Co-Pilot der Landshut schildert Erinnerungen an die Entführung der Lufthansa-Maschine

Zeitzeuge des Terrors: Jürgen Vietor schildert dramatische Erlebnisse vor Schülern in Korbach

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Geschichtsunterricht mal anders: Jürgen Vietor, Co-Pilot der Lufthansa-Maschine „Landshut“, die im Deutschen Herbst 1977 entführt wurde, beantwortete als Zeitzeuge Fragen der Schülerinnen Nele Walter, Anne-Maike Schultze (Foto links), Hannah Schaaf (rechts) und Lina Arnold. Die Geschichtskurse der Lehrer Inga Wiesemann und Johannes Grötecke nahmen an dem Gespräch teil.

Korbach. Für Schüler der Alten Landesschule rückte die Geschichte am Montagmorgen näher. Der Co-Pilot der im Herbst 1977 entführten Lufthansa-Maschine Landshut berichtete den Zwölftklässlern von seinen dramatischen Erlebnissen und wie er diese verarbeitet hat. Jürgen Vietor ist mittlerweile 75 Jahre alt und schildert noch sehr eindrucksvoll seine Erinnerungen an die fünf Tage dauernde Entführung vor 40 Jahren.

Er schreibt seiner Frau am Morgen eine Notiz: „Bin zum Kaffee wieder da“. Tatsächlich kommt er erst Tage später nach Hause. Die Lufthansa-Maschine „Landshut“, in der Jürgen Vietor als Co-Pilot im Cockpit sitzt, wird von Mallorca nicht zurück nach Frankfurt fliegen. Entführer erschießen den Flugkapitän Jürgen Schumann. Jürgen Vietor überlebt.

An Bord der Maschine sind auch zwei Särge mit verstorbenen Urlaubern. Nichts Ungewöhnliches für einen Flug von Mallorca mit vielen älteren Touristen, erzählt Vietor. Aber, nicht ganz ernst gemeint, sagt er zum Flugkapitän: „Tote an Bord bringen Unglück. Und wir haben gleich zwei davon.“

Seine Erlebnisse schildert der gebürtige Kasseler vor Schülern der Alten Landesschule so anschaulich, als wäre die Geiselnahme gestern gewesen. „Ich wusste nicht, wo Mogadischu liegt“, sagt Vietor, damals 35 Jahre alt. „Es befand sich aber am untersten Rand der Flugkarte.“ Wie an vielen Flughäfen zuvor in den Ländern, die die „Landshut“ ansteuert, würde der Flieger auch hier keine Landeerlaubnis erhalten. Deshalb überzeugt Vietor den Entführer Mahmud davon, einfach ungefragt und ungesehen zu landen. Es ist Nacht. Er schaltet die Lichter der Maschine aus. Wählt eine Zwischenhöhe, „wo keiner fliegt“. „Ostafrika nachts – da fliegt eh kein Mensch.“

Jürgen Vietor berichtet, was die Beteiligten damals sagten, wie sie handelten, was er empfand. „Ich war seit Donnerstagmorgen wach. Jetzt war es Montagabend. Ich hätte nie gedacht, dass ich das aushalten würde.“

Vietor wird gefesselt. Die Entführer überschütten die Geiseln mit Alkohol. Kooperieren ist Vietors Ansicht nach der Weg, um das eigenen Leben und das der Passagiere zu retten. Dass Informationen nach außen gelangen, kostet seinem Kollegen Schumann das Leben.

Eine Tortur für die Geiseln, nicht zu wissen, wie es ausgeht. Und was sich draußen abspielt. „Kein Mensch auf dieser Welt kümmert sich um uns“, denken viele. Das hat Jürgen Vietor gelernt: „Bei einer Entführung ist es für die Geiseln wichtig zu erfahren, dass man sich kümmert.“

„Im Cockpit hätte es mich zerbröselt.“

Kurz vor Mitternacht nach dem fünften Tag der Geiselnahme handelt Jürgen Vietor intuitiv. „Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, das Cockpit zu verlassen.“ Er setzt sich zu den Passagieren. Dann hört er Geräusche. Mitglieder der GSG9 klettern von außen aufs Flugzeug. Sie erschießen die Terroristen, nur eine davon überlebt schwer verletzt. Jürgen Vietor hat Glück, wie die anderen Geiseln auch. „Im Cockpit hätte es mich zerbröselt.“

Der mittlerweile 75-jährige Jürgen Vietor beantwortet Fragen der Schüler rund um Sicherheitsvorkehrungen beim Fliegen, das Verhalten der deutschen Regierung während der Entführung und seine jetzigen Kontakte zu Betroffenen von damals. Die Entführung hat ihn geprägt, aber Gefühle hat er nicht zugelassen. „Ich bin groß im Verdrängen.“ Andere Geiseln hätten psychisch daran zu knabbern. Beziehungen seien zerbrochen, Betroffene seien nicht mehr geflogen.

Schon im Dezember des Jahres 1977 steuert Jürgen Vietor wieder eine Lufthansa-Maschine: die „Landshut“. Nüchtern blickt er auf das Geschehene, oft sogar mit Humor, bringt die Schüler zum Lachen. „Hatten Sie Angst, so etwas könnte noch einmal passieren?“, lautete eine der Fragen der Schüler. Vietor: „Haben Sie schon zwei mal im Lotto gewonnen?“ 

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