Soziale Orte in Waldeck-Frankenberg

Die alte Schule in Dalwigksthal: Wo Bürger aktiv sind

Gäste sitzen unter zwei großen Sonnenschirmen vor der alten Schule in Lichtenfels-Dalwigksthal.
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Mit der Schule Dalwigksthal haben sich die Bürger selbst einen „Sozialen Ort“ geschaffen. Eine Genossenschaft hat das zuvor als Dorfgemeinschaftshaus genutzte Gebäude gekauft.

Auf der Suche nach Sozialen Orten im Landkreis stießen die Forscher der Universität Göttingen mit der „Schule Dalwigksthal“ auf eine weitere neue Ortsmitte. Diesmal war es nicht die Initiative eines Bürgermeisters, die zu diesem Sozialen Ort führte, sondern die der Bürgerinnen und Bürger selbst.

Als mit der geplanten Schließung des Dorfgemeinschaftshauses, in der ehemaligen Schule, der letzte öffentliche Kommunikationsort zu verschwinden drohte, wurde im Juli 2012 daraus ein genossenschaftlich geführter Dorftreff mit Biergarten und eigener Küche. Durch den Verkauf von über fünfzig Genossenschaftsanteilen (500 Euro pro Anteil) an Bewohner des Dorfes und der umliegenden Orte sowie Fördergelder der Europäischen Union (EU) konnte dieses Projekt verwirklicht werden. Die alte Schule ist zu dem Sozialen Ort in Dalwigksthal geworden, dessen Angebot jedermann offensteht. Sie ist sowohl wichtiger Kommunikationsort als auch das Ergebnis einer gemeinschaftlichen Bürgerinitiative.

Wie wichtig den Dalwigksthalern ihre Schule ist, zeigen auch die Interviews, die Studierende der Uni Göttingen im Juni 2019 geführt haben: „Dann gab es die erste Genossenschaft hier in der Schule, weil es nun gar keinen Treffpunkt mehr gab. Dann haben sie das Dorfgemeinschaftshaus für einen symbolischen Euro gekauft und eine Genossenschaft draus gemacht. Da haben sich ganz viele dran beteiligt und da findet jetzt das ganze Leben statt. Da findet alles statt.“ und weiter „Man stellt sich ja nicht auf die Straße und trifft sich da und redet. Man muss ja irgendwas haben, wo man hingeht.“

Auf die Frage, was sich in Dalwigksthal in den letzten Jahren positiv verändert hat, wurde mehrfach der neue Kommunikationsort „Alte Schule“ genannt, neben der Einführung des Anrufsammeltaxis und der Gründung einer Whatsapp-Gruppe für alle Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner.

Aber auch dieser wichtige Dorfmittelpunkt kämpft mit Herausforderungen: Service, Küche und Reinigung werden von Arbeitskräften aus dem Ort übernommen, die man aber erst mal finden muss, genau wie die Freiwilligen für alle außergewöhnlichen Arbeiten. Die Jugend bleibt aus und die Mittwochsrunde ist geschrumpft.

Außerdem gibt es seit 2019 noch eine weitere Möglichkeit im Ort, Räumlichkeiten für private Feste zu mieten, und die benachbarte Freiwillige Feuerwehr kann die geforderte gendergerechten Toilette nur dann einrichten, wenn sie Räume der Schule abzwackt. Und dann kam auch noch Corona. Solange Kontaktbeschränkungen gelten, bleibt die Schule geschlossen, weil sich der Betrieb nicht durchführen lässt. Das ändert sich hoffentlich schnell, denn „Da findet alles statt!“.

Soziale Orte sind nicht nur „Dritte Orte“ neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz, sondern sind öffentlicher Raum, der für das Gemeinwohl eine wesentliche Rolle spielt. Hier können sich Akteure aus lokaler Zivilgesellschaft, kommunaler Verwaltung und regionaler Wirtschaft zusammenfinden, um sich gemeinsam den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie demografischer Wandel, Infrastrukturabbau, Digitalisierung oder Klimawandel stellen und dabei (über-)regionale Netzwerke knüpfen. Wichtig ist die niedrige Eingangsschwelle Sozialer Orte, die jeden einlädt, der mitmachen oder teilhaben möchte.

Soziale Orte lassen Ideen zu, inspirieren zu neuen Wegen und zum „Denken um ein paar Ecken“. An Sozialen Orten beschäftigen sich die Bürgerinnen und Bürger mit den ganz spezifischen Herausforderungen für ihre Gemeinde und suchen nach passgenauen, nachhaltigen Lösungen. (Von Ljubica Nikolic)

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