„Wir waren zu lange feige“

Mit jeder Kerze erinnerten die Vöhler Schüler an einen ermordeten Juden. Die Evangelische Kirchengemeinde und der Förderkreis der Synagoge hatten zur Erinnerung an die Pogromnacht eingeladen. Foto: Demski

Vöhl - Für jedes der 72 jüdischen Opfer des Holocausts in Vöhl zündeten Jugendliche Sonntagabend eine Kerze an. Mit einer bewegenden Gedenkfeier in der Martinskirche und der alten Synagoge erinnerten die Vöhler an die Pogromnacht vor 76 Jahren.

Die Geschichten der Vöhler Juden, ihre Schicksale, ihr Alltag und ihr Erschrecken vor der plötzlichen Gewalt der Nationalsozialisten: Das waren die Themen, wenn Karl-Heinz Stadtler vom Förderkreis der alten Synagoge in Vöhl in den vergangenen Jahren am 9. November zum Gedenken aufrief. „In diesem Jahr will ich uns selbst in den Mittelpunkt stellen“, kündigte er Sonntagabend an.

Wieder hatte der Förderkreis gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde zur Erinnerung an die 72 ermordeten Vöhler Juden eingeladen. Und wieder wurde jeder Name genannt, für jeden eine Kerze angezündet. Und doch: Dieses Mal wechselte Karl-Heinz Stadtler die Perspektive.

„Wir haben den ermordeten Vöhler Juden zum ersten Mal in den 80er Jahren gedacht“, erinnerte er. 40 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs. „Vorher wollten wir Ärger vermeiden, nicht in Konflikt geraten, mit denen die im Dritten Reich in Vöhl Verantwortung getragen hatten und auch später noch Verantwortung trugen“, räumte er ein, „wir waren feige“. Mit Pfarrer Günther Maier sei dann eine neue Erinnerungskultur nach Vöhl gekommen. „Wir lernten, dass die Erinnerungsarbeit gar nicht so problematisch war, wie wir erwartet hatten“, erzählte Stadtler.

15 Jahre nach der Gründung des Förderkreises steht die gemeinsame Gedenkfeier längst nicht mehr zur Diskussion. „Erinnerung muss sein, weil sich nicht wiederholen darf, was geschehen ist“, betonte Stadtler. Und gleichzeitig müsse dieser Abend Mut machen, aufzustehen. „Wann immer Unrecht geschieht, sollen wir Nein sagen“, forderte er.

Auch Pfarrer Jan Friedrich Eisenberg hatte während des ersten Teils der Gedenkfeier ermutigt, Krieg und Gewalt nicht hinzunehmen. Mit Blick nach Berlin, wo am Sonntag an den Mauerfall vor 25 Jahren erinnert wurde, betonte er: „Wir dürfen träumen, daraus kann ein Wollen und ein Ziel werden“. Wachsamkeit und Interesse, Nachfragen und Beten empfahl er den Besuchern - und Erinnern. „Denn Erinnern nährt den Traum vom Frieden“, erklärte Eisenberg.

In der Synagoge erwartete die Besucher das Ensemble „Da Capo“. Mit sanften Klängen halfen die Sänger beim Erinnern und Träumen vom Frieden. Und während die Mitglieder des Förderkreises jeden einzelnen Namen der ermordeten Vöhler Juden vorlasen, den Ort, an dem sie starben und ihr Alter, zündeten Vöhler Schüler eine der kleinen Kerzen an. „Diese Menschen sollten vergessen werden, aber das darf niemals sein“, betonte Günter Maier. Und rund um die Menora und zwischen den schweren Steinen am Boden entstand ein Lichtermeer. Barbara Küpfer sang die hebräischen Zeilen des Kaddisch, des jüdischen Totengebets. Dann wurde es in der Synagoge still - und so standen am Ende doch jene 72 Vöhler im Mittelpunkt, die Judenhass und Gewaltherrschaft nicht überlebt hatten. Von Theresa Demski

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