Neuer Bürgermeister der französischen Partnerstadt Avranches

WLZ-Interview mit David Nicolas

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Korbach - David Nicolas (parteilos) ist neuer Bürgermeister in Korbachs französischer Partnerstadt. Er möchte Avranches zur Gartenstadt neu erblühen lassen, Wirtschaft und Tourismus ankurbeln. Die Freundschaft zu Korbach bedeutet ihm viel, wie er im Interview mit WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine betont.

Sie sind seit Frühjahr parteiloser Bürgermeister in Avranches, Nachfolger von Guénhaël Huet aus der konservativen Partei des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy. Was haben Sie vorher beruflich gemacht? Ich habe Archäologie und Geschichte studiert an der Sorbonne in Paris. Ich bin Spezialist für mittelalterliche Architektur und habe 16 Jahre als Konservator im Museum in Avranches gearbeitet. 2012 bin ich dann ins Museum nach Granville gewechselt, eine Hafenstadt, die rund 25 Kilometer nördlich von Avranches liegt.

Wie sind Sie als Konservator in die Politik gekommen? Nun, ich bin in Avranches geboren und habe mich schon als junger Mensch intensiv mit der Stadt und ihrer Entwicklung befasst. Aber die Empfehlung war, zunächst zu studieren und erst einmal aus der Heimat wegzugehen. Aber ich hatte immer den Gedanken, zurückzukehren und letztlich in Avranches zu bleiben. Mit meinem Studium konnte ich dann im Museum einsteigen. Ich habe dort beispielsweise für das Projekt „Scriptorial“ gearbeitet – also ein neues Museum, das die historischen Schriften des Mont-Saint-Michel aufbewahrt. Während der Französischen Revolution 1789 haben die Avrancher die wertvolle Bibliothek des Klosters an sich genommen. Gott sei Dank, sonst wären die herausragenden Bestände mit internationaler Bedeutung vermutlich heute zerstört.

Aber wie kam der Sprung in die Politik? Als ich dann 2012 nach Granville ging, habe ich natürlich auch schon an die Kommunalwahlen 2014 für Avranches gedacht. Ich habe mit Freunden ein Konzept erarbeitet, wir haben öffentliche Veranstaltungen und Treffen organisiert. Dann haben wir eine Liste zusammengestellt – mit Bürgern, die politisch aktiv werden möchten, aber keiner Partei angehören. Wir nennen das in Frankreich „Bürgerliste“.

Ganz ähnlich wie in vielen deutschen Städten und Gemeinden. Und ich glaube, dass wir einen guten Wahlkampf gemacht haben. Das neue Stadtparlament ist nunmehr sehr jung, viele Abgeordnete sind unter 40 Jahre alt. Sie kommen aus allen sozialen Schichten, ob Handwerker, Lehrer, Beamte oder Geschäftsleute.

Und diese Abgeordneten gehören alle keiner Partei an? Ja, unsere „Partei“ ist einzig die Stadt Avranches.

Ist das für Franzosen in den Kommunen besonders sympathisch, keiner Partei anzugehören und politisch unabhängig zu sein? Ich denke, dass es für Städte in einer Größenordnung wie Avranches, aber auch Korbach, in der Kommunalpolitik nicht bedeutsam ist, einer Partei anzugehören. Im Gegenteil: Es kann verhindern, weiter und unabhängig in die Zukunft zu denken. Sehen Sie, in Frankreich sind die Parteien sehr eng in ihrem politischen Denken. Unsere französischen Präsidenten, sowohl Nicolas Sarkozy als auch François Hollande, haben der Politik ein negatives Image vermittelt. Genau deshalb halte ich es für dringend erforderlich, dass wir die Bürger mit der Politik wieder versöhnen.

Und wie funktioniert das? Die beste Methode ist, sich ganz konkret um Projekte vor Ort zu kümmern. Damit können wir dann von unten nach oben die Entwicklung verändern. Klar, das klingt nach Utopie. Aber letztlich ist dies der einzige Weg, eine intelligentere und bürgernahe Politik für unsere Stadt zu machen.

