Buchhandlung Urspruch schließt nach 140 Jahren

„Wir geben auf“

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Inhaberin Angela Vöcklinghaus gibt die traditionsreiche Korbacher Buchhandlung Urspruch auf. Foto: Lutz Benseler

Korbach - Nach mehr als 140 Jahren schließt die traditionsreiche Korbacher Buchhandlung Urspruch. Einen Nachfolger hat Inhaberin Angela Vöcklinghaus nicht gefunden.

„Wir geben auf“, steht in großen gelben Buchstaben an den Schaufenstern: Zum 30. Juni ist für Angela Vöcklinghaus das Kapitel Buchhandlung in ihrem Leben abgeschlossen. Nicht aus wirtschaftlichen oder Altersgründen, wie sie betont: „Es liegt allein am Kneipentourismus in der Altstadt“, sagt die Buchhändlerin, die ihre Wohnung über dem Geschäft hat. „Wenn man viele Jahre nicht richtig schlafen kann, ist man irgendwann müde und ausgebrannt.“

Lärmende Kneipengäste bis in den frühen morgen, Erbrochenes und Scherben vor der Eingangstür, Taxen, die mit laufendem Motor vor dem Kump am Rathaus auf Fahrgäste warten, dröhnende Bässe beim Altstadtkulturfest, die Risse in den Wänden des um 1670 errichteten Fachwerkbaus verursachen - Angela Vöcklinghaus war das irgendwann einfach zu viel: „Das ist kein Umfeld, in dem man leben und arbeiten kann“, sagt sie. Trotz Sperrstunde sei es der Stadt nicht gelungen, für Ruhe zu sorgen. Darüber hinaus habe das Rathaus über Jahre versäumt, die Altstadt sinnvoll an die Fußgängerzone anzubinden. Vöcklinghaus: „Seit zehn Jahren wird darüber gesprochen, bis heute hat sich nichts getan.“

Ende 2014 fasst sie daher den endgültigen Entschluss: Sie will die Buchhandlung aufgeben, das Haus verkaufen und zurück nach Bad Godesberg ziehen. Die monatelange Suche nach einem Nachfolger bleibt erfolglos. „Ich habe mit 19 Interessenten Gespräche geführt, aus unterschiedlichen Gründen haben die Verhandlungen zu keinem Ergebnis geführt“, sagt Vöcklinghaus.

Dabei ist sie sich sicher: „Der stationäre Buchhandel ist nicht tot, man muss nur das passende Konzept haben und sich so profilieren, dass man die Kunden an sich bindet. Dann kann auch eine Stadtteilbuchhandlung in der Korbacher Altstadt überleben.“ Eine letzte Frist hat Vöcklinghaus gesetzt: Bis zum 15. Mai will sie nun Kurzentschlossenen über die Unternehmensbörse der Industrie- und Handelskammer (IHK) noch die Möglichkeit geben, das Geschäft zu übernehmen.

Der harte Schnitt kostet sie sichtlich Überwindung: „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, dafür liebe ich meinen Beruf und die Bücher zu sehr“, sagt die Buchhändlerin. 1983 hatte sie die Buchhandlung übernommen, seit 1994 ist sie Mitbesitzerin des Hauses. Im Sommer 2002 ließ sie die Außenfassade des historischen Gebäudes gründlich renovieren. Eigentlich habe sie bis zum 145-jährigen Bestehen des Geschäfts in drei Jahren weiter arbeiten wollen. „Dann wäre ich 65 Jahre alt gewesen“, sagt Vöcklinghaus.

Dass das nun vorbei sein soll, bedauern auch die Kunden. Sie habe vor allem die Beratung geschätzt, sagt eine Frau aus Marienhagen. Einige Korbacher hätten mit Tränen in den Augen auf die Nachricht der Schließung reagiert, berichtet Vöcklinghaus.

Hintergrund

Das Haus Urspruch am Anfang der Stechbahn ist eines der bekanntesten Korbacher Fachwerkhäuser. Über dem Erdgeschoss erheben sich zwei vorgekragte Obergeschosse und ein Giebelgeschoss. Dem Erbauer standen für die Straßenfront nur wenig mehr als fünf Meter zur Verfügung, daher wirkt es schmal und zierlich. Hofapotheker Andreas Nicolaus Frankenberger errichtete es um 1670 und eröffnete dort 1675 die Engelapotheke. 1875, nach anderen Quellen 1873, kaufte der Buchhändler und Buchbinder Heinrich Wilhelm Urspruch das Haus und gründete hier eine Buch- und Musikalienhandlung. Wilhelm Hensler kaufte 1955 das Haus von den Erben Urspruchs, nachdem er zuvor lange Jahre schon Pächter der Buchhandlung gewesen war. Seit 1983 wird die Buchhandlung Urspruch von Angela Vöcklinghaus betrieben.

von Lutz Benseler

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