Korbacher Hallenbad: Planer haben die Sprunggerüste falsch berechnet

Welches Sprungbrett darf’s denn sein?

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Die Sprunggerüste im sanierten Hallenbad stehen offenbar zu dicht.

Korbach - Unvorstellbar, aber wahr: Nicht mal den Abstand zwischen zwei Sprungbrettern haben die Hallenbadplaner in Korbach beim Umbau ordnungsgemäß berechnet.

Rost am Edelstahl, fehlende Abläufe in der Dusche, Keime im Trinkwasser, falsche Installationen - die Mängelliste beim Hallenbadbau ist lang. Badbetreiber Energie Waldeck-Frankenberg (EWF) tischte diese Woche vor dem Finanzausschuss des Parlaments eine weitere Hiobsbotschaft auf: Auch die Abstände zwischen den neuen Sprungbrettern genügen nicht den Vorschriften.

Laut EWF-Geschäftsführer Stefan Schaller liegen exakt 1,97 Meter zwischen dem Ein-Meter-Brett und dem Drei-Meter-Brett. Vorgeschrieben seien aber 2,20 Meter. Somit könne EWF die Haftung nicht übernehmen.

Hinter den Kulissen kursierten dann offenbar schnell die Zollstöcke - und die Richtlinien zum Bäderbau. Die dicken Akten stiften indes reichlich Verwirrung. Entscheidende Frage: Welche Vorschrift galt denn nun bei der millionenschweren Sanierung des Hallenbads?

Der Deutsche Schwimmverband (DSV) verweist in seinem Regelwerk für Sportstätten auf die sogenannten KOK-Richtlinien für den Bäderbau. KOK steht für einen „Koordinierungskreis“ von Experten, die in regelmäßigen Abständen ein dickes Regularium für den deutschen Bäderbau erarbeiten.

Richtlinien zum Bäderbau gibt es überdies von den deutschen Unfallversicherungen (GUV). Deren Vorschriften verweisen bei Sprunganlagen wiederum auf die KOK-Richtlinien. Als dritte Ebene gibt es auch noch eine DIN-Norm (DIN EN 13451), die sich mit den Abständen zwischen Sprungbrettern in Bädern befasst.

Paragraphendschungel

Auch wenn sich viele Hallenbadplaner an den KOK-Richtlinien orientieren: „Sie sind nur ein Regelwerk und haben keinen gesetzlichen Charakter“, erklärt Michael Weiland, Experte der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (Essen), auf WLZ-Nachfrage. Wichtig für den Korbacher Hallenbadbau ist zudem das Datum: Welche Vorschrift war gültig, als das sanierte Korbacher Hallenbad im März 2012 vorübergehend für einen Monat in Betrieb ging? Denn die KOK-Richtlinien wurden just 2013 neu gefasst.

Nach alter Version (2002) war ein Abstand von 1,90 Meter zwischen den Sprungbrettern ausreichend, nach neuer Version (2013) ist ein Abstand von 2,20 Meter erforderlich. Dazwischen, also bis 2012, gab es die Empfehlung, mindestens zwei Meter Abstand zu halten.

In der Praxis seien 20 Zentimeter mehr oder weniger Abstand kaum relevant, erklärt Experte Michael Weiland. Denn seit 20 Jahren habe es in Deutschland keinen Fall gegeben, in dem sich etwa ein Badegast beim Sprung vom Drei-Meter-Brett am Ein-Meter-Brett verletzt habe. Rechtlich relevant für das Korbacher Hallenbad sei vielmehr, welche Anforderung im Vertrag mit dem Planungsbüro stand, betont Weiland.

DIN-Norm missachtet

Nach WLZ-Recherchen hatte der Generalplaner aus Gotha vom Badbesitzer EWF den Auftrag, die Sprunganlage nach DIN-Norm zu bauen. Und die besagte schon seit 2004, dass zwischen den Sprungbrettern ein Abstand von 2,20 Meter erforderlich ist. Demnach hat der Hallenbadplaner aus Gotha die stählernen Sprunggerüste in Korbach falsch aufbauen lassen und müsste den Fehler beseitigen - wenn EWF richtig nachgemessen hat.

Entscheidend ist nämlich nicht der schnöde seitliche Abstand von Brett zu Brett, sondern das exakte lotrechte Maß von Brettmitte zu Brettmitte über der Wasserfläche, wie Michael Weiland erklärt. Im Zweifel wird also ein Vermessungsexperte mit Lot und Laser im Hallenbad noch einmal anrücken müssen, um den Abstand nach DIN-Norm zu bestimmen.

In der Praxis ist die Sache noch viel komplizierter. Rein technisch ließen sich die Sprunggerüste sicher versetzen, damit der Abstand vorschriftsmäßig ist. Offen ist allerdings, ob die Abstände der Sprungbretter seitlich zu den Beckenrändern dann noch ausreichen.

Vielleicht müssen die Badegäste auf eines der Sprungbretter sogar verzichten, wenn das Hallenbad im Herbst 2015 wieder eröffnet werden sollte. Auch dabei lassen die Schwimmbadregeln mehrere Möglichkeiten: Eines der federnden Bretter wird gegen eine feste Plattform ausgetauscht - dann reichen auch zwei Meter Abstand. Das Drei-Meter-Gerüst im Hallenbad ersatzlos zu streichen wäre jedenfalls taktisch unklug: Im Korbacher Freibad gibt es seit Jahren schon kein Drei-Meter-Brett mehr. Der Sprung aus drei Metern Höhe ist aber für manches Schwimmabzeichen der Kinder vorgeschrieben.

Zunächst einmal wäre deshalb Maßarbeit im Hallenbad angesagt - und zwar nach allen Regeln der Vorschriften. Auch der TÜV liefert dafür offensichtlich keine Garantie: Der TÜV Thüringen hatte 2012 bescheinigt, die Korbacher Sprunggerüste seien einwandfrei.

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