz unwichtiges Thema, dass eine große Praxis schließt“, sagt Dr. Joachim Pries (63) und legt die Stirn in Falten. Zum Jahresende wird der erfahrene Korbacher Hausarzt „die Fahne einziehen“, schildert er. Pries war lange Lehrbeauftragter der Uni-Klinik in Marburg, verfügt ebenso über gute Kontakte nach Kassel und Göttingen. Auch auf der Internetseite des Kreises - „Landarzt werden“ - hat er die Hausarztpraxis umfassend beschrieben. Doch bislang ohne jedes Ergebnis.

So wird die Gemeinschaftspraxis in der Flechtdorfer Straße, die Pries zusammen mit Dr. Tanja Liedtke führt, Ende Dezember komplett geschlossen. Wenn sich nicht doch noch ein Nachfolger findet.

Pries kam aus Norddeutschland nach Korbach und begann 1989 mit seiner Hausarztpraxis. Ähnlich lange ist Dr. Ulrich Gössinger in der Kreisstadt etabliert - als Facharzt für Hauterkrankungen (Dermatologie). Gössinger war zu DDR-Zeiten in Thüringen tätig, ging nach dem Mauerfall zunächst nach Stuttgart - und übernahm dann 1990 die Hautarztpraxis von Dr. Ernst-Karl Roeser in der Bahnhofstraße.

Doch nach rund einem Vierteljahrhundert angestammter Praxistätigkeit hat auch Gössinger (70) bislang keinen Nachfolger gefunden. Der einzige niedergelassene Hautarzt in Korbach wird seine Praxis bereits zum 24. September schließen: „Eine eigene Praxis ist zurzeit wahrscheinlich ein Auslaufmodell“, erklärt Gössinger nachdenklich.

Das berufliche Umfeld eines Facharztes und eines Hausarztes unterscheidet sich oft deutlich. Mitunter fühlen sich Mediziner angesichts der weiter gewachsenen Gesundheitsbürokratie in Deutschland sogar gegeneinander ausgespielt.

Aber zumindest aus Patientensicht sind die Entwicklungen ähnlich: Ländliche Regionen und ihre Menschen sind für junge Mediziner offenbar immer weniger attraktiv. Das liegt nicht nur an vermeintlich geringeren Verdienstmöglichkeiten, sondern offenbar auch an einem grundsätzlichen Wandel.

Bürokratie ist eine schlechte Medizin

Staatlich verordnete Bürokratie, Budgetregeln, Bereitschaftsdienste, hohe Investitionskosten für Praxen und Technik, aber auch wenig Raum für Freizeit und Familienleben werden wiederholt angeführt. Statt einer eigenen Praxis im ländlichen Raum suchen viele Mediziner dann eher einen Job als angestellter Arzt oder als Ärztin im Ballungsraum.

„Junge Kollegen streben wohl heute eher ein klares Arbeitsverhältnis an“, resümiert Dr. Pries. Ein Vorschlag des erfahrenen Arztes: Gemeindeschwestern mit mehr Kompetenzen könnten für Entlastung sorgen. „Da wäre auch die Politik gefordert“, unterstreicht er.

Zudem gibt es in Deutschland immer mehr medizinische Versorgungszentren (MVZ) an den Kliniken - auch in Waldeck-Frankenberg. In Verbindung zu den Krankenhäusern konzentrieren sich verschiedenste fachärztliche Dienste.

Angesichts des Wandels in der medizinischen Versorgung wäre für Pries denkbar, dass das MVZ am Korbacher Krankenhaus seine Hausarztpraxis übernehmen könnte. Doch dies ist offensichtlich nicht geplant.

„Es ist und bleibt eine große Herausforderung für die Kommunen. Stadt und Landkreis müssen sich neu aufstellen“, erklärt Bürgermeister Klaus Friedrich mit Blick auf die medizinische Versorgung in Korbach. Bedenklich sei in Deutschland insbesondere die Entwicklung bei den Fachärzten in ländlichen Regionen. Aufgrund bestehender großer Hausarztpraxen in Korbach sieht Friedrich für Patienten „die Versorgung nicht gefährdet“.

In den Akten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen finden sich für den Raum Korbach derweil 2,5 freie Sitze. Speziell für die Stadt Korbach ist aktuell ein freier Sitz für Hausärzte ausgeschrieben.

Neue Hausarztpraxis von Dr. Edward Poku

Zum 1. Juli hatte bereits Dr. Edward Poku eine Zulassung in Korbach erhalten - mit einer Praxis in der Bahnhofstraße. Der Facharzt für Innere Medizin und Hausarzt hatte zuvor 23 Jahre lang eine Praxis in Goddelsheim betrieben. Von 2003 bis 2011 war Poku als Arzt in England tätig, dann kam er zurück nach Nordhessen und eröffnete 2012 eine Praxis in Naumburg.

Nun ist Großbritannien seit den Zeiten der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher als Premierministerin (1979 bis 1990) nicht gerade als Vorbild sozialer Gesundheitsversorgung bekannt. Doch einen Gedanken aus England könnte sich der erfahrene Mediziner Edward Poku auch in Deutschland künftig vorstellen, um die Versorgung besonders in ländlichen Regionen zu sichern: Städte und Gemeinden bieten eine voll eingerichtete Arztpraxis an, in der Mediziner dann gegen entsprechende Entlohnung praktizieren.

Aber vielleicht finden sich in der Hansestadt Korbach vorher doch noch Ärzte, um in freier Regie die Praxen von Pries und Gössinger weiterzuführen.

Von Jörg Kleine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare