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Podiumsdiskussion „Herausforderung Wald“ in Immighausen – Windräder auf Kahlflächen?

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Von: Marianne Dämmer

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Der Podiumsdiskussion „Herausforderung Wald“, zu dem die FDP Lichtenfels und Waldeck-Frankenberg eingeladen hatten, folgten rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer.
Der Podiumsdiskussion „Herausforderung Wald“, zu dem die FDP Lichtenfels und Waldeck-Frankenberg eingeladen hatten, folgten rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer. © Marianne Dämmer

Wie kann die Wiederaufforstung des Waldes vorangebracht werden? Durch den Bau von Windkraftanlagen (WKA)? Das wurde in den Raum geworfen bei der Podiumsdiskussion „Herausforderung Wald“ in Immighausen.

Lichtenfels-Immighausen – Die Frage kam auf bei der Podiumsdiskussion „Herausforderung Wald“, die am Dienstag rund 100 Interessierte ins Immighäuser DGH zog. Eingeladen hatten der Lichtenfelser Ortsverband und der Waldeck-Frankenberger Kreisverband der FDP. Den Fragen stellten sich der FDP-Bundestagsabgeordnete und forstpolitische Sprecher seiner Fraktion, Karlheinz Busen, Christian Raupach, geschäftsführender Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes, Thorsten Nothwehr, Geschäftsführer des forstlichen Beratungsunternehmens Oldershausen Hofos, das auch die Stadt Lichtenfels berät, sowie Matthias Eckel, Geschäftsführer der Jagdrechtsinhaber und des Kreisbauernverbandes Frankenberg. FDP-Landtagsabgeordnete Wiebke Knell hatte kurzfristig abgesagt. Die Diskussion leitete Jochen Rube, Vorsitzender der FDP Waldeck-Frankenberg.

In seiner Begrüßung sprach Frank Isken, Vorsitzender der FDP Lichtenfels, von einer „Zeitenwende“ für den Wald. Sturm „Kyrill“ habe 2007 „aus einem verlässlichen Holzlieferanten ein Sorgenkind und einen unberechenbaren Kostenfaktor“ gemacht. Weitere Stürme, Trockenheit und Wildverbiss hätten ihr übriges getan.

Karlheinz Busen-fdp-bundestagsmitglied
Karlheinz Busen, FDP-Bundestagsmitglied © Marianne Dämmer

„Waldbesitzer am Scheideweg?“, fragte Henning Scheele, Lichtenfelser Bürgermeister und Vorsitzender der Kreisgruppe im Hessischen Waldbesitzerverband, in seinem Vorwort. Allein 17.500 Festmeter hätten aufgrund von Windwurf und Käferschäden 2022 im Lichtenfelser Stadtwald eingeschlagen werden müssen – das übertreffe das nachhaltige Einschlagsniveau weit. Dieses Holz würde in Zukunft fehlen. 300 Hektar Kahlfläche allein im Stadtwald seien aufzuforsten. „Wir wollen Wald nachhaltig entwickeln, als Ökosystem und für die Forstwirtschaft – Holz ist ein erheblicher Wirtschaftsfaktor im ländlichen Raum.“ Das Thünen-Institut habe die jährliche Ökosystemleistung der Wälder auf 2,4 Milliarden Euro geschätzt, die Bundesregierung nur 200 Millionen veranschlagt. „Wenn wir Waldflächen aus der Produktion nehmen – was dann? Windenergie auf Kalamitätsflächen aufbauen?“ Damit sprach Scheele an, was manchem Waldbesitzer auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten zum Waldwiederaufbau vorschwebt. Oder was zumindest als politisches Druckmittel dienen kann.

Christian Raupach
Christian Raupach, geschäftsführender Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes © Marianne Dämmer

Busen: Nein zu Windkraft im Wald

Klar dagegen sprach sich FDP-Bundestagsabgeordneter Karlheinz Busen aus. „Ein bewirtschafteter Wald ist unser Grundsatz“. Windkraft sei nur eine technische Zwischenlösung, „nicht der Weisheit letzter Schluss“. Auf enttäuschte Nachfrage eines Waldbesitzers im Publikum erklärte Busen, auf Kahlflächen am Rande sei der Bau einer WKA wohl möglich, im Wald jedoch nicht: „Dafür gibt es auch in der Bevölkerung kein Verständnis. Wir können Klima nur durch bessere Technologie erhalten. 85 bis 80 Prozent des Waldes müssen wir nutzen, das ist der beste Klimaschutz.“

Thorsten Nothwehr, Geschäftsführer des forstlichen Beratungsunternehmens Oldershausen Hofos
Thorsten Nothwehr, Geschäftsführer des forstlichen Beratungsunternehmens Oldershausen Hofos © Marianne Dämmer

Thorsten Nothwehr von Oldershausen Hofos schloss sich Scheeles Meinung an: „Wir müssen eine Zeitenwende auch im Kopf hinbekommen – nicht mehr die gleichen Dinge anders, sondern ganz andere Dinge machen. Jahrhundertelang haben Waldbesitzer mit ihren Wäldern kostenfrei für frisches Wasser und frische Luft gesorgt.“ Wenn der Holzmarkt für gutes Holz nur schlechte Preise zahle, „wende ich mich an den, der meinem Wald mehr Wert zuschreibt. Eine WKA kann 6000 Personenhaushalte mit Strom versorgen – so müssen wir rangehen. Wir haben keine andere Wahl, müssen neue Märkte erschließen“.

