Debatte um KoCoS: Schnelle Internetverbindungen auch in Korbach möglich

Viel Nebel auf der Datenautobahn

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Glasfaseranschluss im Netzwerk der Waldeckischen Landeszeitung: In Korbach sind schnelle Datenleitungen möglich.Foto: Kleine

Korbach - Die Firma KoCoS beklagt langsame Internetverbindungen. Andere Firmen in der Kreisstadt verfügen dagegen über ausreichend Tempo auf der Datenautobahn. Das ist vor allem eine Frage, was die Betriebe dafür investieren wollen.

Messtechnik der KoCoS AG gehört zum Feinsten, was die Branche weltweit zu bieten hat. Stromkonzerne, Automobilhersteller, Lebensmittelindustrie wissen das zu schätzen. Und selbst beim amerikanischen Chip-Riesen Intel ist KoCoS-Chef Thomas Becker ein gerngesehener Gast.

Mehrfach in den vergangenen Jahren hat sich Becker derweil über schlechte Internetverbindungen am Stammsitz Korbach beklagt. Was Becker vorige Woche berichtete, klang schier unglaublich: Für Volkswagen in Mexiko sollte eine neue Softwareversion online aufgespielt werden.

Mehrfach sei die Verbindung in Korbach unterbrochen worden, stattdessen habe KoCoS dann eine DVD per Kurier zum Zweigbetrieb in Weimar geschickt – um von Thüringen aus problemlos zu überspielen.

Statt einer erhofften Übertragungsrate von 128 Megabit pro Sekunde verfügt KoCoS in Korbach nach eigenen Angaben nur über drei Mbit/s. In der Praxis ist das selbst vielen Hobbysurfern viel zu langsam – selbst wenn sie nur hin und wieder ein paar Fotos per Mail verschicken wollen. Beckers Schilderung sorgte bei anderen Korbacher Unternehmen jedoch für einige Fragezeichen:

Etliche Betriebe in der Kernstadt verfügen längst über viel höhere Bandbreiten – sprich: Tempo bei der Datenübertragung. Schon schrieb der Geschäftsführer eines anderen international agierenden Unternehmens, Becker könne bei Bedarf gerne deren Datenleitung nutzen. Denn dort stehen 34 Mbit/s zur Verfügung. Und dies für Download und Upload gleichermaßen – also Empfangen und Senden von Daten. Genau hier liegt nämlich ein feiner Unterschied zwischen den meisten Privatanschlüssen und vielen Firmennetzwerken: Wer zu Hause eine DSL-Leitung fürs Internet besitzt, der lädt zwar schnell Daten auf seinen Rechner. Aber das Versenden dauert meist viel länger.

Überdies hängt das tatsächliche Tempo von vielen anderen Faktoren ab: Bin ich mit schwankender Funkverbindung angeschlossen? Sind gerade viele andere Nutzer auf der Leitung? Geht es um einzelne Rechner oder ein komplexes Firmennetzwerk? Wer Kupfer bestellt,bekommt keine Glasfaser

Kein Wunder, dass bei so vielen Tücken, Techniken und Fragen auf der politischen Ebene derzeit reichlich Verwirrung in Korbach herrscht. Denn just auf der politischen Datenautobahn ist das Thema „KoCoS“ inzwischen eingebogen. Obwohl es der Firmenchef dort gar nicht haben wollte, wie Thomas Becker versichert.

SPD und Grüne schickten umgehend Mails auf den Weg. „Da ist es bedauerlich, dass unser Bürgermeister hier leichtfertig Chancen hat verstreichen lassen“, ließ Grünen-Fraktionschef Daniel May wissen. Und auch Bürgermeister-Kandidat Martin Dörflinger (SPD) nahm sich der Sache kritisch an.

Am Dienstagabend poppte das Thema im Finanzausschuss des Parlaments abermals auf. Doch dort herrschte offenbar viel Nebel: „Natürlich haben Kunden jederzeit die Möglichkeit, einen sogenannten Company-Connect-Anschluss legen zu lassen – auch in Korbach“, erklärt George-Stephen McKinney auf WLZ-Anfrage. Er ist Pressesprecher der Deutschen Telekom. Solche gewerblichen Anschlüsse sind aber vor allem eine Frage des Geldes. Die Tarife beginnen bei 200 Euro pro Monat, können aber auch vier- bis fünfstellige Beträge monatlich kosten – je nach Bedarf und Sicherheit der Leitungen. KoCoS hatte ebenso ein gewerbliches Angebot von Telekom eingeholt. Das aber verhieß nur 5 Mbit/s – bei drei Jahren Vertragslaufzeit. Da die Stadt Korbach jedoch voriges Jahr signalisierte, dass bald der „Ringschluss“ des Anbieters Unitymedia geschafft sei, wollte sich KoCoS nicht für drei Jahre binden, erläutert Becker.

Das ist verständlich, denn der Kabelfernsehen-Anbieter Unitymedia will in Korbach bald bis zu 128 Mbit/s übers TV-Kabel ermöglichen – und offeriert auch gewerbliche Lösungen. Aber mehrfach wurde der „Ringschluss“ verschoben, moniert Becker. Die Verzögerung liegt hingegen nicht an der Stadt Korbach. In Kernstadt und Ortsteilen sind die nötigen Leitungen bereits erledigt (wir berichteten ausführlich).

Überdies schwankt die Bandbreite auch bei Unitymedia zwischen 16 und 128 Mbit/s – je nach Standort. Telekom, Unitymedia?und Konsorten Derweil bezog sich das Telekom-Angebot für KoCoS offenbar nur auf die dort bestehende Kupferleitung. Für höhere Bandbreiten ist ein Glasfaseranschluss erforderlich. Auch der wäre für das Unternehmen machbar – ist aber teurer. Andere Unternehmen in Korbach nutzen – und bezahlen – solche Anschlüsse längst. KoCoS aber nicht. Das Unternehmen hoffte auf eine baldige Lösung mit Unitymedia, die zunächst schon für 2011 angekündigt war.

Die Kurierfahrt des Hightech-Unternehmens mit einer DVD von Korbach nach Weimar geht also kaum aufs Konto der Stadt. Zudem hatte das Parlament vor drei Jahren einhellig ein Angebot der Telekom für ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz in Korbach abgelehnt. Denn der Magenta-Riese verlangte damals mehrere 100?000 Euro Zuschüsse der Stadt dafür. Und selbst mit einem flächendeckenden DSL-Netz bliebe die Frage, ob ein solcher Anschluss für die Anforderungen einer Firma wie KoCoS ausreichend wäre. Was aber deutlich wird, sind Probleme in der Verständigung: ob Stadt, Unternehmen oder Parlament.

Überdeutlich ist zugleich, dass der ländliche Raum auch auf den elektronischen Autobahnen bislang im Nachteil ist. Für die Anbieter sind die Kosten pro Anschluss in Ballungszentren eben günstiger, der Profit damit höher – ob Telekom, Unitymedia oder andere. So bleibt ein weiteres Argument von Firmenchef Thomas Becker unwidersprochen: Heimarbeitsplätze, familienfreundliche und flexible Beschäftigung, mobile Kommunikation sind hierzulande (noch?) problematisch. In diesem Punkt hilft vielen heimischen Firmen derzeit selbst ein Glasfaser-Anschluss im Betrieb wenig. (jk)

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