Ex-Mitarbeiter berichten: „Verdorbene Ware wurde weggeschafft“

Wilke-Skandal: Neun statt 22 Überprüfungen – Wurden Kontrolleure getäuscht?

Wilke in Berndorf: Es waren nachweislich zu wenige, doch in den Räumen der Firma gab es in den letzten Jahren einige Kontrollen. Ob dabei von der Firmenleitung versucht wurde, die realen Verhältnisse zu verschleiern, ist unklar. Ehemalige Wilke-Mitarbeiter berichten jedenfalls von Manipulationen bei Qualitätsprüfungen.
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Wilke in Berndorf: Es waren nachweislich zu wenige, doch in den Räumen der Firma gab es in den letzten Jahren einige Kontrollen. Ob dabei von der Firmenleitung versucht wurde, die realen Verhältnisse zu verschleiern, ist unklar. Ehemalige Wilke-Mitarbeiter berichten jedenfalls von Manipulationen bei Qualitätsprüfungen.

Der Wurstwaren-Hersteller Wilke wurde trotz hoher Risikoklasse zu selten kontrolliert. Wurden die Kontrolleure zudem bei ihren Besuchen getäuscht?

Waldeck-Frankenberg – Die Firma Wilke Wurstwaren hätte zwischen Dezember 2015 und September 2017 insgesamt 22 Mal kontrolliert werden müssen. In diesem Zeitraum befand sie sich in der dritthöchsten Risikoklasse, die monatliche Kontrollen vorsieht. 

Tatsächlich kontrollierten Mitarbeiter des Fachdienstes Lebensmittelüberwachung, Tierschutz und Veterinärwesen des Landkreises den Betrieb in dieser Zeit nur neun Mal. Das sagte der Landkreis auf Anfrage. Die neun Kontrollen hätten alle unangemeldet stattgefunden.

Wilke: Verdorbenes Fleisch wurde vor Kontrollen weggeschafft

Schleierhaft ist hierbei auch die Rolle von Wilke-Geschäftsführer Klaus Rohloff, der sich bislang nicht öffentlich äußert. Frühere Wilke-Mitarbeiter berichten gegenüber unserer Zeitung von Täuschungen bei Qualitätsprüfungen. So sei etwa verdorbenes Fleisch für die Zeit der Kontrolle versteckt worden. Es sei fraglich, ob Rohloff tatsächlich nichts über bevorstehende Kontrollen wusste.

Listerien in der Wurst: Drei Todes- und 37 Krankheitsfälle

Wie berichtet, stehen drei Todes- und 37 Krankheitsfälle zwischen 2014 und 2019 in Zusammenhang mit belasteten Wilke-Lebensmitteln. Bevor die Einstufung in die höhere Risikoklasse vom Fachdienst Ende 2015 vorgenommen wurde, befand sich Wilke in der vierthöchsten Klasse – mit vierteljährlich durchzuführenden Kontrollen. In diese Risikoklasse wurde der Betrieb 2017 auch wieder eingestuft. In der vierthöchsten Stufe entsprach die Zahl der Kontrollen den Vorgaben.

Unverständnis über die Einstufung der Risikoklasse der Firma Wilke

Ein Intervall von vierteljährlichen Kontrollen für das Berndorfer Unternehmen war laut Ira Spriestersbach, Sprecherin beim Hessischen Verbraucherschutzministerium, nichts Ungewöhnliches. „Wilke war ein großer Betrieb, exportierte in viele Länder und verarbeitete rohes Fleisch, was keimanfällig ist. 

Solche Firmen liegen oft in höheren Risikoklassen und werden häufiger kontrolliert als Metzgereien oder Getränkehändler.“ Bei einer höheren Einstufung verbunden mit monatlichen Kontrollen müsse aber „etwas Gravierendes vorgefallen sein“. Unverständlich sei daher auch, warum der Betrieb 2017 wieder in den vierteljährlichen Kontrollrhythmus kam.

Protokolle des Landkreises suggerierten, dass bei Wilke sauber gearbeitet wurde

Der Kreis sagt dazu, dass die Produktionshygiene ab diesem Zeitpunkt wieder mit „gut“ statt „zufriedenstellend“ bewertet worden sei. Das bestätigt Spriestersbach: „Die Protokolle des Kreises suggerieren, dass Wilke dann wieder sauber gearbeitet hat. Das ist nach heutigen Erkenntnissen schwer nachvollziehbar. Aus Sicht des Ministeriums hätte Wilke ab Herbst 2017 weiter monatlich kontrolliert werden müssen.“ 

Risikoklassen stehen für Zahl der Kontrollen

Die Rahmen-Überwachung (AVV Rüb) regelt die Zahl der unangemeldeten Kontrollen in Betrieben, die Lebensmittel produzieren. Anhand eines Punkte-Systems werden Betriebe in Risikoklassen eingeteilt. Risikoklasse 1 heißt, eine Firma wird täglich kontrolliert. Risikoklasse 2 sieht eine wöchentliche Kontrolle vor. Die Einteilung geht runter bis zur Risikostufe 9 – hierbei wird ein Betrieb alle drei Jahre kontrolliert.

