Gewerkschaft beklagt Personalknappheit und verschärfte Arbeitsbedingungen

Wenn der Postbote keinmal klingelt

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So fröhlich, wie dieser Zusteller mit seinem Fahrrad unterwegs ist, sind nicht alle bei der Deutschen Post. Die Gewerkschaft Verdi beklagt verschärfte Arbeitsbedingungen.

Korbach - Die Grippewelle hat die Post erwischt: Kunden in Korbach warten seit Ende Januar oft tagelang auf Briefe. Nur eine Ausnahmesituation oder ist das System Post zu knapp gestrickt?

An drei Tagen ging Renate Fleck in der vergangenen Woche vergeblich zu ihrem Briefkasten - er blieb leer, obwohl die Rhenaerin eigentlich täglich eine überregionale Tageszeitung per Post zugestellt bekommen sollte. Auch die gelben Postbriefkästen im Ort seien an diesen Tagen nicht geleert worden, sagt Fleck: „Die waren teilweise so voll, dass man die Post wieder herausnehmen konnte.“ Von solchen Situationen berichteten in den vergangenen Tagen Dutzende Leser aus Korbach und den Ortsteilen der WLZ-Redaktion.

Grund für die teils bis zu zehn Tage langen Ausfälle war laut Post der hohe Krankenstand, verursacht durch eine Grippewelle (wir berichteten). Ein Sprecher des Konzerns entschuldigte sich auf Nachfrage dieser Zeitung bei den Kunden. Zu spät, findet Renate Fleck: „Ich habe Verständnis für die Situation, aber die Post hätte ihre Kunden informieren können.“

Die Post verweist unterdessen darauf, dass bundesweit 95 Prozent der Briefe schon am nächsten Tag zugestellt werden. Viele Kunden haben aber den Eindruck, dass ihre Post immer häufiger zu spät ankommt. „Das hat sich im vergangenen Jahr gravierend gesteigert“, sagt Renate Fleck.

Auch der Korbacher Harald Rücker bezieht täglich eine Zeitung per Post und hat beobachtet, dass seit knapp zwei Jahren der Briefkasten öfter als zuvor leer bleibt. „An den Folgetagen habe ich dann immer ganze Stapel im Briefkasten“, sagt Rücker.

Karl-Friedrich Sude (Nordenbeck) von der Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi Nordhessen wundert das nicht: Weniger Personal bei vergrößerten Zustellbezirken, ein hohes Durchschnittsalter der Belegschaft und ein hoher Krankenstand bringen seiner Ansicht nach das System Post an die Leistungsgrenze. „Wenn dann die Sendungsmenge unerwartet explodiert oder Zusteller ausfallen, kann es sein, dass ein Kunde einen Tag verspätet mit Post versorgt wird“, sagt der Gewerkschafter. Die einstige Monopolbehörde steht heute als Aktiengesellschaft in einem liberalisierten Markt unter Kostendruck. Das Unternehmen versucht seit Jahren, die Kosten zu senken. Tausende Postfilialen wurden geschlossen, Zehntausende Briefkästen abgebaut.

Und auch an der Personalschraube wird gedreht: „Seit der Privatisierung ist trotz gestiegener Sendungsmengen Personal abgebaut worden“, sagt Sude. Gleichzeitig habe der Altersdurchschnitt der Belegschaft nahezu 50 Jahre erreicht.

Laut Geschäftsberichten der Deutschen Post stieg außerdem der Krankenstand im Gesamtkonzern seit 2005 kontinuierlich von damals 5,3 Prozent auf 7,4 Prozent im Jahr 2011 - mehr als doppelt so hoch wie der bundesweite Durchschnitt. Der lag 2011 nach Angaben der Krankenkasse DAK bei 3,6 Prozent. Ursache dafür sei nicht nur die Tätigkeit bei Wind und Wetter, sagt Sude: „Das liegt auch an der gestiegenen Arbeitsbelastung.“ Zustellbezirke seien in den vergangenen Jahren um 20 bis 30 Prozent vergrößert worden: „Statt 400 Häuser sind heute 500 bis 600 Häuser in einem Bezirk nicht unüblich“, sagt der Gewerkschafter.

Die aktuelle Grippewelle bleibe trotzdem eine Ausnahme: „So extrem habe ich das in 15 Jahren nicht erlebt“, sagt Sude. Die dramatische Situation sei nicht vorhersehbar gewesen. „Darauf konnte man sich nicht einstellen.“ Dennoch wäre es noch vor zwei oder drei Jahren für die Post einfacher gewesen, zu reagieren, schränkt er ein.

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