Ein Problem scheint mir vielfach die Häufung von Ämtern und Funktionen in der Politik. Das ist ja in Frankreich sehr stark ausgeprägt: Der Bürgermeister ist Mitglied einer Partei, zugleich politischer Chef der übergeordneten Verbandsgemeinde – und ebenso Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung. Möglicherweise auch noch Minister. Das birgt viele innere Konflikte. Das ist genau das Problem. Der zentrale Gedanke in Paris war, die Zahl der Bürgermeister in Frankreich zu reduzieren – um sie besser dirigieren zu können. Meine Lösung ist, dass sich die vielen Bürgermeister der kleinen Städte zusammentun und sagen: Wir machen gemeinsam Politik für die Menschen.

Es scheint mir auch ein besonderes Problem des französischen Nationalstaats zu sein. Denn anders als im föderativen deutschen System mit den Bundesländern und mehr Unabhängigkeit in den Kommunen geht in Frankreich eine starke Zentralgewalt von Paris aus. Ja, aber es gibt in Frankreich derzeit eine große territoriale Reform. Und der Staat geht daran, größere Regionen zu schaffen – ähnlich wie die Bundesländer in Deutschland. Beispielsweise gibt es heute eine Gliederung in die obere und die untere Normandie in Frankreich. Der Gedanke für die Zukunft ist, die Departements aufzulösen, dafür größere Kommunen zu schaffen – und darüber dann die Regionen.

Haben diese Regionen dann auch gesetzgebende Macht wie die Länder in Deutschland? Nein, vorerst können die Regionen noch keine eigenen Gesetze verabschieden. Nur die Nationalversammlung in Paris. Aber es gibt Einschränkungen, was die Häufung von Ämtern betrifft. Mein Vorgänger als Bürgermeister von Avranches, der bislang weiterhin Präsident der Verbandsgemeinde ist, muss sich 2017 entscheiden: entweder Präsident der Kommune oder Abgeordneter in der Nationalversammlung. Aus meiner Sicht ist das ein wunderbares Gesetz, weil die Karten in der Politik neu gemischt werden. Ein konkretes Beispiel: Die Gemeinden im Umland von Avranches möchten Wirtschaft und Handel stärken, aber wir möchten genau dies im Zentrum, nämlich in Avranches. Wenn das politische Oberhaupt aber beide Entscheidungsfunktionen gleichermaßen hat, dann ist das doch widersinnig.

Sie haben die wirtschaftliche Entwicklung in Avranches angesprochen. Was sind für Sie die Hauptaufgaben als Bürgermeister? All unsere Projekte kreisen vor allem um einen Gedanken – ein Konzept für die nächsten zehn, 20 Jahre: Wir möchten die Stadt im Spagat zwischen Tradition und Moderne weiterentwickeln. Wie Korbach auch war Avranches immer ein Zentrum für Handel und Gewerbe – inmitten eines ländlich geprägten Raums. Unsere Vision ist nun, Avranches als Gartenstadt zu entwickeln. Wir haben öffentliche Flächen, die wir rekultivieren möchten. Und bei diesem Projekt haben wir viele Partner, die uns unterstützen. Wir möchten damit die Lebensqualität deutlich verbessern, neue Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten schaffen – auf der Basis unserer Tradition in Avranches. Dies ist natürlich auch stark auf den Tourismus ausgerichtet, den wir deutlich intensivieren möchten. Avranches ist schließlich die zentrale Stadt im Umfeld des Mont-Saint-Michel, diesem Weltkulturerbe in der Normandie.

Und die historische Bibliothek dazu liegt als kultureller Schatz in Avranches … Ja, genau. Jährlich besuchen drei Millionen Menschen den Mont-Saint-Michel. Das müssen wir künftig für Avranches viel stärker nutzen. Dafür möchten wir am Image der Stadt arbeiten – als Hauptstadt, als Tor dieses touristisch sehr attraktiven Gebiets. Dafür möchten wir auch eine Tradition aus dem Mittelalter wieder aufgreifen, als der Mont-Saint-Michel einer der ganz großen europäischen Wallfahrtsorte war. Wir sehen viele Chancen etwa für den Öko-Tourismus: Erlebnis als Wanderer, auf dem Pferd oder mit dem Rad. Dafür gibt es ein großes Potenzial.

Damit wird sich die Strategie von Avranches sicher deutlich wandeln im Vergleich zum bisherigen politischen Konzept. Ja, aber die Betrachtung wird bei uns natürlich auch wirtschaftlich sein. Wir haben intensive Kontakte mit Gastronomie und Hotellerie aufgenommen. Denn die haben verstanden, um welche Aufgaben es jetzt geht.

Aber wie sieht das finanziell für die Stadt Avranches aus? Woher soll das Geld für diese Vision kommen? Immerhin ist Frankreich von der Finanzkrise und der Eurokrise deutlich stärker betroffen als Deutschland. Haben Sie Unterstützung aus Paris für diese Pläne? Sicher haben wir wirtschaftliche Probleme, aber die Lage ist keineswegs katastrophal. Wir hoffen beispielsweise auf Fördergelder der Europäischen Union für die Regionalentwicklung.

Die gibt es bei uns in Waldeck-Frankenberg auch. Wir haben hier Fördergebiete für das europäische Leader-Programm. Genau das ist eine Möglichkeit, diese Projekte in unserer Region voranzubringen. Im Übrigen bin ich auch Vorsitzender dieses regionalen Bündnisses für die Strukturentwicklung.

Haben Sie für diese Vision in Avranches nur Mitstreiter, oder gibt es nicht auch Gegner? Nein, ich denke das läuft gut. Wir sind in einem Wandel, was die Territorialreform anbelangt; wir haben das Ende der Häufung von Ämtern und Mandaten – und wir haben die Träume und Wünsche einer neuen Generation in der Politik. Alle sind aus meiner Sicht überzeugt, dass wir in neuen Bahnen denken müssen. Und so ist unsere neue Gruppe in der Kommunalpolitik von Avranches keineswegs isoliert, sondern gesellschaftlich sehr gut eingebunden.

Ich möchte zum Abschluss den Blick auf die Partnerschaft zwischen Avranches und Korbach lenken. Ist das für Sie Neuland? (Schmunzelnd) Nein, keineswegs. Ich habe als Schüler als Gast der Familie Heckmann bereits selbst am Austausch mit Korbach teilgenommen. Ich war damals 14 Jahre alt, und es war für mich wie eine kulturelle Revolution, hier in Deutschland zu sein. Das fing schon mit Wurst und Käse zum Frühstück an. Aber ich erinnere mich sehr genau, wie uns Ulrike Keudel damals mitgenommen hat zum Eisernen Vorhang, also der Grenze zur damaligen DDR. Als Franzose aus Avranches hatte ich natürlich die Schilderungen über den Krieg und die Zerstörungen bei uns in der Normandie im Kopf. Aber am Eisernen Vorhang in Deutschland konnte ich die direkten Folgen des Zweiten Weltkriegs hautnah erleben. Und ich erinnere mich sehr genau an die Bilder im Fernsehen, als 1989 dann die Berliner Mauer fiel. Gerade durch die Partnerschaft mit Korbach hat mich dies emotional sehr bewegt. Ich bin sehr glücklich, dass wir diese europäische Entwicklung haben – und glaube sehr fest daran, dass solche Partnerschaften, wie zwischen Avranches und Korbach, gerade für junge Menschen sehr gute Voraussetzungen bieten, an diesem Europa weiterzubauen.

Aber die jüngere Generation hat nicht mehr die direkten Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Das ist richtig. Wir brauchen also ein neues Fundament für die Zukunft, und da sind Freundschaft, gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse sehr wichtig. Beim Altstadt-Kulturfest hier in Korbach bin ich mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen, ich bin beeindruckt von diesem jungen Korbach – und ich denke darüber nach, ob wir ein ähnliches Fest nicht auch in Avranches etablieren. Auch ein solches Fest trägt dazu bei, die Partnerschaft und das Verständnis zu stärken.

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