Personelle Engpässe: Wilke wurde zu wenig kontrolliert

Die Firma Wilke Wurstwaren wurde in den zurückliegenden Jahren nicht immer in der Häufigkeit kontrolliert, wie es nach der geltenden Richtlinie der Lebensmittelüberwachung nötig gewesen wäre. „Grund sind personelle Engpässe, die den Landkreis Waldeck-Frankenberg – wie aus der aktuell veröffentlichten Umfrage der Verbraucherorganisation Foodwatch hervorgeht – leider mit vielen Landkreisen in ganz Deutschland verbindet“, schreibt der Landkreis dazu auf Anfrage unserer Zeitung.

Zur Erinnerung: Bis Mai 2016 war Jens Deutschendorf als Erster Kreisbeigeordneter für die Lebensmittelüberwachung in Waldeck-Frankenberg zuständig, danach Fritz Schäfer als ehrenamtlicher Dezernent. Deutschendorf hatte damals Dr. Martin Rintelen zum Leiter des Fachdienstes Lebensmittelüberwachung, Tierschutz und Veterinärwesen ernannt, der nun im Zuge des Wilke-Skandals ebenfalls in die Kritik geraten ist.

Im Gespräch mit unserer Zeitung sagte Deutschendorf dazu: „Die Stelle musste wegen eines Todesfalles neu besetzt werden. Herr Dr. Rintelen hat sich damals in einem Auswahlverfahren durchgesetzt. Ich hatte keinen Anlass, an seiner Zuverlässigkeit zu zweifeln.“

Fachdienst Lebensmittelüberwachung stuft Firmen in die Risikoklassen ein

Deutschendorf selbst hat nach eigener Aussage damals keinen Einfluss auf die Einstufung der Lebensmittel produzierenden Betriebe in Waldeck-Frankenberg in die jeweiligen Risikoklassen genommen. Das sei bei 2900 Betrieben auch gar nicht möglich. Die Einstufungen nehme der Fachdienst Lebensmittelüberwachung, Tierschutz und Veterinärwesen in eigener Verantwortung vor. Er führe auch die Kontrollen durch.

„Natürlich befand ich mich mit Dr. Martin Rintelen im regelmäßigen Austausch. Mir war aber zu meiner Zeit als Erster Kreisbeigeordneter von Problemen mit Listerien in der Firma Wilke nichts bekannt und ich kann mich auch an hygienische Mängel oder andere Probleme nicht erinnern“, so Deutschendorf. In der Rückschau sei jedoch ersichtlich, dass der Fachdienst Ende 2015 Probleme bei der Firma Wilke erkannt und entsprechend reagiert habe.

Waren die unangekündigten Kontrollen tatsächlich eine Überraschung bei Wilke?

Wenn bei den Kontrollen der Veterinäre den Protokollen zufolge alles in Ordnung war, stellen sich allerdings die Fragen, inwieweit diese unangekündigten Kontrollen Wilke-Geschäftsführer Klaus Rohloff tatsächlich überrascht haben, ob die Kontrolleure wirklich sämtliche Bereiche überprüften oder ob ihnen manches vorenthalten wurde?

Im Falle des im Lebensmittelhandel gängigen IFS-Zertifikats, das Wilke noch im Sommer erlangt hatte, hatte die Firma jedenfalls darauf bestanden, vorher zu wissen, wann die Prüfer kommen. „Ich habe mich immer gewundert, dass wir die Qualitätsprüfungen bestanden haben“, berichtete eine ehemalige Mitarbeiterin der Versandabteilung gegenüber unserer Zeitung.

Ex-Mitarbeiter berichten von Täuschungen

Ihr zufolge wurden bei verschiedenen Kontrollen und Besuchen die Betriebsräume vorher aufgeräumt, sodass die hygienischen Bedingungen dann nicht denen des Betriebsalltags entsprachen. „Verdorbene Ware wurde mit einem Laster weggeschafft und später wiedergeholt und verwertet.“ Hygieneschleusen im Produktionsbereich konnten Mitarbeiter den Aussagen zufolge regelmäßig umgehen. „Nur bei Kontrollen waren die Tore zu“, sagte die frühere Wilke-Mitarbeiterin.

Eine andere ehemalige Beschäftigte bestätigt solche Vorwürfe: „Bei dem jährlichen Audit sollten wir hundert Kisten schlechtes Fleisch verstecken. Das war Müll. Doch danach wurde es noch verarbeitet.“ Ihre Vermutung: „Rohloff hat die Audits mit Geld gekauft.“

Ob die Firma auch Kontrollen der  Veterinäre des Landkreises Waldeck-Frankenberg so manipulieren konnte, bleibt unklar.

Foodwatch klagt aktuell über einen Boykott der Stadt Frankfurt. Dabei geht es um Kontrollen in der Gastronomie.

Der Insolvenzverwalter lässt das Inventar der Firma Wilke Wurstwaren versteigern - vom Staubsauger bis zum Räucherwagen stehen rund 1200 Positionen zum Verkauf.

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