Akkordeon-Klangwelten in harmonischem Einklang und faszinierender Konfrontation

Der Tanz des Schattens unter der Sonne

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Begeisterten in Harbshausen: die Musiker Florinel Ionita, Sandy Brechin, Johannes Steiner, Sean Regan und Sigún Kristbjörg Jónisdöttir. Foto: Armin Hennig

Vöhl-Harbshausen - Für fünf Akkordeons aus unterschiedlichsten Musikkulturen und zwei nicht minder vielseitige Begleitmusiker öffnete die „Stille Werkstatt“ in Harbshausen erstmals ihre Bühne.

Am Ende der begeistert bejubelten Akkordeonale konnte sich Claudia Woll keinen geeigneteren Anlass zur Eröffnung als dieses virtuose Zusammenspiel vorstellen, das auch so manchen raffinierten Zusammenprall von sonst nicht gemeinsam gespielten Metren oder Rhythmen vertrug - und auch den einen oder anderen heiteren Seitenhieb von Initiator Servais Haanen, der als Conférencier auch die unterschiedlichen Beifallskulturen auf die Schippe nahm.

Dazu gehörte die Vorstellung von Florinel Ionita, der vom hiesigen Publikum keinesfalls das Temperament seiner Heimat erwarten dürfe, wo die verfeindeten Sippen nach der Hochzeit schon einmal handgreiflich würden. Das war ein kleiner Rekurs auf den Karrierestart des Virtuosen als Hochzeitsmusikant. Der anschließende „Balkanblues“ „Hora di choc“ mit seinen vertrackten Rhythmen erwies sich zwar als rasanter Fingertanz über Tasten und Bassknöpfe, war aber alles andere als tanzbar. „Da ist kein Knopf, wodurch man schneller spielen kann. Das ist alles Handarbeit“, kommentierte Akkordeonzirkusdirektor und Clown Haanen das temporeiche Stück.

Immer noch tanzbar wäre dagegen der Jigg „Aberdour“ gewesen, den Sandy Brechin zur Drumbegleitung von Sean Regan anstimmte, auf einem Akkordeon, das eindeutig von der Klangkultur des Dudelsacks geprägt war. Der Schotte trug bei seinem Auftritt auch einen stilechten Kilt, sparte aber keineswegs an der Interaktion mit dem Publikum. So motivierte er beim von ihm gesungenen Traditional „Will you go, Lassie“ das Publikum zum Mitsingen und rhythmischen Klatschen.

Die argentinische Bandoneonistin Florencia Amengual zog ihre Zuhörer mit melan-cholischen Tangomelodien wie „La casita de mis viejos“ oder Astor Piazzollas „Adios Nonino“ in ihren Bann. Auf dem schmalen Grat zwischen grazil und schwermütig balancierte Servais Haanens „Blaues für mein Herz“, ein Valse triste, den er seiner Frau Christine gewidmet hatte.

Johann Steiner mischte jazzigen Groove mit Weltmusik und steirischer Mundart auf seiner diatonischen Ziehharmonika. Im „Potpourri“ verband er die unterschiedlichen Elemente zu einer selbstverständlich klingenden Synthese und stimmte mongolischen Obertongesang an. Das selbstverständliche Miteinander von vermeintlichen Gegensätzen gab auch dem Zusammenspiel der Akkordonisten im Ensemble den ganz besonderen Reiz, allerdings prallten die Nationalstile und -metren nicht vollkommen unvermittelt aufeinander, Sean Regan (Schlagzeug, Viola) und Sigún Kristbjörg Jónisdöttir (Posaune) lieferten den harmonischen Kitt und steuerten so manches melodische Solo bei.

Die Posaunistin lieferte auch einen nicht geplanten, aber bezeichnenden Effekt, der die Einheit der vermeintlichen Gegensätze sichtbar machte. Der Tanz ihres Schattens auf und unter Sonne bei der abschließenden Ballade gewann geradezu symbolhaften Charakter. Mit Standing Ovations forderte ein begeistertes Publikum gewissermaßen sein Schicksal heraus, denn die Zugabe „Adios Muchachos“ gilt als der Unglückstango schlechthin - denn erstens verunglückte Carlos Gardel tödlich, nachdem die Tango-Legende das Konzert zuvor mit diesem Lied beendet hatte, und zweitens sei das Theater, in dem die Komposition erstmals gespielt wurde, danach abgebrannt, so Servais Haanen, der dem Schicksal mit dem deutschen Titel „Zwei rote Lippen“ für diesen Tango schlechthin noch einmal ein Schnippchen schlug. (ahi)

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