„Eigentlich waren alle recht brav“

Lichtenfelser Bernd Göckel reicht nach 24 Jahren die Sitzungsglocke weiter

Immer ein Lächeln im Gesicht: Bernd Göckel (links) überreicht die Lichtenfelser Sitzungsglocke nach 24 Jahren als Stadtverordnetenvorsteher an seinen Nachfolger Helmut Bangert (rechts). Dank für das langjährige Engagement gab’s von Bürgermeister Henning Scheele.
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Immer ein Lächeln im Gesicht: Bernd Göckel (links) überreicht die Lichtenfelser Sitzungsglocke nach 24 Jahren als Stadtverordnetenvorsteher an seinen Nachfolger Helmut Bangert (rechts). Dank für das langjährige Engagement gab’s von Bürgermeister Henning Scheele.

„Jetzt will ich doch wenigstens einmal das Sitzungsglöckchen läuten, bevor ich es abgebe,“ sagt Bernd Göckel und lacht, als er es an seinen Nachfolger Helmut Bangert überreicht.

Lichtenfels-Sachsenberg – Kein einziges Mal im Laufe seiner Dienstzeit als Stadtverordnetenvorsteher musste er es läuten, hat es immer umsonst mitgenommen – für den Fall, dass sein Einsatz doch mal nötig sein sollte.

Dabei hat der Wahl-Sachsenberger im Lichtenfelser Stadtparlament immerhin 24 Jahre die Sitzungen geleitet – so lange, wie keiner seiner Vorgänger war er „erster Bürger der Stadt“. Der zweifache Familienvater Bernd Göckel war 1997 auf Heinrich Kessler gefolgt, der das Amt acht Jahre innehatte, 16 Jahre übte es Eberhard Straube aus, der auf Dr. Max Trudering gefolgt war.

„Es waren eigentlich immer alle recht brav“, sagt Göckel, kennt aber auch andere Geschichten: „Früher wurde oft bis 23 Uhr getagt, Bier getrunken und geraucht. Es gab zwei starke Zigarrenraucher. Und wenn im alten Dorfgemeinschaftshaus in Immighausen, das eine niedrige Decke hatte, getagt wurde, konnte man die Mitstreiter auf der anderen Seite nicht mehr erkennen. Auch sonst ging es in den Sitzungen hoch her,“ sagt der 65-Jährige.

Lichtenfelser Verhältnisse

Alkoholverbot ließen die Auseinandersetzungen später nüchterner ausfallen. „Dass es unter die Gürtellinie ging, das gab es nie. Wenn man liest, wie sich Mandatsträger in manch anderen Kommunen fetzen – das hat es in Lichtenfels die vergangenen 30 Jahre nicht gegeben. Die Themen wurden irgendwann viel mehr in den Ausschüssen beraten – da wird so lange diskutiert, bis alle auf einer Linie sind. Das sind die Lichtenfelser Verhältnisse“, sagt er: „Vor allem die SPD und die CDU hatten sich immer gut vertragen, auch ohne Koalitionsvertrag. 30 Jahre ging das so“. Auch bei allen Ausschusssitzungen war Bernd Göckel dabei, „früher haben drei Ausschüsse separat getagt, jetzt zwei zusammen – das ist heute eine ganz andere Nummer.“

„In der Stadtverordnetensitzung habe ich immer alle gesiezt und mit Namen angesprochen – für die Redakteure“, sagt Bernd Göckel. Berichterstatter und Gäste vergaß er zum Sitzungsauftakt auch nie zu begrüßen. „Freundlichkeit war mir immer wichtig. Und ich konnte neutral sein, hatte keine Parteibrille – in den Gremien waren fast alle auch immer kompromissbereit. Ich habe allen in die Augen gucken können. Wir haben nach den Sitzungen oft noch beisammen gestanden und uns querfeldein unterhalten,“ sagt der gebürtige Höringhäuser, der seit 1980 in Sachsenberg lebt, 1979 hatte er dort eine Stelle in der Sparkasse angetreten. 50 Jahre war er Mitglied der SPD. „Sozialdemokrat bleibt man, auch wenn man aus der Partei ausgetreten ist.“

Bis vor kurzem gab es noch eine uralte Geschäftsordnung, die die Gegenwart längst nicht mehr widerspiegelte. „Das Einvernehmen unter den Stadtverordneten war so gut, dass wir die Änderung ständig herausschoben. Erst wegen Corona haben wir die Geschäftsordnung dann erneuert“.

Nadel Die längste Sitzung unter Göckels Regie hat zwei Stunden gedauert, die kürzeste neun Minuten – die fand im Winter coronabedingt auf dem Sportplatz statt. „Mir hat’s immer Spaß gemacht“, sagt Bernd Göckel. Für sein Engagement wurde er mit der Goldenen Nadel der Stadt Lichtenfels und dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet. Jetzt freut er sich auf mehr Zeit mit seinen beiden Enkeln.

„Es wollte mich keiner ablösen. Deshalb habe ich die Arbeit so lange übernommen. Doch ich habe immer gesagt, wenn ich Rentner bin, ziehe ich mich zurück. Es ist Zeit, die Jüngeren ran zu lassen. Schluss.“ Von Marianne Dämmer

Sitzungsglocke aus Lichtenfels.

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