Lichtenfelser Bürgermeister fordert Sonderprogramm vom Land für Sanierung von Kläranlagen

Furcht vor astronomisch hohen Gebühren

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Wassermeister Wilfried Schütz an der Kläranlage in Fürstenberg. Zusammen mit seinen Vertretern Michael Wagner und Alexander Peter hat er alle Lichtenfelser Anlagen im Blick.Fotos: Marianne Dämmer

Lichtenfels - Sauberes Wasser ist ein kostbares Gut. Doch es nach den sich stetig ändernden Auflagen sauber zu halten, ist eine Herkulesaufgabe - die für ländliche Kommunen mit veralteten Kläranlagen kaum noch allein zu stemmen ist. Den Bürgern drohen astronomisch hohe Gebühren - wenn das Land nicht hilft.

In den Grundsätzen der Europäischen Wassercharta heißt es unter Artikel V „Verwendetes Wasser ist den Gewässern in einem Zustand wieder zurückzuführen, der ihre weitere Nutzung für den öffentlichen wie für den privaten Gebrauch nicht beeinträchtigt“. Die Charta macht schon 1968 auf den unschätzbaren Wert von sauberem Wasser aufmerksam und mahnt zu sorgsamen Umgang. Doch vor allem für Gemeinden auf dem Lande wird es immer schwieriger, die Auflagen zu erfüllen und die zulässigen Grenzwerte einzuhalten, weil sie die Sanierung alter Kläranlagen oder den Bau neuer Anlagen aus eigener Tasche nicht mehr finanzieren können.

Die Stadt Lichtenfels ist ein gutes Beispiel. Fünf eigene Kläranlagen muss die rund 97 Quadratkilometer große Flächenkommune für acht Stadtteile vorhalten, hinzu kommt eine Beteiligung an der Kläranlage Ittertal. Die jüngste Anlage zwischen Fürstenberg und Rhadern hat rund 20 Jahre auf dem Buckel, gut 30 Jahre alt ist die Teichkläranlage in Dalwigksthal, aus den 1970er-Jahren stammen die Anlagen in Goddelsheim, Sachsenberg und Neukirchen. Vor allem die Anlagen in Dalwigksthal und Neukirchen müssten saniert werden. Kostenpunkt: einige Hunderttausend Euro pro Anlage, erklärt Wilfried Schütz. Der Wassermeister der Stadt Lichtenfels und gelernte Elektriker kennt alle Anlagen aus dem Effeff, hat sie täglich im Blick, untersucht die Wasserwerte turnusmäßig.

Grenzwerte verschärft

Kohlenstoff, Phosphat, Stickstoffe wie Ammonium, Nitrat, Nitrit und Schwermetalle wie Blei, Kadmium oder Nickel - alle Werte muss der Wassermeister regelmäßig in seinem Labor kontrollieren, um zu garantieren, dass die gesetzlich festgelegten Grenzwerte eingehalten werden - Untere Wasserschutzbehörde und Regierungspräsidium haben ein Auge darauf.

„Dabei werden die Grenzwerte immer weiter gesenkt“, erklärt der Experte. So seien bislang zwei Milligramm Phosphat pro Liter geklärtes Abwasser erlaubt gewesen. „Der Grenzwert bleibt, aber der Jahresmittelwert wurde 2014 auf unter ein Milligramm pro Liter abgesenkt.“ Die Werte seien zu schaffen, allerdings unter Zugabe von Phosphat-Fällungsmitteln - „und die verursachen bis zu 25 Prozent höhere Kosten“, sagt Schütz.

Dabei erschweren auch die Folgen der Trenn-Kanalisation von Schmutzwasser und Regenwasser die Einhaltung der Grenzwerte. Was erfreulich für die Kunden ist, weil sie weniger Abwassergebühren zahlen müssen, hat Nachteile für das Funktionieren der Kläranlagen. Denn seitdem hat der Zufluss in die Anlagen deutlich abgenommen und in weniger Wassermasse konzentrieren sich mehr Stoffe, vor allem die erlaubten Stickstoffwerte seien kaum noch einzuhalten: „Vor allem in trockenen Sommermonaten fließt das Schmutzwasser nur sehr langsam in die Kläranlagen; es bilden sich aufgrund der langen Aufenthaltsdauer viele Algen. Kommt dann ein starker Regenschauer, haben wir starke Stoßbelastungen in den Kläranlagen - das ist alles nicht ideal.“

Irgendjemand muss die Unterhaltungskosten schließlich tragen. Werden sie, wie auch Kosten für die Ertüchtigung von Kläranlagen, über Gebührenerhöhungen auf die Bürger umgelegt, „haben die bald höhere Nebenkosten als Mietkosten. Viele werden wegziehen und auf die Verbliebenen kommen dann noch höhere Kosten zu. Das ist also für ländliche Kommunen ein weiterer deutlicher Standortnachteil“, moniert Bürgermeister Uwe Steuber.

Sonderprogramm auflegen

Er fordert ein Förderprogramm des Landes Hessen für die Sanierung von Kläranlagen in ländlichen Kommunen. „Ein solches Sonderprogramm würde dem ländlichen Raum sehr helfen - vor allem vor den immer schärfer werdenden Einleitebestimmungen“, betont der Lichtenfelser Rathauschef. Die Einhaltung der Reinheitswerte habe obere Priorität, schließlich fließe Lichtenfelser (Ab-)Wasser vor allem über die Orke mittelbar in den Edersee und diene damit der Trinkwasserversorgung. Bei der Umsetzung der Vorgaben würden die Kommunen bislang vom Land jedoch allein gelassen.

Dabei fürchtet Steuber, dass auch die Entsorgung von Klärschlamm deutlich teurer werden könnte. „Noch wird der Klärschlamm als Dünger auf landwirtschaftlich genutzte Felder ausgebracht“, erklärt Wilfried Schütz. „In der neuen Düngemittelverordnung von 2015 wurden die erlaubten Werte mancher Substanzen aber auf das Siebenfache heruntergesetzt“, erklärt Schütz. Entsprechen die Proben nicht den erlaubten Werten, darf der Klärschlamm nicht mehr ausgebracht werden. „Er muss in besonderen Anlagen entwässert und dann verbrannt werden“, erklärt Schütz: „Da kommen immense Kosten auf die Kommunen zu.“

Für Bürgermeister Steuber ist klar: „Das ist nicht zu stemmen, wenn wir keine Unterstützung finden.“

Von Marianne Dämmer

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