Untersuchung „Zulieferer für Hitlers Krieg“ von Prof. Dr. Paul Erker 

Neue Studie gibt Einblicke ins Korbacher Continental-Werk im „Dritten Reich“

„Betriebsappell“ der Deutsche Arbeitsfront im Continental-Werk in Korbach. Ohne Jahr.
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„Betriebsappell“ bei Continental in Korbach: Die Deutsche Arbeitsfront machte regelmäßig Propaganda für den Nationalsozialismus, der Vorstand in Hannover zog willig mit – 1942 wurde Conti ein „NS-Musterbetrieb“.

Aus einem weltoffenen Konzern wird ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb“, aus dem Gummifabrikanten ein unverzichtbares Rad der Kriegswirtschaft: In seiner neuen Studie „Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit“ beleuchtet der Münchener Historiker Prof. Dr. Paul Erker die Verstrickungen des Konzerns ins „Dritte Reich“. Auch über das Korbacher Werk finden sich viele Angaben.

Korbach – Die Untersuchung des ausgewiesenen Fachmanns für Unternehmensgeschichte erlaubt viele Einblicke ins Korbacher Werk: Erstmals lässt sich nachvollziehen, wie es in politische Zeitumstände, in die Kriegswirtschaft und in Konzernstrukturen eingebettet war.

Der Vorstand ließ sich willig in die ideologischen und politischen Ziele der braunen Machthaber einbinden – er brachte ideologische und wirtschaftliche Vorgaben von Staat und Partei in Einklang mit seinen auf Wachstum ausgerichteten Unternehmenszielen.

Später aufgekaufte Unternehmen berücksichtigt

Der Münchener Historiker berücksichtigt in seiner breit angelegte Studie auch später aufgekaufte Unternehmen wie Teves, VDO, Phoenix und Semperit – damit verwendet Erker einen neuen, innovativen Ansatz des „virtuellen Konzerns“. Prof. Erker verfolgt in der , 870 Seiten umfassenden Studie drei Leitfragen:

  • Wie hat sich die Unternehmenskultur in der Zusammenarbeit mit dem Regime und seinen staatlichen Behörden gewandelt?
  • Wie wurden Zwangsarbeiter eingesetzt?
  • Wie hat Continental den Krieg genutzt, um in besetzten, neutralen oder verbündeten Ländern zu wachsen

Prof. Erker zeichnet nach, wie die Nationalsozialisten auch im Korbacher Werk an Einfluss gewannen, wie es auf die Kriegswirtschaft ausgerichtet wurde: Neben Fahrradreifen lieferte es Autodecken, Spezialschläuche, Flugzeugreifen, Gummibehälter für Flugzeugtanks und Polster für Panzerketten. Immer mehr Arbeiterinnen wurden herangezogen, zunehmend wurden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt.

 „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ und Rüstungsbetrieb 

Der Weg zum „nationalsozialistischen Musterbetrieb“ und zum Rüstungsbetrieb lässt sich auch für Korbach nachvollziehen. Erker beschreibt, wie die Partei mit Zustimmung des Vorstands im Werk Fuß fasste. Nach dem Verbot der Gewerkschaften wurden die Betriebsräte aufgelöst. Die Deutsche Arbeitsfront machte Propaganda für den Nationalsozialismus und für die „Betriebsgemeinschaft“. Es gab „Betriebsappelle“ und Freizeitangebote – Conti wurde ein „NS-Musterbetrieb“.

Mit dem Vierjahresplan 1936 sollte die Wirtschaft fit für den Krieg gemacht werden. Der Staat lenkte Investitionen und machte Unternehmen Produktionsvorgaben, Arbeiter konnten dienstverpflichtet werden. Ein kriegswichtiger Zulieferer der Rüstungsindustrie wie Continental war in die Planung besonders eingebunden.

Produktionsverlagerungen nach Korbach

Im Krieg stieg der Bedarf. Doch zunehmende Luftangriffe auf Hannover erzwangen immer neue Produktionsverlagerungen, der logistische Aufwand wurde größer. Das einst für Fahrradreifen ausgelegte Korbacher Werk musste immer neue Fertigungslinien aufbauen. Obwohl es das kleinste im Konzern war, gewann es an Bedeutung. Ende 1940 war die Belegschaft auf 1100 angestiegen, bis November 1943 auf 1738. Die Luftwaffe wurde ein Großabnehmer.

Zur Entlastung wurden Korbacher Kapazitäten nach Posen, Belgien, die Niederlande und Jugoslawien verlagert – die Korbacher Fertigungsmethoden und Stückzahlen wurden dort zum Standard.

Sollzahlen erreichen

Die Werksleitung musste vorgegebene Soll-Leistungen erreichen, was immer schwerer zu schaffen war: Facharbeiter fehlten ebenso wie Rohstoffe: Es gab immer weniger Naturkautschuk, Ersatzmaterialien wie Buna und Kunstseide brachten Probleme mit sich, Liefermengen und Qualität schwankten.

Dann mussten immer neue Zwangsarbeiter angelernt und in die „Betriebsgemeinschaft“ eingegliedert werden – schon 1941 stellten sie in Korbach 51 Prozent der Belegschaft. Unerbittlich stiegen die Liefernormen – das Regime benötigte dringend Nachschub für die Front.

Auch in Korbach verschlechterten sich die ohnehin harten Arbeitsbedingungen. Arbeitsunfälle nahmen wegen der vielen Ungelernten zu. Die Behörden verlängerten die Arbeitszeiten. Im November 1944 beschädigten alliierte Bomber das Werk bei einem Angriff, am Gründonnerstag 1945 marschierten die Amerikaner in Korbach ein. Der Krieg war für die Waldecker damit beendet. Die Produktion ruhte.

Als einer der letzten Top-30-Konzerne im Deutschen Aktienindex stellt sich Continental seiner Vergangenheit. Das ist nicht nur für den Historiker wichtig: „Wir haben die Studie in Auftrag gegeben, um über dieses dunkelste Kapitel unserer Unternehmensgeschichte noch mehr Klarheit zu gewinnen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Dr. Elmar Degenhart bei der Vorstellung der Studie.

„Lernen aus der eigenen Vergangenheit“

„Unternehmenskulturen können unter dem Druck politischer Regime und gegenläufiger gesellschaftlicher Einflüsse schnell kippen“, erklärte Personalvorstand Dr. Ariane Reinhart. Als Folge der Studie hat Continental das Programm „Verantwortung und Zukunft“ gestartet. Es hat das Ziel, „das Lernen aus der eigenen Vergangenheit zum festverankerten Bestandteil der Unternehmenskultur zu machen“. (-sg-)

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