Gefriergemeinschaft besteht seit einem halben Jahrhundert

Tiefgekühltes aus dem alten Spritzenhaus

Vasbeck - Auch nach 50 Jahren läuft die Vasbecker Gefrieranlage Auf der Walme. Das Jubiläum will die Gemeinschaft am Sonntag feiern.

Minus 22 Grad im „Vorfroster“ zeigt das Thermometer an, der Linde-Kompressor läuft, in den 34 Fächern mit einem Fassungsvermögen von je 260 Litern lagern gut gekühlt Braten, Gemüse oder Kuchen. Auf eine Kühltruhe im eigenen Keller verzichten viele Familien im Oberdorf – seit einem halben Jahrhundert holen sie sich ihre Tiefkühlkost aus der Gefrieranlage im alten Spritzenhaus des Dorfes. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Erfinder das Tiefgefrieren entwickelt, um Lebensmittel länger haltbar machen. In den 1950er-Jahren verbreitete sich die Technik. Damals hatten die ersten Haushalte schon Kühlschränke, Tiefkühltruhen fehlten aber noch. Doch der Bedarf war da: Auch in Vasbeck war in fast allen Familien noch die Hausschlachtung üblich, das Fleisch musste konserviert werden. Gleiches galt für das in den Gärten geerntete Gemüse, das im Winter aufgebraucht werden sollte. Die Lösung der Zeit waren große Gemeinschaftskühlgeräte. Schon 1958 hatten die Vasbecker eine erste Gefriergemeinschaft gegründet und ein Häuschen an der Ecke Lindenstraße/Gembecker Straße gebaut. Die dort bis heute eingesetzte Karussell-Technik zur Anordnung der Fächer ist inzwischen nahezu einzigartig in Deutschland. Doch die Nachfrage war höher, deshalb bildete sich fürs Oberdorf eine zweite Gemeinschaft. Bei der Gründungsversammlung am 9. Dezember 1964 wählten die 32 Mitglieder den Bäckermeister Heinrich Schulze zum Vorsitzenden. Erst 1980 löste ihn Karl Hallenberg ab, der bis heute im Amt ist. Den Gründern lag ein Kostenvoranschlag für einen Linde-Gefrierschrank mit 34 Fächern plus zwei Fächern als „Vorfroster“ vor. 19 700 Mark sollte der Schrank kosten, 1400 Mark die elektrische Anlage. 2700 Mark wollte die Gemeinde fürs Gebäude. 1300 Mark waren für den Umbau kalkuliert – so wurden der Boden und der untere Teil der Wände gefliest. Alle Interessenten zahlten als Einstand 740 Mark pro Fach. Das reichte zur Finanzierung: 633,03 Mark blieben als Überschuss übrig. Wie wichtig die Gefriergemeinschaften waren, zeigt sich auch in der staatlichen Unterstützung: Das hessische Ministerium für Landwirtschaft und Forsten bewilligte den Vasbeckern am 8. Juni 1965 einen Zuschuss von 1725 D-Mark. Es passte, dass die Vasbecker gerade in der Lindenstraße ein neues Feuerwehrhaus bauten. Dadurch wurde das Spritzenhaus aus Backstein frei. Wie das Protokollbuch der Gefriergemeinschaft für 1978 vermerkt, ist es „auf Befragen älterer Bürger um das Jahr 1904“ direkt am Löschteich erbaut worden. Dort stand die von zwei bis vier Pferden gezogene Handdruckspritze, bis die Gemeinde Ende der 1950er-Jahre eine Tragkraftspritze mit einem Anhänger für Schläuche und Gerät anschaffte. Am 10. Februar 1965 schloss die Gemeinde Vasbeck mit der Gefriergemeinschaft II einen Übergabevertrag ab: Bis 31. März 1975 sollte sie das Häuschen nutzen dürfen. Noch 1965 ging die neue Anlage in Betrieb. Frische Lebensmittel wurden abgepackt in den beiden „Vorfrostern“ schockgefroren, dann kamen sie in die Fächer. Gerade in der Schlachtezeit im Herbst und Frühjahr waren Absprachen erforderlich, wer wann die „Vorfroster“ belegen durfte. Nach dem ersten Betriebsjahr zog Schulze bei der Generalversammlung am 21. Februar 1966 in seinem Café eine positive Bilanz. Die Anlage habe sich „wider Erwarten gut bewährt“. Durch Eigenleistungen beim Bau seien die Kosten niedrig gehalten worden. Er stellte eine „schnelle Aufwärtsentwicklung der Gemeinschaft“ fest. Ordnung und Sauberkeit „sowie gegenseitiges Vertrauen unter den Mitgliedern“ müssten auch weiter herrschen, um „eine zufriedenstellende Nutzung der Anlage“ zu ermöglichen. Außerdem mahnte der Vorsitzende, das Gefriergut für den „Vorfroster“ mit Namen und Abpackdatum zu versehen – die Forderung zieht sie wie ein roter Faden durch folgende Protokolle. Schriftführerin Ilse Klages hält zudem fest: „Um die Stromkosten niedrig zu halten, beschloß die Versammlung mit 
1 Gegenstimme, in Zukunft das Auflassen von Gefrierfächern mit 0,50 DM zu bestrafen“ – 1967 zog der Vorstand 18,50 Mark an Strafgeldern ein. Das wirkte offenbar: 1968 wurden 13 Mark fällig, für 1971 vermerkt das Protokoll nur drei Fälle. Und noch eine Gepflogenheit ist im ersten Protokoll vermerkt: „Eine Tombola, bei der viele schöne Preise zu gewinnen waren, beendete den Abend.“ Eine Tombola gibt es zwar inzwischen nicht mehr, aber noch immer beschließen die Mitglieder ihre Versammlungen am Rosenmontag mit einem Essen und einer kleinen Feier. Als das Café in der Bäckerei schloss, zogen sie in den Landgasthof „Westfalenblick“ um, inzwischen treffen sie sich in der Walmehalle. Als 1971 die Gebietsreform anstand, verkaufte die noch selbständige Gemeinde Vasbeck das Häuschen samt 131 Quadratmeter großem Grundstück. Da die Gefriergemeinschaft nicht „rechtsfähig“ war, beschloss die Versammlung am 18. Oktober 1971: „Die Gemeinschaft kauft durch sein Mitglied Ernst Wäscher senior den Grund und Boden.“ Am 10. Dezember schloss er den Vertrag ab, 458 Mark kassierte die Gemeinde für das Grundstück. Im Februar 1972 übertrug Wäscher per Vertrag „alle Rechte und Pflichten“ an die Gefriergemeinschaft. Im Februar 1976 beschlossen die Mitglieder mehrheitlich, einen eingetragenen Verein zu gründen. Am 28. Juli tagte die Versammlung im Café Flottau, Schulze wurde einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Im September 1976 kaufte der Verein Wäscher Grund und Boden ab. Als im Juli 1981 die Straßennamen in Diemelsee eingeführt wurden, bekam das Haus die Adresse „Am Freibad 23“. Größere Reparaturen gab es über die Jahre kaum. Rechnungen belegen, dass der „Überstromauslöser“ mehrfach defekt war, 1990 musste ein Linde-Techniker für 200 Mark den Lüftermotor austauschen. Wartungen gab es offenbar keine. Außer den Stromkosten, einem Versicherungsbeitrag und der Grundsteuer für die Gemeinde fallen kaum Ausgaben an. Gerade Heinrich Paul kümmert sich um die Anlage. Er kennt sich mit der Technik aus. Derzeit ist er dabei, die Dichtungen der Fächer zu erneuern. Dieses ehrenamtliche Engagement trägt auch dazu bei, dass die Anlage rentabel bleibt. Außerdem haben die Vasbecker im vorigen Jahr in Eigenleistung die Westseite des Daches neu gedeckt. Die Ziegel haben sie sich günstig von einem Abrisshaus besorgt, so fielen lediglich um die 400 Euro an Materialkosten an, etwa für neue Sparren. In zwei Wochen will die Gemeinschaft bei einem weiteren Arbeitseinsatz auch die Ostseite neu eindecken. Noch haben die Vasbecker Glück mit ihrer Technik – auch der Zufall half: Als die Ottlarer ihre Gefrieranlage 2006 aufgaben, kauften die Vasbecker ihnen die Kältemaschine ab. „Seitdem hatten wir keine Reparaturen mehr“, berichtet Jutta Keinhans, die seit 2001 Schriftführerin ist. Die Gemeinschaft hatte sich auch für die stillgelegte Anlage an der ehemaligen Mühlhäuser Molkerei interessiert, doch die war zu groß. Allerdings sicherte sie sich einige passende Türen der Gefrierfächer, um sie bei Bedarf einzubauen. Im Zeitalter der Tiefkühltruhen sind die Gefriergemeinschaften selten geworden, viele haben sich aufgelöst. Zu Unrecht, findet Heinrich Paul, denn für ihn rechnet sich die Gemeinschaftsanlage: Die Stromkosten seien günstiger als bei einer privaten Truhe. Mit einem Jahresbeitrag von 27,60 Mark hat die Gemeinschaft angefangen, inzwischen kostet ein Fach 60 Euro im Jahr – was vor allem an den drastisch gestiegenen Strom­kosten der vorigen Jahre liegt. 1965 hatten die Vasbecker 458,91 Mark Stromgeld gezahlt. Und der Bedarf ist weiter da, auch wenn sich das Nutzungsverhalten geändert hat: Die Landwirtschaft ist stark zurückgegangen, Hausschlachtungen sind durch hohe Auflagen fast unmöglich geworden. Dafür ist Tiefkühlkost von den Pommes frites über Fertiggerichte bis zur Pizza aufgekommen. Statt 32 Mitgliedern gibt es heute noch 25, die meisten Fächer sind in Familienbesitz geblieben. Stolz ist Kleinhans, dass alle Fächer vergeben sind. Die Mitglieder sind zwischen Ende 80 bis 30 Jahren alt, auch Jüngere nutzen das Angebot also.Solange keine aufwendige Reparatur erforderlich wird, soll die Anlage weiterlaufen. Eine kleine Rücklage habe die Gemeinschaft zwar erwirtschaftet, berichtet Kleinhans, aber die reiche nicht für große Ausgaben. Aber die Mitglieder sind zuversichtlich, dass die Technik noch einige Jahre hält. Wenn der Kompressor anspringt, ist das immer ein gutes Zeichen. Von Dr. Karl Schilling

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare