Ines und Gregor Fleischmann referieren über „Pubertät“

Wenn Eltern schwierig werden

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Ein Notfallkasten für die Pubertät: Ines und Gregor Fleischmann hielten am Montag vor gut gefüllten Reihen einen Vortrag über Eltern-Kind-Beziehungen.Foto: Theresa Demski

Korbach - „Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden“, sagt ein Buchtitel. Was in der Umbruchsituation der eigenen Kinder wirklich passiert, erklärten am Montagabend die Heilpädagogen Ines und Gregor Fleischmann in der Korbacher Stadtbücherei.

Das Interesse der Korbacher war groß. „Wir hatten etwa 15 Leute erwartet“, gab Heilpädagoge Gregor Fleischmann zu. Über 50 waren gekommen - überwiegend Mütter, Großmütter und auch einige Väter. „Kennen Sie das, wenn ein Orkan durchs eigene Zuhause saust und man sich Sorgen um die Schäden macht, die er hinterlassen könnte“, fragte Heilpädagogin Ines Fleischmann in die Runde. Und die Gesichter ihrer Zuhörerinnen spiegelten stilles Verständnis.

„Wir können Ihnen kein Rezept für einen Harmoniekuchen während der Pubertät in die Hand geben“, ergänzte sie, „aber vielleicht einige Impulse, damit aus einem Sturm kein Orkan wird“. Und eben diese Impulse schienen sich die Gäste zu wünschen.

„Sache des Gehirns“

Bevor typische Streitsituationen unter die Lupe genommen wurden, informierte Gregor Fleischmann über die „Baustelle im Gehirn“. „Der Stirnlappen der Jugendlichen lässt Reflektion oder Logik gar nicht zu“, erklärte der Fachmann, der gemeinsam mit seiner Frau in Korbach auch Seminare für Eltern und Kinder gibt. Das heiße im Klartext: Während der Pubertät seien die Verbindungen im Gehirn zu dünn, um noch eine Selbststeuerung zu ermöglichen - und das gelte für junge Menschen zwischen elf und 25. Ein ernüchtertes Seufzen ging durch den Raum.

Zweite neurologische Herausforderung der Pubertät: das limbische System. „Das Gehirn muss während dieser Umbruchsituationen mit Botenstoffen geflutet werden“, erklärte Fleischmann. Und dafür seien Reize nötig, die sich Jugendliche zuweilen eben auch über Gefahrensituationen verschaffen würden. „Vielleicht kann dieses Wissen helfen, seine Kinder während der Pubertät besser zu verstehen“, erklärte Fleischmann.

Seine Frau übernahm dann den nächsten Part des Vortrags: Wie können Eltern auf diese Veränderungen reagieren? „Statt ständiger Fragen, versuchen Sie es mit aktivem Zuhören“, empfahl sie. Jugendliche sollten den Raum bekommen, zu erzählen und interessierte Nachfragen zu beantworten, ohne in eine Verhörsituation zu kommen.

Impulse für den Alltag

„Du-Botschaften sollten von Ich-Botschaften abgelöst werden“, ergänzte Ines Fleischmann, „dann werden nicht sofort die Abwehrmechanismen der Jugendlichen auf den Plan gerufen“. Du-solltest- und Du-könntest-Sätze verschwinden so aus dem Vokabular. „Das kann man üben“, ermutigte sie.

Und trainierbar sei auch, die Kinder nicht mit den eigenen Sorgen zu überschütten. „Natürlich machen wir uns Sorgen um unsere Kinder“, erklärte Ines Fleischmann, „aber diese Sorgen sollten wir mit Freunden oder unserem Partner besprechen.“

So könnten Gesprächssituationen geschaffen werden, in denen Eltern und Kinder zueinander durchdringen könnten. „Dann schmieden Sie das Eisen, solange es kalt ist“, empfahl die Korbacherin. Nicht im hitzigen Streit, sondern in ruhigen Momenten müsse über Regeln und Wünsche gesprochen werden.

„Will Ihr Kind plötzlich kein Fleisch mehr essen oder Veganer werden, kann man darüber reden, aber eben in aller Ruhe“, erklärte Ines Fleischmann, „wenn es zu hitzig wird, verlassen Sie einfach mal den Raum.“ Humor und den Mut zum Loslassen empfahl sie. Und: „Nehmen Sie die Pubertät nicht zu persönlich.“

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