Korbach

Woodstock-Auftritt in Schatten gestellt

- Korbach (ahi). Die meisten Woodstock-Teilnehmer leben bestenfalls noch von der Legende, so sie überhaupt noch aktiv sind. Bei ihrem Auftritt in der Kulturfabrik überboten die revitalisierten „Ten Years After“ ihre legendäre Performance von „Going Home“.

Schon zuvor ließ während des 90-minütigen, von der WLZ-FZ präsentierten Konzerts das atemberaubende Spiel von Gitarrist Joe Gooch, der vor sieben Jahren den Job von Alvin Lee übernommen hat, nicht den geringsten Spielraum für Nostalgie oder Vergleiche, bei denen jemand dem musikalischen Einst den Vorzug vor dem Jetzt gegeben hätte. Leo Lyons (Bass), Chick Chruchill (Keyboards) und Ric Lee (Schlagzeug) sieht man zwar ihre Lebenserfahrung an, aber schon „Hear me callin’“ kommt deutlich energetischer über die Rampe als im Sommer der Liebe. Der erste Klassiker erweist sich denn auch als wirkungsvoller Lockruf an die Bühne, wo Frontman Joe Gooch im Rampenlicht steht, wie einst sein legendärer Vorgänger, aus dessen mächtigem Schatten er sich, zumindest in Korbach, erst noch herausspielen muss. Auch wenn vom ersten Takt an klar ist, dass dieses Quartett nicht für ein musikalisches Gnadenbrot nach Korbach gekommen ist, sondern sogar mehr zu bieten hat als während der Stadionrocker-Ära von „Recorded Live“. Allerdings enthalten die Rock- und heftigen Blues-Stücke, mit denen die Boogie-Band ihre Show eröffnet, nicht jene schier endlosen Soli, die ganze Generationen von Gitarristen geprägt haben. Aber bei der psychedelischen Ballade „Fiftythousend miles beneath my brain“ geht nicht nur Nostalgikern das Herz auf. Denn vor der alles entscheidenden finale Frage „Do you love me?“ gibt Joe Gooch seinem Instrument erstmals freien Auslauf und durchmisst souverän die schier endlosen musikalischen Weiten, mit denen Alvin Lee seinerzeit das Showcase für den Gitarristen gleich in andere Galaxien ausdehnte und dabei das Genre neu definierte. Doch mit dem erdigen Blues „Bad Blood“ sorgen die alten Hasen schnell wieder für Bodenhaftung und verhindern das Abdriften in die Höher-schneller-weiter-Liga. Zugleich beugen sie damit, wirkungsvoll und viel bejubelt, eventuellen Ermüdungserscheinungen beim Publikum vor. Nicht zuletzt begegnen sie dem Hauptvorwurf aus früheren Tagen: Über sinnfreie Rekordjagd sind die vier Musiker längst hinaus, obwohl die Ausdauer, die Ric Lee bei seinem Drum-Solo „The Hobbit“ an den Tag legt, auch Generationen von jüngeren Drummern an ihren Grenzen bringen würde. Beim psychedelischen Blues „Love like a man“ gibt Chick Churchill an der Hammond das Tempo vor und zeigt bei seinem begeistert bejubelten Soli, dass Ten Years After immer schon mehr als ein Gitarrengott und sein Begleittrio waren. Als absolutes Showcase für Bassist Leo Lyons erweist sich das freundschaftliche, aber spektakuläre Duell mit Joe Gooch im Instrumentalpart von „I love to change the world“, der nächsten ausführlichen Reise durch etliche Klangwelten, der sich keiner entziehen kann. Auch wenn die Show bislang nicht den Vergleich mit den legendären Jahren um Woodstock scheuen musste, so deutete doch nichts darauf hin, dass die Band zuletzt noch ihre eigene Legende in den Schatten stellt: In „Goin’ Home“ geht vom ersten Akkord derart die Post ab, dass man versucht ist zu glauben, in Woodstock hätten seinerzeit die Rentner gespielt. Mit seinem hochdynamischen Spiel treibt Joe Gooch den Klassiker auf die Überholspur und stellt auch beim Rock-‘n‘-Roll-Medley alle, die sich vor ihm daran versucht haben, in den Schatten.

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