Kiste e.V. bietet Antiaggressionstraining für Gefängnisinsassen in Hessen

„Täter werden in Opferrolle gedrängt“

Korbach - „Ich saß im Knast und habe nichts gelernt. Erst durch das Antiaggressionstraining habe ich begonnen, Mitleid zu empfinden und erfahren, wie vielen Menschen ich wehgetan habe – auch mir selbst“, berichtet Christian M.* über ein hessenweit einmaliges Programm, das die Korbacher Initiative zur Straffälligen-Eingliederung (Kiste e.V.) zum Opferschutz einsetzt.

„Unser Ziel ist nicht, Gewalttäter vor dem Knast zu schützen“, stellt Kiste-Vorsitzende Sigrid Engelhard umgehend klar. Der Verein, der sich hauptsächlich durch verhängte Bußgelder finanziert, bietet das AAT, bei dem pro Teilnehmer etwa Kosten von 1200 Euro anfallen, aus einem ganz anderen Grund an: „Das Training kostet viel Geld, aber wenn wir damit nur ein Opfer verhindern, ist es das wert. (...) Täterarbeit ist schließlich die beste Opferarbeit.“

Christian M. kann das inzwischen nur unterschreiben: „Ich weiß jetzt, welchen Weg ich gehen will“, betont der 26-jährige Korbacher. Für einen Mann, der bereits wegen mehrerer Gewalttaten gegen Dritte, aber auch Familienangehörige verurteilt und inhaftiert wurde, klingt er erstaunlich aufgeräumt, räumt aber selbst ein: „Aufgeräumt bin ich noch lange nicht. Ich habe noch viel aufzuarbeiten und muss viel an mir arbeiten. Meinen Weg vor Augen zu haben, gibt mir aber ein Stück Seelenfrieden.“

Für die Familie

Größere Ruhe und Gelassenheit bescheinigen dem jungen Mann auch Sigrid Engelhard und – für ihn selbst besonders wichtig – seine Lebensgefährtin. Das Training habe er auch für sie und seinen Sohn absolviert, erläutert Christian M. „2011 habe ich das AAT bereits aus freien Stücken begonnen, aber abgebrochen, weil der psychische Druck zu groß war“, blickt er zurück.

Sein Versprechen hat er allerdings nicht vergessen: Beim letzten Verfahren gegen ihn, in dem eine zwei Jahre zurückliegende Gewalttat verhandelt wurde, bitte er seinen Anwalt daher, das AAT als Auflage vorzuschlagen.Der Richter folgt dem Vorschlag, sodass Christian M. in der zweiten AAT-Runde, die Sigrid Engelhard gemeinsam mit den Trainern des Kölner Instituts „AAT/TACKE“ organisiert, wieder dabei ist.

Rauf auf den „Heißen Stuhl“

„Ich habe die Teilnehmer vorgeschlagen. Sie wurden allesamt wegen massiver Körperverletzung, die manchmal nur knapp ein einem Tötungsdelikt vorbeiging, verurteilt und hatten das AAT als Auflage in ihrem Bewährungsbeschluss“, erklärt die hauptberufliche Bewährungshelferin und betont: „Abseits von stationär arbeitenden Kliniken sind wir der einzige Verein, der in Hessen ein AAT für erwachsene Straftäter anbietet.“ Bei einem Casting müssen die Männer den Trainern zunächst beweisen, wie ernst es ihnen ist.

Die Experten wählen neun Männer für das rund 70-stündige AAT – aufgeteilt auf drei Wochenenden – aus. Zwei der Teilnehmer brechen das konfrontative Training nach kurzer Zeit ab. Dass es den Trainern gelungen sei, ihn wachzurütteln, erklärt sich Christian M. über die unterschiedlichen Ansätze des Teams: l?„Wir Täter werden in die Opferrolle gedrängt. Da man durch und durch Gewalttäter ist, kennt man diese Rolle nicht.“

Zu erfahren, welche physischen und psychischen Folgen Gewalt haben könne, habe ihn hart getroffen, berichtet der Korbacher. Mithilfe von Rollenspielen und Filmen habe er sich erstmals damit beschäftigt, wie sich Opfer, aber auch Angehörige und Freunde von Opfern fühlen.

