Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an Deportation von Juden vor 70 Jahren mit Ausstellungseröffnung

Von Vöhl aus mit dem Zug in den Tod

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Vöhl - 508 Juden aus Nordhessen wurden vor 70 Jahren in einen Zug Richtung Polen gepfercht. Niemand von ihnen kam zurück. In Vöhl wurde der Opfer gedacht, eine Ausstellung erinnert an die Verstorbenen aus der Region.

Die Briefe kamen bereits Wochen, bevor sie abgeholt werden sollten, in ihren Häusern an. Die Rede war von „Umsiedlungsmaßnahmen“ oder „Evakuierung“. Dass ihnen etwas zustoßen könnte, wollten viele auch 1942 noch nicht glauben. Schließlich lebten sie seit Jahrzehnten in diesem Land, gingen in die örtlichen Vereine, waren fest in das Dorfleben integriert.

Am 1. Juni 1942 fanden sich 508 Juden aus Nordhessen am Bahnhof in Kassel wieder, 56 davon aus dem heutigen Landkreis Waldeck-Frankenberg - unter anderem aus Vöhl, aus Korbach und aus Battenfeld. Von dort ging es in die Konzentrationslager nach Sobibor und Majdanek - keiner der 508 überlebte.

Vor 70 Jahren verloren die Menschen in der Region ihre langjährigen Nachbarn, viele sahen weg, manch einer wurde zum Mittäter in diesem Völkermord. Gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen und gegen das Wegschauen hatten die Mitglieder des Förderkreises Synagoge Vöhl, der Landkreis, die Gemeinde Vöhl und der Internationale Suchdienst eine Gedenkveranstaltung organisiert.

In diesem Rahmen wurde am Samstag die Ausstellung „Deportation nach Sobibor und Majdanek“ in der Vöhler Synagoge eröffnet. Für die Ausstellung haben sich Geschichtsinteressierte von Volkmarsen bis Battenberg zusammengetan. Entstanden ist ein beachtliches Werk. Auf Plakaten ist die persönliche Geschichte von 13 jüdischen Familien aus dem Landkreis festgehalten. Etwa von Hermann Straus, gebürtiger Eimelroder. Er war Hausmeister an der jüdischen Schule in Korbach. In der Reichspogromnacht musste er mit ansehen, wie die Synagoge in Flammen aufging. Viele Korbacher beschimpften und bedrohten ihn.

Die meisten Besucher fragten sich an diesem Wochenende, wie aus Freunden und Nachbarn in so kurzer Zeit Feinde werden konnten. Darauf kann die Ausstellung keine Antwort liefern, aber sie wirft einen hervorragenden Blick auf jene Menschen, die in der Region darunter leiden und am Ende mit ihrem Leben zahlen mussten.

Auf einer großen Tafel sind in der Art eines Spinnennetzes Fäden gezogen - von den Orten aus dem Landkreis, aus denen Juden abtransportiert wurden, hin nach Kassel und weiter in Richtung Sobibor. In einem kleinen Raum der Synagoge steht ein Monitor, auf dem die Namen der Deportierten nacheinander erscheinen.

Zudem stellte die Künstlerin Eva Renée Nele ihr Kunstwerk „Sie gingen aufrecht“ zur Verfügung. Auf der vierbeinigen, etwa 1,80 Meter hohen Stahlkonstruktion laufen Menschen in alle vier Himmelsrichtungen dem Verderben entgegen. „Doch das machen sie aufrecht und mit Hoffnung“ erklärte der Mitinitiator der Ausstellung, Kurt-Willi Julius. Außerdem ist das Modell des Lagers Sobibor zu sehen, angefertigt von Jugendlichen aus Vöhl (wir berichteten).

Zur Eröffnung der Ausstellung mahnte Karl-Heinz Stadtler vom Förderkreis, dass es nur ein kleiner Schritt sei zwischen nichts tun und wegschauen sowie aktiv mitmachen. Die Bedeutung der Ausstellung hoben in ihren Grußworten auch Vöhls Bürgermeister Harald Plün­necke und die Kreistagsvorsitzende Iris Ruhwedel hervor. An den Veranstaltungen nahmen zudem der Sobibor-Überlebende Jules Schelvis mit der Vorsitzenden der „Stichding Sobibor“, Rozette Kats aus den Niederlanden, und die Cousine von Günter Sternberg, Gisela Frees, teil (siehe weiteren Text).

Jules Schelvis hielt am Samstagabend einen Vortrag über seine Odyssee durch die Konzentrationslager. Mehr dazu lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe.

Die Ausstellung in der Vöhler­Synagoge ist am kommenden Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr zu sehen und während der Woche nach Absprache mit Günter Maier, zu erreichen unter Telefon 05635/992690.

(von Tobias Treude)

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