Korbach

Wenn aus Memleket dann Heimat wird

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- Korbach (resa). Viel haben die Kinder der Berliner Schule in den vergangenen Wochen gelernt – über sich selbst, ihre Familien, ihre Mitschüler und darüber, was Heimat bedeutet. Unterstützung bekamen sie dabei von dem Projekt für Integration.

Lea Simon hat viel geforscht. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie sich auf die Spuren ihrer Vorfahren gemacht und ist fündig geworden. Ihre Eltern wurden in Russland geboren. „Und ich dachte immer, dass ich auch Russin bin“, sagt die Achtjährige, „aber jetzt weiß ich, dass ich Deutsche bin.“ Denn beim Erstellen ihres Stammbaums hat die Grundschülerin entdeckt, dass ihre Vorfahren aus dem Saarland Richtung Osten zogen, um hier ihr Glück zu finden. Viele Generationen später kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Genau wie Lea haben sich viele Kinder in den vergangenen Wochen auf Spurensuche in ihren Stammbüchern gemacht und spannende und berührende Geschichten ausgegraben.

Initiiert hat diese Projekt ihre Lehrerin Ira Marpe. „Wir haben uns am Anfang gemeinsam Gedanken über den Begriff Familie gemacht“, erzählt sie. Was sind Patchworkfamilien? Und warum leben manche Mütter alleine mit ihren Kindern? Viele Fragen tauchten auf und der Begriff Familie bekam für die Drittklässler eine neue Bedeutung. „Zu dem Thema gehört aber auch die Frage: Wer bin ich? Wo komme ich her?“, sagt die Grundschullehrerin. Unterstützung bekam sie bei diesem Teil des Projektes von Natalja Schens und Lydia Oswald. Die beiden Damen des Korbacher Integrationsprojektes freuten sich über das Engagement der Lehrerin und brachten ihre Ideen ein.

Fragestunden mit Großeltern wurden initiiert, türkische Frauen erzählten ihre Geschichte, italienische Großmütter berichteten, wie ihre Familien nach Korbach gekommen waren. Und die Kinder hörten zu, lauschten ihren eigenen Familiengeschichten und denen ihrer Mitschüler und lernten. „Das ist greifbare Völkerverständigung“, freuten sich Natalja Schens und Lydia Oswald.

70 Prozent aller Schüler der Berliner Schule haben Wurzeln in anderen Ländern dieser Welt. „Und viele Kinder verstehen gar nicht, warum sie Griechisch und Deutsch fließend sprechen“, hat Natalja Schens entdeckt. Umso wichtiger sei es gewesen, die Kinder ihre Familiengeschichten entdecken zu lassen. Gleichzeitig initiierten die Mitarbeiterinnen des Integrationsprojektes ein Fotoshooting mit den Kindern und ihren Großeltern. Es entstanden Bilder, die von vielschichtigen Familiengeschichten berichten.

Nach Spanien, Griechenland und Italien stand am Dienstagvormittag nun Russland auf dem Stundenplan. „Weil viele Großmütter schnell weinen würden, wenn sie ihre Geschichte erzählen, haben wir Jakob Fischer eingeladen“, erklärte Natalja Schens. Der stammt selber aus Russland, lebt seit vielen Jahren in Deutschland und erzählt Kindern von Migration, von dem Schmerz, sich heimatlos zu fühlen und von der Hoffnung der Menschen. Er erklärt schwierige Begriffe, hilft zu differenzieren und schaut sich mit den Schülern die Weltkarte an und unterstützt sie beim Verstehen. Viele Schüler fanden sich wieder, erkannten ihre eigene Familiengeschichte.

Zum Abschluss des Projekts präsentieren die Kinder eine Ausstellung und feiern ein großes Fest. Und dann wollen sie den Erwachsenen erklären, dass Memleket das türkische Wort für Heimat ist.

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