Seit 43 Jahren lebt Suzanne Flottmann in Deutschland, geboren wurde sie bei Dijon

Zuhause in Burgund und Vöhl

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Seit 43 Jahren lebt die Französin Suzanne Flottmann in Deutschland.

Vöhl - Als ihre Schule 1963 den ersten Austausch mit deutschen Schülern auf die Beine stellte, da wollte Suzanne Flottmann unbedingt mit. Sie war fasziniert von Worten und Bildern des Schulbuchs. Mit 21 Jahren verließ sie Burgund, fand in Deutschland die Liebe und lebt nun seit 36 Jahren in Vöhl.

Als Suzanne Flottmann 1949 in Vosne Romanee in Burgund geboren wurde, da lag das Ende von Krieg und Feindschaft noch nicht lange zurück. „Tante Louise hatte das Konzentrationslager überlebt“, sagt Suzanne Flottmann. Gequält und gefoltert kehrte die Nachbarin in das kleine Weindorf bei Dijon zurück und wurde dem Mädchen von Nebenan zur engen Vertrauten. „Sie hatte im Widerstand gekämpft“, erzählt Suzanne Flottmann, „bevor die Nazis sie ins KZ brachten“. Auch Suzanne Flottmanns Vater geriet in deutsche Gefangenschaft. Und so wusste das junge französische Mädchen wenig Positives zu berichten, wenn sie nach Deutschland gefragt wurde.

„Land wie im Lehrbuch“

Dann aber stand plötzlich Fremdsprachenunterricht auf dem Stundenplan. „Als erste Fremdsprache lernten wir deutsch“, erzählt die heute 63-Jährige. Sie verliebte sich in die Sprache. „Man musste viel überlegen, das gefiel mir“, sagt sie schmunzelnd. Als 1963 der Élysée-Vertrag unterzeichnet wurde, da war sie gerade 14 Jahre alt geworden. „Damals wurde in der Schule viel darüber geredet“, sagt sie. Und bald sollten die Schüler die Folgen der besiegelten deutsch-französischen Freundschaft erleben. „Damals wurde das deutsch-französische Jugendwerk gegründet und alle Schulen bemühten sich um Austauschprogramme“, erzählt sie. Als noch im Jahr der Vertragsunterzeichnung der erste Austausch von französischen und deutschen Schülern in Dijon statt fand, da war Suzanne Flottmann noch zu jung. „Ich wollte so gerne mit“, erinnert sie sich, „aber ich musste warten“. Als die deutschen Schülerinnen zum Rückbesuch nach Dijon kamen, da ließ sie sich die Begegnung nicht entgehen. „Die waren so anders“, sagt sie schmunzelnd, „und die hatten auch selbst einen richtigen Kulturschock“. Gewundert hätten sie sich über die Blechkisten, die sie fuhren, über altmodische Kleidung und seltsamen Schmuck. „Frankreich war damals noch rückständig“, sagt Suzanne Flottmann, „aber wenn wir zusammen getanzt haben, dann war das alles nicht wichtig“.

Zwei Jahre später war sie dann selbst an der Reihe: Mit dem Schulaustauschprogramm saß sie im Zug in den Westerwald. „Und in Deutschland war alles wie im Lehrbuch“, erinnert sie sich, „die Haushalte waren so ordentlich, wie unser Lehrer es uns erzählt hatte, meine Gasteltern fuhren einen Mercedes und ich war restlos begeistert“. Und was war aus Wut, Trauer und Ärger geworden? „Mit dem Krieg und den Verbrechen hatten weder ich noch meine deutsche Freundin Renate etwas zu tun“, sagt Suzanne Flottmann, „wir wurden beide nach dem Krieg geboren“. Und so sei Freundschaft ganz einfach möglich gewesen. „Wir waren jung und haben einen Neustart gewagt“, sagt die heutige Vöhlerin.

Einfallslose Butterbrote

An das dunkle Brot allerdings, das Obst in der Fleischsauce und den komischen Käse konnte sich die 16-Jährige nicht gewöhnen. „Und Butterbrote zum Abendessen fand ich irgendwie einfallslos“, sagt sie. Und doch war ihre Liebe für Deutschland geweckt. „Ich wusste, ich würde wiederkommen“, sagt Suzanne Flottmann. Dass sie sieben Jahre später aber ihre Heimat verlassen würde, um ein neues Leben im Nachbarland zu beginnen, das ahnte sie damals nicht.

Sie ließ sich zur Dolmetscherin ausbilden, knüpfte über ihre Arbeit beim Kulturverein und für das deutsch-französische Jugendwerk Kontakte nach Deutschland, engagierte sich als Reiseleiterin und nahm 1970 an einem Studentenaustauschprojekt des Werkes teil. Drei Monate lernte sie im Rahmen des Projekts weiter deutsch, dann trat sie ihre erste Stelle bei einem Kulturhaus an, wechselte als Fremdsprachekorrespondentin in ein Stahlwerk. Da kannte sie bereits ihren zukünftigen Mann - einen Dortmunder.

Als das Paar in Frankreich heiratete, war ihre Zukunft in Deutschland bereits besiegelt. „Mein Vater fragte mich, ob es denn nicht genug Franzosen gegeben hätte“, erinnert sie sich lachend. Ernsthafte Vorbehalte gegen den deutschen Ehemann habe es aber nie gegeben.

„Deutsche“ Regeln

„Manchmal hatte ich dann Heimweh“, erinnert sich Suzanne Flottmann. Zum Beispiel dann, wenn sie Wäsche am Sonntag nicht draußen aufhängen oder am Feiertag nicht Rasenmähen durfte. Oder wenn sie beim Fleischer einfach nicht fand, was sie suchte. Aber spätestens mit der Geburt der Töchter griffen die Wurzeln in der neuen Heimat noch tiefer.

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Suzanne Flottmann als Französischlehrerin bei der Volkshochschule in Korbach. Wo sie Zuhause ist? „In Deutschland ebenso wie in Frankreich“, sagt sie und schmunzelt dann: „Ich vermisse immer das, was in dem jeweils anderen Land besser ist.“

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