Heidelinde Schäfer kam 1946 als Vertriebene nach Goddelsheim

Zukunft in Lichtenfels: „Dankbar für gute Aufnahme“

Heidelinde Schäfer mit ihrer Puppe, die sie vor genau 75 Jahren aus dem Sudetenland mit in ihre neue Heimat gerettet hat. Heidelinde Schäfer lebt als einzige von den Vertriebenen, die am 4. März 1946 in Goddelsheim angekommen sind, noch dort.
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Heidelinde Schäfer mit ihrer Puppe, die sie vor genau 75 Jahren aus dem Sudetenland mit in ihre neue Heimat gerettet hat. Heidelinde Schäfer lebt als einzige von den Vertriebenen, die am 4. März 1946 in Goddelsheim angekommen sind, noch dort.

Vor fast genau 75 Jahren – am 4. März 1946 – begann für Heidelinde Schäfer, geborene Hrobarsch, in Goddelsheim ein neues Leben.

Lichtenfels-Goddelsheim – Als damals viereinhalb Jahre altes Mädchen gehörte sie zusammen mit ihrer Mutter Aloisia und 20 weiteren Menschen zur ersten Gruppe von Vertriebenen aus dem Sudetenland, die in Goddelsheim aufgenommen wurden.

Heidelinde Schäfer, inzwischen 79 Jahre alt, ist die einzige aus dieser Gruppe, die in ihrer neuen Heimat geblieben ist. „Bei mir herrscht immer noch eine große Dankbarkeit vor, dass wir damals in Goddelsheim so gut aufgenommen wurden“, sagt sie.

Ihre Familie stammte aus Zöptau im Kreis Mährisch Schönberg im Sudetenland. Bereits im Januar und Februar hatten zehn Vertriebene aus Ostpreußen und Pommern den Weg nach Goddelsheim gefunden, am 5. März 1946 kamen weitere 56 Vertriebene an.

Insgesamt waren es 169 Menschen, zum Teil auch aus Flüchtlingslagern, die 1946 bei Goddelsheimer Familien untergebracht wurden. Mit Heidelinde Schäfer ist auch Familie Rotter mit ihrer Tochter Herta gekommen. Sie wurde bei Familie Heinrich Stracke (Altenrichts) untergebracht und lebt heute in Korbach.

„Der Abtransport aus unserer alten Heimat wurde relativ geordnet durchgeführt. Wir wurden in unserem Kreis gesammelt und in Viehwaggons ging es dann über Prag, Gießen und Kassel nach Korbach“. Sie hat ihre Puppe aus ihrer alten Heimat gerettet, und ihre Mutter brachte alle Fotoalben mit, ließ dafür wertvolle Gegenstände zurück. „Sie sagte, alles sei ersetzbar, aber die Fotoalben wären unwiederbringlich verloren gewesen.“

„In Korbach wurden wir in einer Turnhalle am Schießhagen entlaust und auf einem Lastwagen nach Goddelsheim gebracht“, erinnert sich Heidelinde Schäfer. Dort war die Ankunft von Bürgermeister Karl Hesse bestens vorbereitet worden. „Uns Vertriebenen wurde bei der Ankunft beim ehemaligen HJ-Heim in der Allee nahe der Grundschule ein freundlicher Empfang bereitet, die aufnehmenden Familien warteten alle schon auf uns“. Unter den Wartenden war auch der zehnjährige Christian Wilke, der seinen Schlitten dabei hatte. „Er setzte mich auf den Schlitten und brachte mich zum Haus der Familie Heinrich Schröder im heutigen Graftweg 2, wo wir ein kleines Zimmer beziehen durften. Später hat er mir erzählt, dass ich fürchterlich nach Entlausungsmittel gestunken habe“, sagt Heidelinde Schäfer und lacht.

Schnell gab es „sehr guten Kontakt zu den Mädchen in der unmittelbaren Nachbarschaft – Familie Brandt mit den Töchtern Elfriede, Marga und Helma sowie zu Helga Wilke, geborene Schütz, und zu Elli, der jüngsten Tochter der Familie Schröder, verheiratete Stracke“ zählt Heidelinde Schäfer auf.

Acht Jahre sollten sie und ihre Mutter bei Schröders bleiben. Am 28. Mai 1946 kam noch der Vater ihrer Mutter, Josef Nedela, aus amerikanischer Gefangenschaft nach Goddelsheim, 1948 außerdem der Bruder, Gottfried Nedela. „Es war selbstverständlich, dass meine Mutter, aber auch Opa und Onkel von Anfang an geholfen haben, wo es nur ging. Zum Essen saßen wir meist alle gemeinsam an der großen Tafel mit der Familie und anderen Helfern“, erinnert sich Heidelinde Schäfer.

Ihre Mutter, die in der alten Heimat als technische Lehrerin – Handarbeit, Hauswirtschaft und Sport – gearbeitet hatte, bekam bald auch eine Anstellung als Lehrerin in Goddelsheim, Rhadern, Fürstenberg und Immighausen, wo sie meist zu Fuß hinging. 1954 wurde ihr eine kleine Dienstwohnung im neugebauten „Gemeindehaus“ am „Neuen Weg“ zugewiesen, wo bald auch ihre Freundin mit Tochter zuzog. „Sie war ein wenig traurig, als sie das Haus Schröder verlassen musste“, erinnert sich Heidelinde Schäfer, die ihren Vater nie kennen gelernt hat. Er ist genau einen Monat nach ihrer Geburt am 6. September 1941 in Russland gefallen.

Heidelinde Schäfer hat 1967 Karl Schäfer aus Goddelsheim geheiratet und mit ihm eine Familie gegründet, drei Kinder zogen sie groß. Nach ihrem Studium in Gießen war sie Lehrerin für Deutsch, Sport und katholische Religion in Adorf und Sachsenberg, dann fast 30 Jahre lang Lehrerin an der Mittelpunktschule in Goddelsheim. „Bis heute bin ich der Familie Schröder, die selbst drei Kinder und die Großmutter im Haus hatte, aber auch allen Goddelsheimern für die gute Aufnahme und Unterstützung dankbar. Es ist mir ganz wichtig, noch Mal an diese Zeit zu erinnern und danke zu sagen,“ sagt Heidelinde Schäfer. Persönlich hat sie das am 4. März bei Elli Stracke schon getan – mit einem Blumenstrauß. Von Marianne Dämmer und Gerhard Kuhnhenne

Im Haus von Heinrich Schröder, Graftweg 2 in Goddelsheim, kamen Heidelinde und ihre Mutter Aloisia Hrobarsch die ersten acht Jahren nach der Vertreibung aus dem Sudetenland unter.
Das Erinnerungsfoto mit ihrer Mutter Aloisia Hrobarsch stammt vom einem Korbacher Fotografen.

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