Informationstag „Selbsthilfe in Waldeck-Frankenberg“

Unterstützung für Selbsthelfer

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Denken über eine Selbsthilfekontaktstelle in Waldeck-Frankenberg nach (v. l.): Erster Kreisbeigeordneter Jens Deutschendorf, Referentin Bettina Nöll, Annette Maraun-Brüggemann (Fachdienst Gesundheit), Referentin Carola Jantzen und Kreistagsvorsitzende Iris Ruhwedel.Foto: Wilhelm Figge

Korbach - In Sachen Kontaktstellen für Selbsthilfegruppen ist Waldeck-Frankenberg ein redensartlich weißer Fleck auf der Landkarte. Über Möglichkeiten solcher Einrichtungen fand gestern ein Informationstag statt.

Ob Diabetes, Parkinson oder Sehbehinderungen: Eine wachsende Anzahl erkrankter Menschen berät sich in Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen über ihre Leiden. Waren es zur Jahrtausendwende noch gut ein Prozent der chronisch Erkrankten, sind es mittlerweile knapp fünfmal so viele, erklärt Carola Jantzen, Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) beim Gesundheitsamt der Region Kassel.

Einrichtungen wie KISS bieten Selbsthilfegruppen professionelle Hilfe an. In Deutschland gibt es 300 dieser Selbsthilfekontaktstellen, in Hessen haben lediglich drei Landkreise keine - darunter Waldeck-Frankenberg. Im Bürgerhaushalt des vergangenen Jahres war die Einrichtung einer solchen Stelle angeregt worden. Der Kreistag hat 2000 Euro bereitgestellt, um „Wege zu finden, diese sinnvollen Initiativen zu fördern“, erläutert der Erste Kreisbeigeordnete Jens Deutschendorf, in dessen Fachbereich als Gesundheitsdezernent die Frage fällt. Dazu kamen Vertreter von Selbsthilfegruppen und Landkreis gestern im Bürgerhaus zusammen.

Angebote zur Unterstützung

„Wo es Kontaktstellen gibt, gibt es mehr Selbsthilfegruppen, die zudem stabiler sind“, fasst Carola Jantzen die Ergebnisse einer Schweizer Studie zusammen. Die Einrichtungen übernehmen fünf Aufgaben, zuerst Öffentlichkeitsarbeit mit Internetpräsenz, einem auch in Arztpraxen ausliegenden Wegweiser zu Gruppen und einem öffentlichen Selbsthilfetag. Interessierte sollen auch direkt beraten und an passende Angebote vermittelt werden. Gibt es solche in der Region nicht, helfen die Kontaktstellen Betroffenen bei der Etablierung neuer Gruppen. Bestehenden Runden vermitteln sie Fortbildungsangebote und intervenieren notfalls bei internen Streitigkeiten. Zuletzt vernetzen sie die Gruppen untereinander und mit Ärzten. Selbsthilfegruppen seien weniger eine Alternative als eine Ergänzung zur etablierten Medizin - zumal ein Drittel der bei KISS beratenen Menschen von Ärzten geschickt werde.

„Wir leiten aber nicht, sondern machen nur Angebote“, stellt Carola Jantzen klar. Bettina Nöll von der AOK Hessen zerstreut auch Befürchtungen, die Einrichtung einer Kontaktstelle könne Selbsthilfegruppen Fördermittel kosten: „Die Basis für die Finanzierung ist sicher.“ In Waldeck-Frankenberg hätten sich die Zuwendungen an Selbsthilfegruppen von 13000 Euro im Vorjahr auf 21000 Euro in diesem Jahr erhöht. Die hessenweit aufgebrachten Mittel steigen von Jahr zu Jahr, 2014 gingen pro Versicherten 62 Cent in den Fördertopf, der somit 3170000 Euro umfasst - nach 2850000 Euro und einem Beitrag von 56 Cent im Jahr 2008.

Probleme bereite eher schon die Weite des ländlichen Raums, so Carola Jantzen: Wo in Kassel eine hohe Konzentration herrsche, verbreiten sich Selbsthilfegruppen in Waldeck-Frankenberg über eine große Fläche. „Das meiste unserer Arbeit lässt sich über Internet und Telefon regeln, aber Selbsthilfetage sollten unter solchen Bedingungen an wechselnden Orten stattfinden“, erklärt sie. In manchen Kreisen gebe es auch „Selbsthilfemobile“, um Menschen zur Beratung zusammenzubringen.

Noch viel Diskussionsbedarf

Größtes Problem ist aber das Geld: Laut Carola Jantzen ist mindestens eine halbe Sozialpädagogen- oder Psychologenstelle erforderlich. Während die Trägerschaft einer Kontaktstelle frei wählbar ist, ist für die Förderung durch die Krankenkassen eine anteilige Förderung durch die öffentliche Hand notwendig. Zudem fördern die Krankenkassen erst nach einem Jahr: Eine Selbsthilfekontaktgruppe muss Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft werden, was erst nach zwölf Monaten geschehen kann - wenn denn ihren Kriterien entsprochen wird.

„Da besteht noch sehr viel Diskussionsbedarf“, sagt Jens Deutschendorf: Ob überhaupt eine Selbsthilfekontaktstelle eingerichtet, wo sie angesiedelt und wie sie finanziert werde, seien offene Fragen. Zur Überbrückung des ersten Jahres wäre aber möglicherweise die Kooperation mit einem Nachbarkreis eine Lösung - sofern die Entfernungen kein entscheidendes Problem sein sollten.

Hintergrund

Was eine Selbsthilfegruppe ist und was nicht, unterliegt etwa bei der Kasseler Kontaktstelle strengen Kriterien: Es handelt sich um Gruppen von „Gleichbetroffenen“, die sich in regelmäßigen Treffen austauschen, um sich bei der Bewältigung von Erkrankungen und Problemen zu unterstützen. Themen außerhalb des Gesundheitsbereichs sind möglich, etwa Erziehung, Trauer oder Mobbing. Ein hauptamtlicher Leiter, die Angliederung an eine Organisation, politische oder religiöse Ziele sind nicht erlaubt. Dem Fachdienst Gesundheit sind knapp 40 Selbsthilfegruppen in Waldeck-Frankenberg bekannt. Am Informationstag nahmen Vertreter des Diabetiker-Treffs, der Frauenselbsthilfe nach Krebs, der Rheuma-Liga, der Depressionsgruppe Depash, der Freundeskreise und von Gruppen über Neurofibromatose, Fibromyalgie, Parkinson, Schlafapnoe, Osteoporose und Sehbehinderungen teil.

Von Wilhelm Figge

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