Vorwurf: Nur junge, hübsche Menschen durften in die ersten Reihen

Zu hässlich fürs TV? Kritik von Besuchern an HR-Events

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Alle wollten bei ihm in der ersten Reihe sitzen: Beim Auftritt von Wincent Weiss im HR-Zelt waren viele junge Fans, die Stunden gewartet hatten.

Korbach. Sieben Stunden hatte sie in der Hitze gewartet, um ihren Lieblingssänger Wincent Weiss beim hr3-Festival zu sehen – doch den Auftritt hat die 19-jährige Josefine aus Erfurt schließlich nicht mitbekommen. Ihren Platz in der ersten Reihe habe sie aufgeben müssen, weil sie „hässlich und fett“ sei, wie ihr von einer Frau im HR-Zelt gesagt wurde, die sie für eine Mitarbeiterin hielt. „Die Security hat die nicht fernsehtauglichen Leute aussortiert.“

Um Wincent Weiss zu sehen, sei sie sehr früh zum Zelt gegangen und habe dort gewartet, berichtet Josefine. Direkt vorne am Gitter hatte sie einen Platz ergattert. „Irgendwann kamen Security-Mitarbeiter und haben gelbe Bändchen verteilt mit der Aussage ,Wir sollen die Fernsehtauglichen raussuchen und die nicht Fernsehtauglichen nach hinten schicken.’“ Die 19-Jährige ist offensichtlich nicht fernsehtauglich, sie musste weg aus der ersten Reihe.

„Das hat mich sehr verletzt“

Diese Anweisung, so vermutet sie, kam von der Frau mit Headset, die in der Nähe stand. Bei ihr wollte sich Josefine beschweren – und besagte Frau war es auch, die Josefine als „dick und hässlich“ bezeichnete, wie die Erfurterin erzählt. Noch im Weggehen habe ihr diese hinterher gerufen: „Ich kann nichts dafür, dass du sch... Gene hast.“ Für Josefine war das Konzert damit gelaufen, sie ging. „Das hat mich sehr verletzt, ich war den Tränen nahe.“

Sie berichtet, dass mehrere Menschen aussortiert wurden wegen ihres Aussehens. „Das ist Diskriminierung“, ärgert sie sich. Auf sich sitzen lassen will sie das nicht, deshalb macht sie ihrem Ärger Luft und wendet sich an die Öffentlichkeit.

Einer, den es ebenfalls getroffen hat, ist Gerhard Slawik aus Korbach-Meineringhausen. Er besuchte mit seiner Frau und Freunden die Veranstaltung der Comedy-Newcomer des Hessischen Rundfunks. Direkt vor der Bühne, in der zweiten Reihe, haben er und die Begleiter gesessen. „Die erste Reihe war reserviert“, erzählt er.

Schließlich seien sie aufgefordert worden, einige Reihen weiter hinten Platz zu nehmen. Am Ende hat Slawik dann bei einem Mann nachgehakt, den er für einen Mitarbeiter hielt, warum sie weichen mussten. Die Antwort: „Wir haben lieber junge Menschen in den ersten Reihen, das macht sich im Fernsehen besser. Sie sind ja auch schon älter.“ „Das ist eine Frechheit“, sagt der 63-Jährige. Er habe sich sehr geärgert. „Aber was will man machen?“

Dem widerspricht Carsten Staudt, Produktionsleiter des Hessischen Rundfunks: „Es gibt keinerlei Anweisungen, das Publikum aufgrund der Optik einzelner zu sortieren.“ Es gehe um die Optik des Fernsehbildes und nicht um das Aussehen einzelner Personen im Publikum, „beispielsweise, wenn auf einer Seite nur Frauen stehen. Dann bitten wir die Zuschauer, sich umzustellen.“ Schließlich wolle man eine bunte Mischung an Menschen zeigen. Auch Männer mit karierten Hemden würden immer mal umplatziert – die Karos lösen Flimmern und technische Probleme bei den Kameras aus, so Staudt. 

„Wenn es Probleme gibt, kann man sich jederzeit bei uns melden, es sind immer Ansprechpartner vor Ort“, sagt Staudt. Und: „Aber ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass von unserem Event-Management niemand Gäste beleidigt. Wer das machen würde, hätte hier seinen letzten Arbeitstag.“ So würden gelbe Bändchen keinesfalls von Security-Mitarbeitern verteilt. Bei den Comedy-Newcomern seien einige Reihen für die Freunde und Familien der Comedians reserviert gewesen. „Alle, die für uns beim Hessentag arbeiten, müssen sich an die Verhaltensregeln des Hessischen Rundfunks halten“, sagt Carsten Staudt. Intern würden die Vorwürfe jetzt geprüft. Außerdem bietet er den Betroffenen, im Hr-Treff vorbeizukommen, damit man im Gespräch den Behauptungen auf den Grund gehen könne.

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