Leistungskurs Geschichte der Alten Landesschule erforscht Schicksale von Inhaftierten des Konzentrat

„Tragt das Wissen weiter und mischt euch ein“

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Bei der Eröffnung der Präsentation im Kreishaus: der Direktor der Alten Landesschule, Robert Gassner, die Kursleiterin und Initiatorin Dr. Marion Lilienthal, Landrat Dr. Reinhard Kubat, der Leiter des Korbacher Stadtarchivs, Wolfgang Kluß, und die Gymnasiasten des Leistungskurses Geschichte aus der Jahrgangsstufe 12.Foto: -sg-

Korbach - Mehr als 50 Menschen aus Waldeck und dem Frankenberger Land haben die Nationalsozialisten nach Buchenwald deportiert. Ihre Schicksale stellen die Gymnasiasten des Kurses in ihrer Projektarbeit dar.

„Jedem das Seine“. So steht es bis heute am schmiedeeisernen Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald. Ein „Tor zur Hölle“, urteilt der Leistungskurs Geschichte von Dr. Marion Lilienthal, „ein Eingang mit zynischer Verhöhnung.“ Die 16 Gymnasiasten aus der Jahrgangsstufe 12 der Alten Landesschule haben in einem Projekt erforscht, was die Menschen zu erleiden hatten, die im „Dritten Reich“ durch dieses Tor gehen mussten. Den Schicksalen von mehr als 50 Menschen aus Waldeck und Frankenberg haben sie nachgespürt - vermutlich waren es sogar noch mehr, die im Lager gequält wurden oder dort elendig umkamen.

Präsentation im Kreishaus

Das Ergebnis ihrer Arbeit haben die Schüler in Texten und Bildern zusammengestellt. Auch eine Präsentation auf großen Tafeln haben sie vorbereitet. Sie ist seit Dienstag im Foyer des Kreishauses zu sehen - noch bis zum 30. November hängt sie dort. Auch Mitglieder des Kreisausschusses und des Netzwerks für Toleranz waren am Nachmittag zur Eröffnung gekommen.

Das Datum war mit Bedacht gewählt: Nach den reichsweiten Ausschreitungen gegen Juden und der Zerstörung vieler Synagogen am 9. November 1938 wurden am 10. und 11. November reihenweise jüdische Männer weggesperrt, die Nationalsozialisten sprachen zynisch von „Schutzhaft“. Auch mehr als 30 jüdische Korbacher, Bad Wildunger und Arolser wurden nach Buchenwald gekarrt.

Aus Breslau kam Ernst Kramer. Er hat das Lager überlebt und seine Erinnerungen aufgeschrieben. Auszüge über den brutalen Alltag mit Prügel und Demütigungen und über das entbehrungsreiche Leben trugen Dominik Lerch, Tom Kuzyna und Jannik Günther vor.

In dem 1937 erbauten Arbeitslager sei bis 1945 mehr als eine Viertel Million Menschen aus fast 50 Nationen inhaftiert gewesen, berichtete Rebecca Geisler. „Mehr als ein Fünftel der Menschen überlebte das Lager nicht: Sie starben durch die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen oder wurden von der SS willkürlich erschossen.“ Rebecca Geisler, Alina Fischer, Louisa Bethke und Lara Witt stellten das Kursprojekt vor:

Die Schüler schildern den Aufbau des Lagers, den Tagesablauf, die Verfolgungspraxis des Regimes und die Gruppen der Inhaftierten, bevor sie Einzelschicksale vorstellen. Ins KZ kam etwa der jüdische Korbacher Bernhard Löwenstein, ein Schüler der Alten Landesschule, der Frankenberger Lehrer Ferdinand Stern, der Bad Wildunger Viehhändler Max Marx oder die oppositionellen Pfarrer Keller und Alexander Wessel. Es traf politische Gegner des Regimes, Homosexuelle, Prostituierte oder „Asoziale“.

Mehr als ein Jahr geforscht

Mehr als ein Jahr haben die Gymnasiasten geforscht - überwiegend in ihrer Freizeit, nur zum kleinen Teil im Unterricht. Sie besuchten das Lager auf dem Ettersberg bei Weimar, sie sahen Unterlagen der dortigen Gedenkstätte ein, sie forschten im Korbacher Stadtarchiv, beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, in der Gedenkstätte Breitenau bei Kassel und beim Förderkreis der Vöhler Synagoge. Die Ergebnisse seien bisher nirgends veröffentlicht worden, betonte Dr. Lilienthal. „Dieses neue Forschungsfeld ist eine Bereicherung für die Region.“

Ausdrücklich hat sich der Kurs nicht nur auf Korbach beschränkt. Das zusammengetragene Material soll allen Interessenten zur Verfügung stehen, gerade Lehrern, die das Thema ebenfalls im Unterricht behandeln wollen. Es ist im Korbacher „Gedenkportal“ online herunterzuladen, und es ist als knapp 40-seitige Broschüre verfügbar.

Lara Witt dankte dem Kreis: Er hat die Fahrt des Kurses nach Buchenwald und den Druck der Plakate mitfinanziert. Ihre engagierte Geschichtslehrerin habe sie zum Projekt angeregt und sie fachlich unterstützt. Die Schülerin lobte zudem die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Institutionen und mit Horst Schötten und Anne Herbold-Hanf. „Wir hoffen, dass unser Beispiel lehrreich ist und viele andere dazu anregt, ihr unmittelbares Umfeld zu erforschen“, sagte Witt. Am Beispiel der eigenen Heimat könne Geschichte „als individueller und gemeinsamer Entscheidungs- und Lernprozess erfahren werden“.

„Die Präsentation ist sehr bemerkenswert“, sagte Landrat Dr. Reinhard Kubat. Das Thema sei „ergreifend und schwierig“. Die Verbrechen der Nationalsozialisten seien „Teil unserer Vergangenheit“ - mit Blick auf die Neonazis prangerte er an, dass einige dies noch immer nicht als historisches Geschehen anerkennen wollten. Die Gräuel dürften nicht vergessen werden. Die Gesellschaft brauche das Wissen um diese Form der Unterdrückung. Und es gelte zu erkennen, dass „Demokratie, Toleranz und Selbstbestimmung zu den größten Geschenken“ gehörten. Sie seien Voraussetzungen für das Zusammenleben.

Den Schülern zolle er „allergrößten Respekt“ für ihre „tolle Arbeit“, sie hätten „Vorbildliches geleistet“. Er rief sie auf: „Tragt das Wissen weiter und mischt euch ein.“ Dr. Lilienthal lobte, die Schüler hätten mit ihrem Projekt „einen Beitrag zur Demokratisierung geleistet“.

Die Broschüre „Schicksale. Menschen aus Waldeck-Frankenberg im Konzentrationslager Buchenwald“ ist für fünf Euro im Korbacher Stadtarchiv und in der Bibliothek der Alten Landesschule zu haben, auch in Klassensätzen. Downloads der Arbeitsmaterialien sind unter www.gedenkportal-korbach.de möglich.

Von Dr. Karl Schilling

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