Beklemmender Abend mit Martina Roth in Synagoge mit Texten jüdischer Dichterinnen

Warten am Bahnhof der Ängste

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Martina Roth sang und rezitierte Texte von Nelly Sachs und Selma Meerbaum-Eisinger.

Vöhl. - Ein ungewöhnlicher Abend zwischen Konzert, Gedichtvortrag, Multimedia-Schau und Theater erwartete das Publikum in der Vöhler Synagoge.

Das „BBT Bewegtbildtheater“ zeigte am Samstag in der ehemaligen Synagoge in Vöhl „Herzkeime“, ein assoziationsreiches Stück aus Texten der Dichterinnen Nelly Sachs und Selma Meerbaum-Eisinger. Sängerin und Schauspielerin war Martina Roth, die Vertonungen, Filme und die Live-Begleitung auf der Konzertgitarre ergänzte Johannes Conen.

Das sehr dichte Programm schuf in 75 Minuten ohne Pause von Anfang an eine bedrückende Atmosphäre. Eine mit einem grauen Mantel bekleidete Frau ging mit ihrem Koffer zur Bühne. Über der Bühne sah man auf einer Leinwand schmutzig-triste Bahnhofsfenster. Die Frau stand unter den Fenstern und wartete auf einen Zug. Wohin? Beklemmung, Angst, Verzweiflung, Trauer, Resignation, Sehnsucht, Aufbegehren - all das spiegelte sich in ihren Gesten, ihrer Stimme und ihrem Gesicht wider. Manchmal sah man durch die Bahnhofsfenster andere Menschen mit Koffern, manchmal auch die Weite der Landschaft, ab und zu tauchte ein Spiegelbild ihrer selbst dort auf.

Gespiegelt und fortgesponnen wurden auch viele Gedanken in den Texten der beiden jüdischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, die ähnliche Erfahrungen machen mussten: Beide hatten in der Liebe kein Glück gefunden, sich früh in einen Mann verliebt, ohne Erfüllung zu finden. Selma Meerbaum-Eisingers Texte wurden dabei in ge­sun­gener Form vorgetragen, die Gedichte der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs wurden rezitiert, doch oft schien es, als würden beide direkt aufeinander antworten.

Selma Meerbaum-Eisinger wurde 1924 in Czernowitz geboren und dichtete bereits mit 15 Jahren. Sie wurde als Jüdin nach Einmarsch der Deutschen ins Lager Michailowka deportiert, wo sie 1942 im Alter von nur 18 Jahren an Flecktyphus starb. Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin geboren und konnte 1940 gerade noch rechtzeitig Deutschland verlassen, um dem Abtransport ins Vernichtungslager zu entgehen. Sie lebte in Schweden, wo sie 1970 starb.

Das Programm erforderte Geduld und Einfühlungsvermögen. Eine bedrückende Grundstimmung und resignierte Gleichförmigkeit lag über den Liedern und Texten. Auch in ihren linkischen Bewegungen wirkte „die Frau“ gefangen und irritiert, als stünde sie unter Beobachtung und ahnte ein düsteres Schicksal voraus. Einzig beim großartigen Sachs-Gedicht „Wenn die Propheten einbrächen“ gelang ihr ein kurzer Ausbruch und Aufbruch, so als könnte sie sich der Übermacht einer bösartigen Zeit und eines fremdbestimmten Lebens entgegenstellen.

Doch schnell kehrte die Einsicht in die eigene ausweglose Lage zurück, die sich auch mit tröstlichen Kinder-Schlafliedern nicht wegsingen lässt. Am Ende verlässt sie mit ihrem Koffer den Bahnhof. Wohin sie auch muss, dort wartet bestimmt nichts Gutes.

Die Beklemmung löste sich auch beim Publikum nur langsam. Zwar gab es herzlichen Applaus für die Künstler, doch viele verließen nachdenklich und schweigend den für diese Produktion besonders geeigneten Aufführungsort.

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