Berufliche Schulen Korbach und Bad Arolsen erhalten mehr Kompetenzen

Wenn eine Schule selbstständig wird

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Korbach - Oft fällt es alteingesessenen Institutionen schwer, neue Wege zu gehen.Ganz anders die Beruflichen Schulen Korbach und Bad Arolsen: Dort wird viel verändert und in Zukunft eigenständiger gearbeitet - als "Selbstständige Berufsschule".

Soll das Geld des Landes Hessen in eine neue Lehrkraft oder in eine IT-Assistenz investiert werden? Sind die Lehrmethoden in den einzelnen Klassen passend oder müssen größere Veränderungen vorgenommen werden? Entscheidungen, die bislang nicht immer bei den Berufsschulen selbst, sondern zum Beispiel beim Land lagen. Das ändert sich an den Beruflichen Schulen Korbach und Bad Arolsen fortan -sie zählen zu den 35 "Selbstständigen Beruflichen Schulen" (SBS) in Hessen.

Mehr Handlungsspielraum

Damit wird der Schulleitung, den Lehrern, aber auch den Schülern mehr Mitspracherecht eingeräumt. Oberstes Ziel ist die Verbesserung des Unterrichts. "Wir können flexibler reagieren, vieles ist einfacher geworden", sagt Pressesprecherin Sabine Runge bei der Projektvorstellung. Dabei trifft es vor allem das Wörtchen "vieles": Von der Verwendung des Budgets über die Organisation der Schule bis hin zur Gestaltung des Unterrichts: Schulen mit dem Prädikat "Selbstständig" bekommen vom Land zusätzliche Kompetenzen auf vielen Ebenen.

Doch das ist nicht ganz neu für Werner Schmal: "Wir haben mit 17 anderen Schulen Pionierarbeit geleistet", weist der Schulleiter auf das Projekt "Selbstständig Plus" hin. Dieses lief über sieben Jahre, die Schulen erarbeiteten neue Konzepte von Grund auf und tauschten ihre Erfahrungen aus. Aus dieser Erstarbeit geht jetzt SBS hervor. Damit ist es für die Berufliche Schule aber noch nicht getan, denn Ideen werden ständig weiterentwickelt, vor allem helfen die mit der Materie vertrauten Korbacher Lehrer auch anderen Schulen. "Schulleiter kommen zu uns, und wir zeigen ihnen praxisnah, wie das Konzept funktioniert", erklärt Schmal. An welchen Schrauben die Schule in Zukunft selbst drehen darf, erklärten Schulleitung und Abteilungsleiter gestern bei der Konzeptvorstellung:

l Schulbudget: Die Schule entscheidet selbst, was mit dem Geld des Landes passieren soll. Geld für das nächste Jahr zurücklegen, war bislang zum Beispiel nicht möglich. Ob in eine Assistenzstelle oder Fortbildungen investiert werden soll, liegt bei der Schule. Ebenso verhält es sich mit dem Budget, das der Landkreis zur Verfügung stellt.

l Schulorganisation: "Wenn sich der Unterricht ändern soll, muss sich auch die Organisation ändern", lautet das Credo Schmals. Dazu gehört unter anderem das Mitspracherecht der Lehrer, denn auch über den Schritt zu einer selbstständigen Schule mussten alle abstimmen. Die Strukturen wurden verändert, Lehrerteams für spezielle Aufgaben gegründet, um zu jedem Thema einen kompetenten Ansprechpartner zu haben.

Qualitätsmanagement: Hinter dem unklaren Begriff verbirgt sich ein praktischer Ansatz. Schüler geben den Lehrern über Bögen anonym ein Feedback, sie bewerten die Unterrichtsmethoden. Ist das Tempo zu hoch oder lässt die Lehrerin zu viel in Arbeitsgruppen arbeiten? Fortan wird darüber gesprochen und nach Möglichkeit der Unterricht auch angepasst. "Da haben wir einen Riesenvorsprung gegenüber anderen Schulen", freut sich Frank Wetzlaugk, Abteilungsleiter Wirtschaft und Verwaltung. Dass sich durch die Methode schnell Erfolge eingestellt hätten, bestätigt auch Sabine Runge. Das Ganze wird zudem evaluiert, damit die Schule sieht, ob sich durch die Rückmeldung der Schüler tatsächlich etwas verbessert hat.

Selbst gesteuertes Lernen: Einer der wichtigen Punkte für Schüler: Diese sollen in Zukunft möglichst selbstständig lernen. So nennen die Lehrer zum Beispiel Ziele, die im Laufe einer bestimmten Zeit erreicht werden sollen, die Schüler erarbeiten diese selbst. Die straffen Vorgaben des Unterrichts werden gelockert.

Sicherung von Ausbildungsplätzen: Die Schüler lernen berufs- und jahrgangsübergreifend. Angehende Bäckereifachverkäuferinnen und Bäcker lernen in einer Klasse auch den verwandten Beruf kennen. Gleichzeitig schafft es die Schule so, die geforderten Klassengrößen einzuhalten - die Ausbildung kann also weiterhin in der Region angeboten werden.

Lerncoaching: Zusammen lernen heißt nicht nur das Gleiche lernen. Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten des Einzelnen werden ausgearbeitet, die Schüler sollen zielgerichteter lernen.

Personalentwicklung: Ehemalige Schüler, die ein Lehramtsstudium beginnen, sollen möglichst an die Beruflichen Schulen gebunden werden. Ihnen werden zum Beispiel permanente Praktika angeboten. Mit aktuellen Lehrern werden Gespräche über Ziele und das Verhältnis zu Kollegen geführt, um so auch das Arbeiten im Kollegium zu verbessern.

"Die Schulen wissen selbst am besten, woran gearbeitet werden muss", sieht Schmal einen klaren Vorteil in der Selbstständigen Berufsschule. Bestätigt sieht er den Weg in den zahlreichen Schulen, die eine SBS werden wollen - und freut sich dabei über die Pionierarbeit, die seine Schule geleistet hat, aber auch über den Vorsprung gegenüber anderen.

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