Haus- und Fachärzte reagieren erleichtert auf Abschaffung der Praxisgebühr

„Verwaltungsmonster“ tut nichts mehr

Korbach - Erst kassieren, dann therapieren: An diese Reihenfolge haben sich Hausärzte und ihre Praxismitarbeiter nie gewöhnt. Umso größer ist bei ihnen die Erleichterung, dass zum 1. Januar die Praxisgebühr abgeschafft wurde. Patienten, die regelmäßig den Hausarzt aufsuchen, sparen so bis zu 40 Euro im Jahr.

Zehn Euro pro Quartal beim ersten Besuch eines Arztes, Zahnarztes oder Psychotherapeuten: Zwei Milliarden Euro flossen so jährlich den Krankenkassen zu. Ein weiteres Ziel der 2004 von der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) eingeführten Regelung war es, die Zahl der Arztbesuche gesetzlich Krankenversicherter auf die wirklich nötigen zu begrenzen.

Diese Lenkungswirkung hat die Gebühr nach Ansicht von Dr. Joachim Kühlwein (Korbach) jedoch stets verfehlt, wie der seit wenigen Tagen mögliche Umkehrschluss zeige: „Ich habe bisher nicht feststellen können, dass seit Quartalsbeginn mehr Patienten in die Praxis kommen“, so der Allgemeinmediziner und Vorsitzende des Ärztenetzes Waldecker Land.

Mit einem Anstieg der Arzt-Besuche rechnen selbst die gesetzlichen Krankenkassen nicht. Ralf Metzger, stellvertretender Unternehmenssprecher der AOK Gesundheitskasse in Hessen, bezieht sich mit dieser Einschätzung auf verschiedene Studien seit Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004. „Wir haben in Deutschland eine hohe Anzahl von Arztkontakten. Aus den Studien ging jedoch nicht hervor, dass sich diese aufgrund der Praxisgebühr verringerte“, sagt er auf Nachfrage der WLZ-FZ.

„Unsinnige Regelung“

Dr. Kühlwein geht davon aus, dass das Thema bei den Patienten überhaupt weit weniger Stellenwert als bei den Therapeuten besitzt. Diesen Eindruck bestätigt auch die Tatsache, dass einige Kassenpatienten noch gar nicht wussten, dass die Praxisgebühr abgeschafft ist bis sie beispielsweise in der AOK-Geschäftsstelle in Frankenberg darüber aufgeklärt wurden.

„Großartige Reaktionen“ habe es darauf jedoch nicht gegeben, berichtet Metzger. Wer als chronisch Kranker häufig medizinischer Hilfe bedurfte, regelmäßig untersucht wurde und Medikamente verschrieben bekam, konnte sich von der Gebührenzahlung befreien lassen, wenn auch in einem recht komplizierten Verfahren.

Otto Normalpatient nahm es meist gelassen hin, bis zu viermal im Jahr zehn Euro Obolus entrichten zu müssen. Dr. Kühlwein ist allerdings froh über „die erhebliche Erleichterung“, denn die „unsinnige“ Regelung begleitet ihn, seitdem er 2005 als niedergelassener Hausarzt begann.

„Ich genieße deshalb das erste Quartal ohne Praxisgebühr“, gibt er unumwunden zu. Auf durchschnittlich 1,50 Euro pro gebührenpflichtigen Patienten taxiert er den Mehraufwand, der bisher vom behandelnden Arzt zu tragen war. Daten mussten verarbeitet, Quittungen und mitunter auch Mahnschreiben ausgestellt und verschickt werden. Säumige Zahler habe es gar nicht selten gegeben, berichtet Kühlwein. Noch immer lägen ein paar Personalausweise, die diejenigen als Pfand zurückgelassen hatten, in der Schublade.

Bundesweit gibt es noch rund 200 000 offene Mahnverfahren für nicht gezahlte Gebühren. Ohne Praxisgebühr fällt es den Versicherten leichter, auch ohne Überweisung einen Facharzt aufzusuchen. Dr. Kühlwein rät Patienten allerdings, nach wie vor zuerst in die Hausarztpraxis zu kommen. Auf diese Weise können Krankheitsgeschichte und Therapie, Medikamente und Untersuchungen lückenlos dokumentiert werden. Überflüssige Mehrfachuntersuchungen und nicht aufeinander abgestimmte Arzneimittelverordnungen ließen sich so meist vermeiden.

Die von der Praxisgebühr ursprünglich beabsichtigte Lenkungswirkung verspricht sich der Korbacher Arzt eher von Hausarztmodellen mit sogenannten Selektivverträgen, wie sie von einigen Krankenkassen etwa in Baden-Württemberg praktiziert würden.

Lückenlose Dokumentation

Auch Frank Dastych, Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Bad Arolsen und Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen, freut sich über die Abschaffung der Praxisgebühr. „Ich habe sie gerne die Kassengebühr genannt“, sagt er. „Ich hatte aber keinen Patienten weniger als vor der Einführung der Gebühr“, so der Mediziner.

Bundesweit seien die Zahlen der Arztbesuche im ersten Jahr um rund 15 Prozent gesunken, hätten sich dann aber auf dem alten Stand eingependelt. Ohnehin halte er nichts davon, Patienten den Weg zum Arzt zu erschweren. „Gut, dass dieses Verwaltungsmonster nun abgeschafft wurde“, sagt er. Und auch in dem Wunsch nach einer lückenlosen Dokumentation ist er mit den Hausärzten einer Meinung. „Ich bin ein großer Freund von hausärztlicher Grundversorgung“, sagt Frank Dastych, „wir arbeiten zusammen und sind keine Konkurrenten.“ Und so befürwortet er auch künftig Überweisungen vom Hausarzt im Sinne des Patienten. „Allerdings sind 70 Prozent der Überweisungen leer“, sagt der Facharzt. Dokumentation müsse dann auch in beide Richtungen funktionieren. „Nur dann kann ich auch als Facharzt meinen Patienten bestmöglich behandeln“, sagt der Arolser HNO-Arzt.

„Sorgen unbegründet“

Die Befürchtung einiger Patienten aus dem Landkreis, dass sie nach dem Wegfall der Gebühr bei Erkrankung an einer anderen Stelle zuzahlen müssen, ist derzeit unbegründet. AOK-Sprecher Metzger beruhigt besorgte Gemüter: „Uns sind derzeit vonseiten der Politik keine derartigen Pläne bekannt.“(tk/resa/sis)

Hintergrund

Mitte Dezember gab der Bundesrat grünes Licht für die Abschaffung der Praxisgebühr zum 1. Januar 2013. An den Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente ändert sich dadurch nichts: Dort zahlen Versicherte weiterhin zehn Prozent des Preises hinzu – mindestens fünf und höchstens zehn Euro, jedoch nicht mehr als die tatsächlichen Kosten des Arzneimittels.

Auch Zuzahlungen für andere Leistungen wie Krankenhausbehandlung, Heilmittel oder häusliche Krankenpflege bleiben weiterhin bestehen. Die Zuzahlungen dürfen zwei Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen des Versicherten jedoch nicht übersteigen.

Für schwerwiegend chronisch Kranke liegt die Belastungsgrenze sogar nur bei einem Prozent. Haben Versicherte ihre persönliche Höchstgrenze erreicht, können sie sich von weiteren Zuzahlungen befreien lassen. Dafür wird in der Regel ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt und die bereits bezahlten Zuzahlungen mit Quittungen nachgewiesen.

Wer seine persönliche Belastungsgrenze erreicht hat, erhält einen Befreiungsausweis und muss keine Zuzahlung mehr bei medizinischen Leistungen zahlen.

Um Versicherten, die besonders viele Aufwendungen haben, das Sammeln der Quittungen zu ersparen, gibt es die Möglichkeit, den Betrag der maximal zu leistenden Zuzahlungen im Voraus eines Jahres an die Krankenkasse zu überweisen. Diese Vorauszahlung rentiert sich aber nur, wenn man sich sicher ist, dass man die eigene Höchstgrenze auch wirklich erreicht.(tk/r)

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