Avranches: Hans-Henning Segler über Schüleraustausch in den 70er- und 80er-Jahren

Vorbehalte schmelzen wie Butter

Korbach - Korbach und Avranches feiern am Wochenende 50 Jahre Städtepartnerschaft: Das Fundament dafür legten Schüler und Lehrer. Hans-Henning Segler ist ein routinierter Akteur dieser Liaison.

Hans-Henning Segler, bis 1995 Leiter der Louis-Peter-Schule, begleitete in mehr als 20 Jahren Hunderte von Schülern in die Partnerstadt. Nach einem Jahr als Assistent an einer Schule in der Nähe von Lyon kam er 1969 an die Berliner Schule. Mit den Französisch-Klassen des Realschulzweigs fuhr er bis 1988 jedes Jahr nach Avranches.

Allein die Bahnreise in die Normandie glich Anfang der 1970er-Jahre einem Abenteuer. „In Frankfurt stiegen wir in den Europa-Express-Zug, der mit sowjetischem Kurswagen zwischen Moskau und Paris verkehrte“, erinnert sich Segler. Nach einer Nacht im Liegewagen stürzte sich die Korbacher Schülergruppe ins Pendlergetümmel am Gare de l’Est. Auf dem Weg zur Metro, mit der die Gruppe zum Umstiegsbahnhof Montparnasse fuhr, durfte niemand zurückbleiben. „Deshalb haben wir uns bereits im Unterricht mit Fahrplänen beschäf- tigt und die nötigen Vokabeln geübt, damit jeder Schüler sprachlich in der Lage ist, Auskünfte einzuholen, falls er verloren gehen sollte“, berichtet der pensionierte Pädagoge von der minutiösen Vorbereitung.

In Avranches angekommen, nahmen dann die Gasteltern ihre Schützlinge in Empfang. Nach einer kurzen Verschnaufpause waren die Lehrer dann aber schnell wieder gefragt, um in der Eingewöhnungsphase zu helfen. Einsetzendes Heimweh, die fremde Umgebung, Verständigungsprobleme und nicht zuletzt ungewohnte Essgewohnheiten (statt Abendbrot ein Mehrgang-Menü) führten häufig zu kleineren Dramen. Von denen war am Ende des Besuchs, nach einem Disco-Abend, aber nichts mehr zu merken. „Da flossen Abschiedstränen“, und voller Vorfreude auf den Gegenbesuch in wenigen Monaten ging es zurück nach Korbach.

„Mancher Normanne alten Schlages taute erst auf, als er bemerkte, dass der deutsche Lehrer Französisch sprach“, erklärt Segler die anfängliche Zurückhaltung dieser eher als spröde und verschlossen geltenden Küstenbewohner. Doch nicht nur Mentalitätsschranken, sondern auch Vorbehalte waren 25 Jahre nach Kriegsende noch zu überwinden. Vor allem dank der Unterstützung seiner französischen Kollegin Chantal Decley sei dies möglich gewesen. „Wir haben Jahr für Jahr auf den Fortschritten des vorangegangenen Austausches aufgebaut“, beschreibt Segler die kontinuierliche Entwicklung. Am Ende seien restliche Ressentiments geschmolzen „wie Butter in der Sonne“. „Die höchste Wertschätzung, die Besucher aus Korbach bekommen konnten“, schildert Segler schmunzelnd, „war und ist eine Flasche selbst gebrannter Calvados.“ Sein hochprozentiges, lange gelagertes Souvenir stammt aus dem Jahre 1954.

Frankophile Korbacher

Viele „ganz enge, feste Verbindungen“ sind durch den jahrzehntelangen Schüleraustausch mit dem Lycée Émile Littré geknüpft worden, der bereits 1953 mit dem Besuch einer Gruppe der Alten Landesschule begann und weiter fortgeführt wird. Diese Beziehungen zu pflegen und zu vertie-fen, hat sich auch der 1985 gegründete Freundschaftskreis zur Aufgabe gemacht, dessen Geschicke Segler seit 2006 lenkt. Mehr als 70 „frankophile“ Korba- cher gehören zu dieser Gruppe.

Nicht nur die Schülerbegegnungen selbst, „sondern das, was daraus entstanden ist“, bezeichnet Segler als den eigentlichen Erfolg der Partnerschaft: „Die Erkenntnisse, die über die Erlebnisse hinausgehen, sind entscheidend“, meint Segler, für ein Verhältnis zum französischen Nachbarn, das von „Toleranz, Respekt, Sympathie und Mitempfinden geprägt ist“.

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