„Wald hat eine exklusive Rolle in der Klimapolitik, nur dort lässt sich viel CO2 binden. Müsste man nicht den belohnen, der CO2 bindet?“, fragte Jochen Rube. „Ja, wir sind für die Ökosystemleistung“, so Busen. Für die zögerliche Freigabe des Geldes machte er die Koalitionspartner verantwortlich, „das Geld ist da. Die FDP will es nur für den Wiederaufbau, nicht für Flächenstilllegung. Die können wir uns nicht leisten.“

Matthias Eckel, Geschäftsführer der Jagdrechtsinhaber und des Kreisbauernverbandes Frankenberg
Matthias Eckel, Geschäftsführer der Jagdrechtsinhaber und des Kreisbauernverbandes Frankenberg © Marianne Dämmer

Im Verlauf der Wald-Diskussion in Immighausen sprachen sich neben dem FDP-Bundestagsabgeordneten Karlheinz Busen auch die anderen Teilnehmer für die Nutzung des Waldes aus – ohne enge Vorgaben. „Wir Waldeigentümer wollen den Wald aus eigenem Selbstverständnis heraus erhalten, dafür brauchen wir alle Unterstützung der Welt, denn die Einkommensfunktion droht komplett verloren zu gehen“, erklärte Christian Raupach, geschäftsführender Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes, und kritisierte das Bundeswaldgesetz. „Das ist ob der veränderten Klimabedingungen völlig veraltet – Buche soll mitgepflanzt werden, obwohl auch sie inzwischen flächendeckend abstirbt.“

Raupach: „Wir brauchen wesentlich mehr Freiheiten“

„Die Vorgabe, drei bis vier Baumarten anzupflanzen, reicht völlig aus, alles andere müssen die Waldbauern je nach Standortbedingung selbst entscheiden. Wir brauchen wesentlich mehr Freiheiten“. Inzwischen „haben die Waldbesitzer eklatante Probleme, überhaupt eine Kultur aufzubauen. Es fehlt an Geld, an Pflanzgut und die Trockenheit macht Probleme.“ FDP-Bundestagsabgeordneter Karlheinz Busen stimmte zu: „Wir können keine Baumarten vorgeben, sie wachsen nicht überall gleich gut. Zur Unterstützung der Waldbesitzer müssen wir das Geld aus der Ökosystemleistung jetzt auf die Fläche bringen“.

Was könnte der richtige Weg beim Wiederaufbau des Waldes sein?

Nothwehr: „Ich plädiere dafür, vielfältige Entscheidungen zu treffen. Nicht die ganze Kraft auf Douglasie, Lärche oder Eiche zu setzen, sondern von jedem etwas und zwar so, dass man wirtschaftlich damit zurechtkommt. Dann dürfen wir die Hoffnung haben, dass von den vielen Entscheidungen wenigstens eine die richtige war, dann gibt es auch solche Kalamitäten wie den Borkenkäfer bei der Fichte nicht mehr, weil das Risiko breiter gestreut wurde“. Außerdem rät er, nicht zu gießen, „die Bäume müssen lernen, mit den Wurzeln in die Tiefe zu gehen“.

Matthias Eckel von den Jagdrechtsinhabern mahnte: „Viele Waldbesitzer, die bis zu zwei Hektar haben, machen jetzt nichts. Die dürfen nicht allein gelassen werden. Wenn uns hundert kleine Betriebe wegfallen, ist das auch ein großer Satz.“ Wie reagieren? „Wir müssen uns anpassen. Wenn wir die Ursache des Klimawandels, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre, nicht eindämmen, brauchen wir uns über andere Probleme keine Gedanken mehr zu machen“ Wald könne CO2 binden, das könne auch Bauholz. „Wenn wir Holz verarbeiten in langlebige Produkte, binden wir CO2. Verrottet Holz, entweicht CO2 nach außen. Wir haben nicht die Zeit, Natur Natur sein zu lassen“.

„Welche Rolle spielt für Sie Jagd?“, fragte Diskussionsleiter Jochen Rube. Karlheinz Busen: „Es wird immer gesagt, die Jäger schießen zu wenig, deswegen gelinge Naturverjüngung nicht. Das ist bei weitem nicht so. Wald und Wild gehören zusammen, nicht Wald vor Wild – das ist Quatsch.“ Matthias Eckel sah das anders: „Jagd hat für den Forst und die Landwirtschaft eine dienende Funktion, das muss so herausgearbeitet werden. Eine normale Naturverjüngung der Hauptbaumarten muss Standard sein“. Für die Diskussionsrunde dankte abschließend FDP-Fraktionsvorsitzender Friedhelm Emde. (Von Marianne Dämmer)

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