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Wechsel auf Hofgut Rocklinghausen des Lebenshilfe-Werks bei Twiste

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Von: Armin Haß

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Steven Seidler (links) übernimmt von Bernd Kramer die Leitung des Hofguts Rocklinghausen des Lebenshilfe-Werkes bei Twiste.
Steven Seidler (links) übernimmt von Bernd Kramer die Leitung des Hofguts Rocklinghausen des Lebenshilfe-Werkes bei Twiste. © Armin Haß

Wechsel auf dem Hofgut Rocklinghausen des Lebenshilfe-Werks bei Twiste: Nach 32 Jahren übergibt Bernd Kramer die Leitung der Einrichtung an Steven Seidler.

Twistetal-Twiste - Seidler kennt das Hofgut schon von Kindesbeinen an . Ob im Freibad, bei der Kirmes oder bei den Kartoffelfesten, zu Bewohnern und Mitarbeitern hatte Seidler schon früh Kontakt. Nach der Realschule hat der in Twiste geborene Seidler am Fröbel-Seminar in Korbach das Fachabitur gemacht und dann eine fünfjährige Erzieherausbildung absolviert.

Sozialpädagoge und Tennistrainer

Das einjährige Praktikum konnte er gleich auf dem Gut absolvieren. Auf der vollen Stelle bot sich eine gute Gelegenheit, um den 1983 von der Lebenshilfe eröffneten landwirtschaftlichen Betrieb mit seiner speziellen Zielrichtung kennenzulernen. Die dort lebenden oder dorthin pendelnden Menschen mit Behinderungen bekommen eine Beschäftigung im ländlichen Raum und werden zugleich sozialpädagogisch betreut.

Nach dem Grundwehrdienst hat Seidler an der Uni Kassel Sozialarbeit studiert und nach dem einjährigen Anerkennungspraktikum auf Gut Rocklinghausen 2013 die staatliche Anerkennung als Diplom-Sozialarbeiter bekommen.

Als Nachfolger ausgeguckt

Zunächst hatte er eine halbe Stelle bei der Lebenshilfe-Einrichtung ausgefüllt, die andere Hälfte des Berufslebens war er als professioneller Tennis-Trainer bei verschiedenen Vereinen im Waldecker tätig. Doch dann übernahm er weitere Aufgaben im sozialen Dienst bei der Lebenshilfe. Nicht zuletzt wurde eine Familie gegründet, mit nunmehr einem Sohn und einer Tochter. Das Tennistraining gab er dann auf.

Bernd Kramer sah schon den jungen Kollegen als seinen Nachfolger. Entschieden wurde das freilich auf der Führungsebene der Lebenshilfe.Zum 1. Januar 1990 begann der aus Bremen stammende Agraringenieur Kramer auf dem Hofgut.

Landwirtschaft studiert

Er hatte zunächst das Fachabitur für Sozialpädagogik in Göttingen absolviert, wo seine Frau die Grundlage für die spätere Tätigkeit als Pädagogische Kraft an der Karl-Preising-Schule in Helsen legte. Kramer entschied sich jedoch, im Fachbereich Landwirtschaft der Uni Kassel in Witzenhausen sein Studium aufzunehmen und schloss es als Diplom-Ingenieur ab. Mit diesen Qualifikationen und dem nötigen Einfühlungsvermögen für die Betreuung und Motivation von Menschen mit Behinderungen konnte Kramer im Lebenshilfegut starten.

Er setzte in den vergangenen drei Jahrzehnten einige Akzente. So wurde das in den Jahren zuvor von der Lebenshilfe umgestaltete Gut in einen Betrieb mit Öko-Landbau und Bioland-Tierhaltung umgestaltet. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg war noch beteiligt, denn es galt, das Konzept einer Erzeugergemeinschaft zur Zucht, Haltung und Vermarktung des Waldecker Weideschweins zu fördern. Inzwischen sind verschiedene Betriebe im Waldecker Land in dieser Gemeinschaft aktiv, auf dem Gut bei Twiste ist mittlerweile die Wende zur Milchviehhaltung vollzogen worden.

Netzwerk Öko-Landbau

Kramer war am Ausbau eines Netzwerks für den Öko-Landbau beteiligt und 20 Jahre Sprecher der regionalen Bioland-Gruppe. Seit 25 Jahren ist der Agraringenieur stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Upländer Bauern-Molkerei, die auch die auf dem Hofgut erzeugte Milch kauft.

Ziel der Arbeit auf dem Lebenshilfe-Werk-Hofgut ist es, Menschen mit Handicaps dabei zu unterstützen, möglichst selbstbestimmt zu leben: Eine erfüllende berufliche Tätigkeit auf dem Lande und Teilhabe am Arbeitsleben sind Stichworte. Die Betreuung bleibt ein Schwerpunkt.

Das sind die Ziele

Idealerweise, so der bisherige Leiter Bernd Kramer, werden die Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben und eine Arbeit in der freien Wirtschaft vorbereitet. Das sei selten, aber es gebe Bewohner, die auf Außenarbeitsplätze wechselten. Eine Fachkraft für berufliche Integration hält den nötigen Kontakt.

Kramer ist auch froh, dass der Wohnbereich in der Zwischenzeit modernisiert werden konnte. Das Haus zwei, Anbau an das Wohngebäude 1, konnte 2016 in Betrieb genommen werden, vorher gab es Doppelzimmer und kein Pflegebad, und es fehlte ein Aufzug.

Bahnhof für betreutes Wohnen

„Es war mir eine Herzensangelegenheit, die Qualität der Einrichtung zu halten und noch weiter zu verbessern. Das Gut Rocklinghausen bot 1990 als erste Einrichtung in der Lebenshilfe betreutes Wohnen. 50 Menschen habe er auf den Weg in diese Wohn- und Lebensform begleitet.

2008 war der marode Bahnhof Twiste zunächst von der Gemeinde übernommen, mit Zuschüssen aus der Dorferneuerung saniert und dann an die Lebenshilfe für das Angebot betreuten Wohnens übertragen worden.

Wie eine Großfamilie

Von den derzeit 39 Menschen in den beiden Häusern auf Rocklinghausen arbeiten die meisten auch dort in verschiedenen Arbeitsbereichen. Einige verbringen bereits den Ruhestand dort. Insgesamt sind auf dem Gut sechzig Beschäftigte tätig, viele pendeln zwischen der dortigen Arbeitsstelle und ihrer Wohnung.

„Das ist hier wie eine Großfamilie“, stellt Steven Seidler fest. Hinzu kommen 50 Kollegen der Lebenshilfe. Sie gewährleisten eine Betreuung rund um die Uhr. Im Werkbereich sind Kollegen mit Fachausbildung tätig. Der Metzger beispielsweise verfügt über eine sonderpädagogische Zusatzausbildung.

Zusätzliche Ausbildung

Personal ist im Schälbetrieb, in der Landwirtschaft, in der Hauswirtschaft, im Reinigungs- und im Fahrdienst und nicht zuletzt im Wohnbereich angestellt. Dort sind Mtarbeiter mit sozialpädagogischen, pflegerischen und erzieherischen Qualifikationen tätig. „Auf die Qualität des Miteinanders der hier lebenden Menschen bin ich stolz“, sagt Kramer.

Im Werkstattbereich gibt es ein konstruktives Zusammenspiel. Hier fließen Wohnen und Arbeiten gut ineinander. Sein Nachfolger Steven Seidler stimmt ihm zu: „Wenn alle Menschen so miteinander umgehen würden, dann wäre unser gesellschaftliches Zusammenleben viel harmonischer.“ (Armin Haß )

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