Arztinterview im Stadtkrankenhaus Korbach

Veranlagung ist selten schuld

+
Ein Pieks für die Wahrheit - Test auf Diabetes

Über die Stoffwechselkrankheit Diabetes informiert Dr. Frank Reinhard am Stadtkrankenhaus Korbach.

Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung - was verbirgt sich dahinter und wie entsteht die Krankheit?

Dr. Reinhardt: In einem gesunden Stoffwechsel spielt das Hormon Insulin eine wichtige Rolle. Es dient als Botenstoff: Das Hormon ermöglicht die Aufnahme von Glucose (Zucker) in die Zellen, die sie als Energielieferant brauchen.

Dr. Frank Reinhardt  

Produziert wird Insulin in der Bauchspeicheldrüse, genauer von den Beta-Zellen der so genannten Langerhans-Inseln. Diese reagieren auf einen erhöhten Blutzuckerspiegel, etwa nach dem Essen, und produzieren Insulin. Der Körper kann die aus der Nahrung gewonnene Energie aufnehmen und der Blutzuckerspiegel sinkt wieder.

Stellt die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin her oder können die Zellen es nicht aufnehmen, liegt eine massive Störung des Stoffwechselhaushaltes vor: der Diabetes.

Mittlerweile ist „Zucker“ eine der häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. Ein krankhaft hoher Blutzuckerspiegel an sich erzeugt keine Schmerzen, aber die Folgen können lebensbedrohlich sein.

Warum ist die Krankheit gefährlich? Welche Folgekrankheiten entstehen besonders häufig?

Dr. Reinhardt: Diabetes gilt als Risikofaktor für Herzkreislauferkrankungen. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte führen zu Folgeerkrankungen. Mögliche Spätschäden der Zuckererkrankung können die kleinen und/oder großen Gefäße (diabetische Mikro- oder Makroangiopathie) betreffen. Herzinfarkte, Schlaganfälle oder auch Gefäßerkrankungen treten bei Diabetikern vermehrt auf. Neben der Netzhaut (diabetische Retinopathie) können die Nervenleitungen (diabetische Neuropathie) und auch die Nieren (diabetische Nephropathie) geschädigt werden. 

Bei der diabet. Nephropathie kann es zur Dialysenotwendigkeit kommen. Kommt es zu einer Schädigung der Gefäße und/oder Nervenleitungen an den Beinen kann ein diabetisches Fußsyndrom entstehen, im Extremfall führt dieses bis zur Amputation, was unbedingt zu vermeiden ist.

Ist die Zahl der bei Ihnen im Krankenhaus behandelten an Diabetes Erkrankten in den vergangenen Jahren gestiegen? Wieviele Kranke gibt es zurzeit in Deutschland und im hiesigen Landkreis?

Dr. Reinhardt: Derzeit leben in Deutschland etwa sechs bis acht Millionen Diabetiker. Dabei ist die „Dunkelziffer“ des noch nicht entdeckten Diabetes und der Vorstufe, des Prädiabetes, vergleichbar hoch.

Der Diabetes gilt als Volkskrankheit und die Zahl der Diabetiker nimmt ständig zu. Nach neusten Erhebungen im Landkreis Waldeck-Frankenberg sind 9,1 Prozent der Einwohner Diabetiker, in Hessen etwa 8,3 Prozent.

Welche Ursachen begünstigen besonders stark die Entstehung der Krankheit? Welche Rolle spielt Genetik und Lebensweise?

Dr. Reinhardt: Neben fehlender Bewegung spielt die Fehl-ernährung eine wesentliche Rolle in der Entstehung und Manifestation, zum Beispiel des Typ II Diabetes. Aber auch Medikamente wie Kortison können Diabetes auslösen. Seltener sind vererbte Formen oder durch Erkrankungen anderer Organe entstehender Diabetes. 

So gibt es den „Leberzucker“ (hepatogener Diabetes) bei Lebererkrankungen (wie zum Beispiel Leberzirrhose, Fettleber) oder den durch Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse entstehenden pankreopriven Diabetes. In unserer Klinik werden alle Leber- und Bauchspeicheldrüsenerkrankte Patienten diesbezüglich getestet.

Welche Tipps geben Sie den Erkrankten? Was sollten Sie im Alltag besonders beachten? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für sie? Empfehlen sie neue Gesundheits-Apps oder Behandlungstechniken, die das Leben erleichtern?

Dr. Reinhardt: Entscheidend ist, dass der Diabetiker seine Erkrankung kennt und mit dieser umzugehen und leben lernt. Dabei helfen wiederholte Diabetikerschulungen, wobei auch Angehörige mitgeschult werden können, denn entsprechend dem diesjährigen Motto des Weltdiabetestages betrifft Diabetes die ganze Familie. Wichtig sind Blutzuckerentgleisungen zu vermeiden. Dabei sind Unterzuckerungen (Hypoglykä-mien) besonders gefährlich, da diese neben Komazuständen auch zu Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen oder Stürzen führen können.

Es gibt eine große Auswahl von Therapiemöglichkeiten, neben dem zuspritzenden Insulin und den Tabletten gibt es auch neuere Medikamente. Jeder Diabetiker sollte seinen Gegebenheiten entsprechend, das heißt individuell eingestellt werden.

Erleichtert wird der Umgang mit der Zuckerkrankheit durch viele Gesundheits-Apps (Blutzuckerverlauf) oder Behandlungstechniken, wie zum Beispiel die Insulinpumpe. Auch das ständige Blutzuckermessen ist duch kontinuierliche Messverfahren einfacher geworden, sodass das lästige ständige „in den Finger stechen“ vermieden werden kann.

Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die ständig kontrolliert werden muss. Hilfreich ist hier der Gesundheitspass Diabetes DDG, den jeder Patient in unserer Klinik bekommt und alle Untersuchungsbefunde bzgl. des Diabetesstandes auflistet und Kontrolluntersuchungsintervalle aufzeigt. Neben regelmäßigen Fußuntersuchungen sind auch Augenuntersuchungen zu empfehlen.

Mit welchen Verhaltensweisen im Alltag kann man sinnvoll vorbeugen? Was sollte man beispielsweise bei Ernährung und Bewegung beachten?

Entscheidend sind die sogenannten Lifestylemaßnahmen wie Bewegung und „gesunde“ Ernährung. Tägliche Bewegung, in welcher Form auch immer (zum Beispiel Nordic Walking) 30 Minuten am Tag kann die Blutzuckereinstellung deutlich verbessern und auch den Diabetes vorbeugen. Die sollte zum Beispiel in Form einer mediteranen Kost eingenommen werden.

Gibt es bei Ihnen im Krankenhaus zum Weltdiabetestag am 14. November Vorträge oder andere Info-Veranstaltungen?

Dr. Reinhardt: Regelmäßig finden Veranstaltungen in unserer Klinik zum Thema Diabetes statt. Die Termine können dem Jahresveranstaltungsprogramm entnommen werden. Erst kürzlich fand mit großem Erfolg unser Zweiter Diabetikertag mit Fachvorträgen und einer Industrieausstellung anlässlich des jährlichen Weltdiabetestages statt. Im nächsten Jahr laden wir gerne zum Dritten Diabetikertag am 21. November 2020 ein. 

Info: www.krankenhaus-korbach.de

https://diabetes-selbsthilfe.com/

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare