Überlebende besuchen 20 Jahre nach Völkermord Alte Landesschule

Traumabewältigung im Fokus

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Berichten von Gräueltaten und ihrer Bewältigung (v. l.): Vincent Sezibara, Wolfgang Reinhardt, Theresie Murebwayire und Denise Uwimana-Reinhardt.Foto: Wilhelm Figge

Korbach - Überlebende des Völkermords in Ruanda erzählen ALS-Schülern ihre Geschichten - und berichten, wie das ostafrikanische Land mit den Folgen des Massenmordes fertig wird.

„Leave none to tell the story - hinterlasst keinen, der das Geschehene weitererzählen kann“: Diese Weisung ging 1994 an die Beteiligten des Völkermordes an den Tutsi in Ruanda. Knapp eine Million Menschen fielen dem Genozid zum Opfer, doch eine Minderheit überlebte - zwei davon berichten an der Alten Landesschule 160 Jugendlichen, was sie erlebten.

Überlebt, um zu berichten

Das Erinnern ist ihnen wichtig: „Ich weiß nicht, warum ich überlebte, aber ich weiß wozu“, erklärt Denise Uwimana-Reinhardt. Auch Theresie Murebwayire erlebte Gräueltaten: Granaten in Menschenmengen, Babys, die mit Macheten zerhackt werden, Mütter, die ihre eigenen Kinder töten mussten - unter der Androhung, sie sonst essen zu müssen. Die Überlebenden zogen vollkommen mittellos und ohne Rückzugsort durch das Land, bis der Völkermord nach knapp 100 Tagen endete.

Es blieben Traumata: „Überlebende so einer Erfahrung denken stets, was passiert ist, könne erneut geschehen“, erläutert Dr. Vincent Sezibera, ruandischer Psychologe und Trauma-Experte. Oft seien sie in endlosem Grübeln gefangen. Wesentlich zur Bewältigung des persönlichen Leids sei der Austausch: Witwen und Waisen hätten sich versammelt und über ihre Erfahrungen gesprochen. „Von 1994 bis 2001 war ich verrückt“, gesteht Theresie Murebwayire ein, „dann kam eine Frau, die ein Treffen gesehen hatte, und sagte, ‚Bleiben wir nicht verrückt, versammeln wir uns‘.“ Denise Uwimana habe ihr sehr geholfen, ebenso die Witweninitiative Iriba Shalom.

Diese baut ein Zentrum, in dem sich jene treffen sollen, die Angehörige verloren haben: „In dieser alternativen Familie finden sie wieder Freude und Lebensmut“, erklärt Dr. Wolfgang Reinhardt, Ruanda-Referent des Missionswerks „Frohe Botschaft“ und Ehemann von Denise. Knapp 50000 Euro fehlen für den begonnenen Bau. Traumata sind in Ruanda nach wie vor weit verbreitet.

Auf dem Weg zur Vergebung

Das Land betreibe derweil eine Politik der Einheit und befinde sich auf dem Weg zur Versöhnung, erklärt Denise Uwimana-Reinhardt. Auch wenn es nicht einfach sei, habe sie selbst mit vielen Mördern geredet und ihnen verziehen. „Zu leichtfertig darf aber nicht von Vergebung gesprochen werden“, mahnt Wolfgang Reinhardt, „dafür braucht es echte Reue der Täter und innere Heilung der Opfer.“ 1,8 Millionen Prozesse wurden geführt, die meisten Mörder erhielten aufgrund einer Amnestie Strafen von sieben Jahren. Gegenüber der wie die Weltöffentlichkeit untätigen Uno bleibt Verbitterung: Uwimana-Reinhardt schrieb 2009 „Ihr habt uns im Stich gelassen“ ins Gästebuch des UN-Gebäudes in New York. Die Schüler sind hingegen eingeladen, das sich erholende Land zu besuchen - die Nachfrage, ob ein Freiwilliges Soziales Jahr in Ruanda möglich sei, zeigt das geweckte Interesse.

Einsatz für Ruanda zeigten die Schüler der Klasse 9a bereits vergangene Woche: Einen Vormittag putzten sie Schuhe, wuschen Autos und trugen Taschen. „Arbeiten, wie Straßenkinder sie machen“, erklärt Klassenlehrer Johannes Grötecke, Initiator des Aktionstages, der 500 Euro für Ruanda brachte.

Hintergrund

Bis zu eine Million Morde in knapp 100 Tagen – der Völkermord an den Tutsi war einer der größten Genozide der Geschichte. Nicht nur die Armee, auch weite Teile der Zivilbevölkerung aus der Bevölkerungsschicht der Hutu beteiligten sich – nach wechselnden Schätzungen Hundertausende bis drei Millionen. Die Ausschreitungen begannen nach dem Abschuss des Flugzeugs von Präsident Juvénal Habyarimana am 6. April 1994 – angeblich durch Tutsi-Rebellen. Wer verantwortlich war, wurde nicht völlig geklärt. Hutu, die den Präsidenten für zu nachgiebig gegenüber den Tutsi hielten, kommen in Betracht – wobei dieser den Genozid mit Propaganda vorbereitete. Die Massaker dauerten, bis die „Ruandische Patriotische Front“ Mitte Juli ihren jahrelangen Konflikt mit der Regierung gewann. Zu Beginn des Völkermords waren 2500 Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen in Ruanda stationiert. Für eine Friedenserzwingung hatten sie kein Mandat und nach der Ermordung von zehn belgischen Soldaten wurde die Truppe auf 270 Mann reduziert – ein Eingreifen wurde General Roméo Dellaire verboten. Ein Mandat von 17. Mai, das einer 5500 Soldaten starken Mission den Schutz bedrohter Menschen erlaubte, wurde bis zum Ende des Völkermords nicht umgesetzt.

Von Wilhelm Figge

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