„Das war eine schmerzvolle Erfahrung, die mich über Wochen hinweg belastet hat.“ Als schwierigste Aufgabe bezeichnet der 26-Jährige im Nachhinein das Schreiben eines Opferbriefes, in dem mehr als nur eine Entschuldigung gefragt ist. l?Als effektiv empfindet Christian M. auch den „Heißen Stuhl“:

Trainer und Gruppenmitglieder sagen ihm bei dieser Methode offen ihre Meinung, bezeichnen ihn als Schauspieler und kritisieren seine ständigen Ausreden.

„Ich habe meine Biografie immer als Entschuldigung genommen, um mein Leben nicht anzugehen“, hat sich Christian M. inzwischen eingestanden. Einen weiteren, nur kurzen Moment auf dem „Heißen Stuhl“ bezeichnet er selbst als besonders entscheidend: „Dass etwas passieren muss, wusste ich spätestens, als ein Proband mich fragte, was ich meinem Kind später vorweisen wolle, und ich keine Antwort hatte.“ Seine Erkenntnis: Gewalt schadet nicht nur den Opfern und deren Angehörigen, sondern auch seinen Liebsten und nicht zuletzt ihm selbst.

Tränen und Reue

„Man fängt an, Mitleid zu empfinden. Und wenn man sieht und fühlt, was durch Gewalt passiert, kommen Tränen und Reue“, fasst der Korbacher das Gelernte zusammen.

Christian M. hat inzwischen viele Gespräche mit seiner Lebensgefährtin und mit Sigrid Engelhard geführt. Mit dem Ende des AAT hat er eine Ausbildung begonnen – für ihn ein wichtiger Schritt, um Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

„Haft ist kein Mittel“

Als Täter offen über die eigene Gewalt zu sprechen und mit den Opfern zu fühlen, sind für den Korbacher Strafrichter Henrik Ludwig entscheidende Punkte, um einen Rückfall zu vermeiden. „Die Rückfallquote von 70 Prozent bei gewalttätigen Straftätern mit Hafterfahrung zeigt, dass Haft kein Mittel ist“, stellt er klar. Ludwig fordert folglich – insbesondere bei jugendlichen Straftätern – kreativere Ideen zu entwickeln.

Pädagogische Arbeit erscheint ihm mit Blick auf die zunehmend härtere Gewaltkriminalität (siehe Hintergrund) wichtig. Er verspricht daher, die Arbeit der „Kiste“ weiterhin durch entsprechend verhängte Bußgelder zu unterstützen. „Ein ähnliches Training vor Ort wäre für Jugendliche ebenfalls sinnvoll“, ist der Jurist überzeugt. Der Fachdienst Jugend als Kostenträger setze derzeit jedoch auf Programme in Kassel. Die Begründung, die Teilnehmer des in Korbach angebotenen AAT seien zu alt, kann er nicht nachvollziehen. „Wenn das Jugendamt zahlen würde, würden wir die Jugendlichen im AAT mitnehmen“, erklärt Sigrid Engelhard. Am gleichen Strang ziehen Richter und Bewährungshelferin auch, wenn es um die Einschätzung des Trainingserfolgs geht: „Das Antiaggressionstraining ist kein Allheilmittel“, resümiert Sigrid Engelhard. „Aber von den Teilnehmern, die 2011 dabei waren, ist bislang niemand mehr auffällig geworden“, freut sich Ludwig.

* Name von der Redaktion geändert

Hintergrund

„Nahezu alle Gewalttaten, die ich verhandele, finden im Zusammenhang mit Alkohol statt“, berichtet Henrik Ludwig, Strafrichter am Amtsgericht Korbach. „Gerade im ländlichen Raum ist das ein großes Problem“, verweist er auf eine Statistik zu Alkoholvergiftungen, in der Waldeck-Frankenberg hessenweit weit vorn liege. „Wir haben viel Arbeit vor uns, vor allem was Jugendliche betrifft.“

„Gewalttätigkeit ist allerdings kein reines Männerproblem mehr“, betont Ludwig. Die Gewalttaten von Frauen beschreibt er dabei als subtiler, nennt als Beispiel die Verletzungen durch brennende Zigaretten. „Insgesamt steigen die Fallzahlen im Bereich Gewaltkriminalität bei uns nicht, aber die Schlägereien werden härter“, warnt der Richter. Oft gehen mehrere Täter gegen ein Opfer vor. Andere setzen waffenähnliche Gegenstände ein, wieder andere „finden den Punkt nicht, wo sie aufhören sollten.“(nv)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare