600 Zuhörer in der Korbacher Stadthalle

Tourauftakt für Hannes Wader

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Meister des gesungenen Wortes und der gezupften Saiten: Hannes Wader in Korbach. Foto: Hennig

korbach - Zum Auftakt seiner Tournee kam Hannes Wader zum ersten Mal überhaupt nach Korbach. 600 Zuhörer lauschten gebannt bis hingerissen der geglückten Mischung aus alten Favoriten und frischen Balladen, die auch die Auseinandersetzung mit dem Tod nicht scheuten und dabei mit einem gehörigen Schuss Selbstironie gewürzt waren.

Die von Jubel begleitete Eröffnung mit „Heute hier, morgen dort“, das zweisprachig über die Bühne ging, ist längst ein Ritual und zugleich eine gelungene Maßnahme, die Ohren des Publikums für weniger Vertrautes zu öffnen, denn das musikalische Markenzeichen ist ja bereits erklungen.

Erschreckend gegenwärtig

Das anschließende „Hotel zur langen Dämmerung“ mit seiner intensiven Todesnähe für eine Nacht beim Déjà-vu-Erlebnis fordert die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer. Auf das Komponieren und Gitarrespielen des jungen Mannes ums eigene Überleben und gegen den tödlichen Spuk in einem kanadischen Hotel lässt der 72-jährige seinen nie eingelösten Traum von der griechischen Insel im 7/8-Takt folgen - und den selbstironischen Kommentar des Komponisten, dass das seinerzeit gewählte Metrum in der griechischen Volksmusik gar nicht vorkommt.

Erschreckend gegenwärtig wird das Entsetzen im Mittelmeer im neuen Lied „Morgens am Strand“, als der Badende die Hand einer angespülten Leiche ergreift. Auf den maritimen Albtraum folgt das Brassens-Chanson von zwei Liebenden, die sich nichts schenken, dafür für immer zusammenbleiben, weil ihre Herzen ganz geblieben sind und miteinander und für sich schlagen - ein ebenfalls historisches Idyll, dem der Liedermacher mit seiner verfremdeten Liebesbilanz „Nah dran“ eine heitere Korrektur folgen lässt: „Ich konnte machen, was ich wollte, vor ihnen auf die Knie fallen, vor ihnen auf den Händen gehen, sie konnten oder wollten mich nicht sehen. Doch je weniger sie mich wahrzunehmen schienen, desto verrückter war ich dann nach ihnen“, lautet der Refrain des heiteren Titelstücks seines jüngsten Albums. Eine pointenreiche Pannenserie, in deren Verlauf der Straßensänger, der „Heute hier, morgen dort“ von Reinhard Mey ankündigt, das Höschen von Uschi bekommt, der Held aber erleben muss, wie die Angebetete für seinen Versuch, ihr Herz mit einem „Gute Nacht Freunde“-Ständchen zu gewinnen, den Hund auf ihn hetzt, der seinen Slip dann in Fetzen reißt.

Bitterböse Ballade

Ganz frisch, bissig und sozialkritisch der Talking Blues „Wo ich herkomme“ über die Aussichten der Unterschicht. Auch eine Art Rückblick, die mit Onkelchens Prophezeiung, als Straßenmusiker in der Gosse zu enden, ihren Anfang nimmt und über den Verweis auf die geringe Fallhöhe vom Ausgangspunkt die Ober- wie die Unterschicht kritisch unter die Lupe nimmt.

Das Ende der Vergleiche ist die misslungene Schönheits-OP einer Verwandten, die sich beim Tittenspezialisten das Gesicht richten lässt und nicht nur mit den finanziellen Folgen konfrontiert ist, während die reichen Frauen regelmäßig ihr Erscheinungsbild beim angesagten Chirurgen upgraden lassen. Mit diesem bitterbösen Schlusspunkt schickt Hannes Wader seine Fans in die Pause.

Das Lied von der Begegnung mit einem Straßenmusiker, der von weitem beinahe ähnlich aussieht, aber schließlich seinen Platz am Bahnhofseingang räumen muss, weil er es sich nicht leisten kann, seine Zähne richten zu lassen, nimmt nach der Pause das Thema wieder auf. Zugleich die Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass ihm als jungem Mann selbst Zähne bei der Anti-Springer-Demo eingeschlagen wurden und dass er seine Karriere nur fortsetzen konnte, weil ihm Freunde das Geld für die Operation geliehen hatten.

Im Anschluss an das Establishment von einst und jetzt nimmt der Liedermacher in „Arier“ den Dreck hinter den Kulissen des vermeintlichen Idylls auf dem Lande aufs Korn: Das düstere Blutschande- und Bodenstück, aus dem sonst Thriller gemacht werden, fällt allerdings ein wenig aus dem sonst gut ausbalancierten, heiter bis kritischen Rahmen, in dem auch die systematische Vorbereitung auf den eigenen Tod in zahlreichen tragikomischen Varianten durchexerziert wird.

Drittes Set als Zugabe

„Dass wir so lange leben dürfen“ ist der Schlusspunkt unter dem offiziellen Programm - auch eine Hymne auf die Lebensbilanz des Liedermachers, ein Trotz alledem mit Strophen voll Genuss, Niederlagen und Unentwegtheit, die sein Freund, der Lyriker Olaf Meyerholz, für das letzte Album gedichtet hatte.

Die eine oder andere unentbehrliche Seite dieser musikalisch-kritischen Lebensbilanz hatte in diesem gut zwei Stunden dauernden, überwiegend überzeugenden Auftritt gefehlt. Vermissen musste sie am Ende trotzdem keiner, denn der Zugabenblock begann mit „Schon so lang“ und dem Unverdrossenheitstalkingblues „Ich singe“. Drei weitere Encores folgten, so dass die Fans am Ende so etwas wie ein drittes Set gehört hatten.

Von Armin Hennig

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