„Gedenkportal“ für die Opfer des Nationalsozialismus ist um „Stadtrundgang“ erweitert worden

Spurensuche: Korbach im „Dritten Reich“

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Die Mitstreiter des Korbacher „Gedenkportals“ an der Gedenktafel für die jüdische Familie Mosheim, die einst direkt am Rathaus gelebt hat: Karin Schmidt vom Hauptamt der Stadt, der Direktor der Alten Landesschule, Robert Gassner, der Computerfachmann Horst Schötten, die Initiatorin Marion Lilienthal, Bürgermeister Klaus Friedrich und der Leiter des Stadtarchivs, Wolfgang Kluß.Foto: -sg-

Korbach - Das „Gedenkportal“ im Internet über die Korbacher Opfer des Nationalsozialismus ist um eine Neuerung reicher: Ein interaktiver „Stadtrundgang“ lädt zur Spurensuche ein.

Die Hermann-Göring-Kampfbahn auf der Hauer, der Schlageter-Park an der Heerstraße, die SS-Sportschule im Verwaltungsgebäude der Continental-Werke, der Adolf-Hitler-Platz am Berndorfer Tor - die Nationalsozialisten haben sich nach der „Machtergreifung“ 1933 an vielen Stellen in der Hansestadt selbstbewusst inszeniert. Andersdenkende lieferten sie einer gnadenlosen Verfolgung aus - für viele Juden endete sie in Todeslagern. Ihr Besitz wurde „arisiert“.

Mit 28 Stationen

Wer sich dieser Zeit der Diktatur annähern will und Informationen über Täter und Opfer sucht, findet ab sofort einen leichten Zugang übers weltweite Internet: Unter der Adresse www.gedenkportal-korbach.de ist ein virtueller „Stadtrundgang“ durchs Korbach des Jahres 1937 möglich. 28 mit historischen Fotos gekennzeichnete Stationen bilden den Einstieg. Wer sie anklickt, kann sich näher mit der Geschichte von Gebäuden oder von verfolgten Familien befassen. Am Dienstag stellten Bürgermeister Klaus Friedrich und die Initiatorin Marion Lilienthal die neuen Seiten im Rathaus offiziell vor.

„Mit dem Stadtrundgang wollen wir eine moderne Form der Erinnerungskultur schaffen“, erläuterte Lilienthal. Dies sei ein wichtiger Baustein des „Gedenkportals“. Die Stationen berichten über die „Nazifizierung“ Korbachs, über die Instrumentalisierung von Häusern und Plätzen für die NS-Ideologie und über die Entrechtung und Verfolgung missliebiger Einwohner. „Die unmittelbare Begegnung mit Orten der Vergangenheit lässt die Komplexität der Geschehnisse greifbar machen“, erklärt Lilienthal. „Schicksale, die sich hinter Mauern verbergen, werden gegenwärtiger.“

Technisch umgesetzt hat den „Stadtrundgang“ Horst Schötten, der derzeit als Ein-Euro-Jobber für die Alte Landesschule arbeitet. Er hat viel ehrenamtliche Arbeit in das Projekt gesteckt. „Die Seite sollte einfach zu handeln sein, die Inhalte in den Vordergrund stellen und intuitiv zu bedienen sein“, erklärte er. Seine Grundlage bildete ein Stadtplan des Jahres 1937 aus dem Stadtarchiv. Die Karte lässt sich vergrößern. Die aufblinkenden Fotos sollen „Dynamik“ auf die Seite bringen und zum Anklicken motivieren.

Die Idee für das Gedenkportal hatte Marion Lilienthal schon 2009. Die Geschichtslehrerin an der Alten Landesschule gilt als die beste Kennerin der NS-Zeit in Korbach. Sie wollte an die Opfer der Verfolgung erinnern, ihre Schicksale in einen größeren Zusammenhang stellen und die Dimensionen der NS-Verbrechen zeigen. Mit Unterstützung der Stadt, des Stadtarchivs und der Alten Landesschule ging sie ans Werk. Seit 2012 sind die Seiten online.

Ein Internet-Portal statt eines Buches bot sich für sie an: Immer mehr Menschen nutzen das Netz; eine Plattform ist zudem modern und flexibel, sie lässt sich jederzeit aktualisieren und erweitern, ist weltweit einsehbar, und sie erleichtert den Kontakt zu Angehörigen von Opfern und zu Interessenten.

Weltweit einsehbar

Das Portal trägt viele neue Forschungsergebnisse zusammen, die bei Gedenkfeiern, Ausstellungen, in Aufsätzen oder auch in WLZ-Artikeln veröffentlicht worden sind. Erinnert wird an verschiedene Opfergruppen, ob politisch Verfolgte, Juden, überzeugte Christen, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, Sinti und Roma, Zwangssterilisierte oder behinderte Opfer der „Euthanasie“. Hinzu kommen einige Täterbiographien.

Seit 2012 werden die Seiten ständig erweitert. So wurde die von Karl Wilke in den 1950erJahren auf Papier begonnene Familienchronik der jüdischen Gemeinde aktualisiert. Gymnasiasten haben eine Broschüre über ins Konzentrationslager Buchenwald Deportierte aus dem Kreis zusammengestellt, es gibt ein Hörbuch zur Judenverfolgung in Korbach, Unterrichtsmaterialien, eine reichhaltige Fotosammlung aus den Beständen des Stadtarchivs und sogar Radiobeiträge.

„Kernstück des Gedenkportals bilden die mehr als 200 Opfer der NS-Zeit“, berichtete Lilienthal. Zu etwa 100 Namen fänden sich konkretere Angaben. Und das Portal habe schon viel Zuspruch erhalten. Als Beispiel nannte sie die Mails der Geschwister Mosheim - siehe die „Rückmeldung“ unten.

„Ich bin begeistert“, gestand Bürgermeister Friedrich. „Für unsere Stadt ist das Gedenkportal sehr wertvoll.“ Die moderne Technik könne junge Menschen für die Vergangenheit interessieren. Es sei wichtig, ihnen die Geschichte nahezubringen, aber auch Ältere müssten sich das Bewusstsein dafür bewahren. Das Portal stelle die NS-Zeit „sehr transparent“ dar und arbeite sie „versachlichend“ auf. So sei etwas Dauerhaftes entstanden, das der wissenschaftlichen Forschung diene und den Menschen die Geschichte ihrer Stadt nahebringe. Er freute sich über das große Interesse.

Das „Gedenkportal“ sei „genau das richtige Medium“, stellte auch der Leiter des Stadtarchivs, Wolfgang Kluß, heraus. „Forschung lässt sich nicht beenden“, online ließen sich Ergebnisse ergänzen. „Der Aspekt des Mahnens und Erinnerns wird hervorragend ausgeführt“, urteilte er. Der neue „Stadtrundgang“ sei einfach „großartig“. Er freute sich über die Fortschritte bei der Aufarbeitung der NZ-Zeit.

„Neuen Meilenstein gesetzt“

Lilienthal habe nicht nur die Idee gehabt, sondern auch die Kraft, sie umzusetzen, sagte der Direktor der Alten Landesschule, Robert Gassner. Das Portal sei ein „geniales Zusammentreffen von Idee, Tatkraft und Technik - da haben Sie mal wieder einen Meilenstein gesetzt.“

Das „Gedenkportal“ sei eine Besonderheit Korbachs, betonte auch Lilienthal, selbst Universitätsstädte wie Marburg oder Großstädte mit einem Stab aus Mitarbeitern hätten die NS-Vergangenheit nicht so umfassend aufgearbeitet wie die Ehrenamtlichen in der Hansestadt.

Gestern teilte die Bundeszentrale für politische Bildung mit, dass das Portal in die Datenbank „Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus“ aufgenommen worden sei.

Das Portal sei Ausdruck der engen Verbindung von Stadt, Stadtarchiv und Gymnasium, sagte Friedrich. Er dankte Lilienthal und Schötten: „Ich weiß, wie viel Fleiß dahinter steckt.“

Hintergrund

Die geachtete Kaufmannsfamilie Mosheim besaß zwei stattliche Fachwerkhäuser direkt am Rathaus, ihre Eisenwarenhandlung war eine Institution. Diana Mosheim und ihr Bruder Eduardo wussten nichts davon. Kaum ein Wort hat ihr Vater Leopold über seine Familie verloren, über seine Jugendzeit in der Kreisstadt, über seine Erlebnisse an der Alten Landesschule. Zu schmerzhaft waren wohl die Erinnerungen an die Demütigungen, die der Junge nach 1933 erleiden musste, die Erinnerungen an seine Eltern und Verwandten, die alle in Vernichtungslagern ums Leben gekommen sind. Denn für die Nationalsozialisten hatte die Familie einen unverzeihlichen Makel: Sie ist jüdisch. Leopolds Vater Edmund Mosheim war bis zu seiner Deportation 1942 Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Korbach, ein stolzer Waldecker, Feldwebel des Ersten Weltkriegs, Träger des Eisernen Kreuzes erster Klasse. Doch Verdienste fürs Vaterland zählten nicht viel für die Nationalsozialisten, als sie sich an die „Endlösung der Judenfrage“ machten. Nur dem damals 17-jährigen Leopold Mosheim gelang 1938 die Flucht in die USA. Seine Kinder leben heute in dem kleinen zentralamerikanischen Land Costa Rica. Sie wussten nicht genau, woher ihre Familie stammt. Und Bilder hatte der Vater offenbar nicht mitgenommen. Inzwischen haben Diana und Eduardo Mosheim alte Fotos der Familie, der 1979 abgerissenen Häuser am Rathaus. Sie kennen das Schicksal der Korbacher Mosheims. Der Adresse www.gedenkportal-korbach.de im weltweiten Netz sei Dank. Dort fanden sie ausführliche Informationen über ihre Wurzeln. Diana Mosheim mailte überwältigt: „Vielen Dank für diese Bemühungen.“

Von Dr. Karl Schilling

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