Martin Kerste aus Vöhl erzählt von seinem Hilfsprojekt und Eindrücken in Marokko

Von Chaos und Hoffnung

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Martin Kerste besucht Menschen in den Bergen Marokkos und trifft auf Idylle und Missstände.

Vöhl/Marokko. Martin Kerste aus Vöhl ist im November nach Marokko aufgebrochen. In der WLZ erzählt er von seinem Hilfsprojekt und von seinen Eindrücken nach den Begegnungen in Berber-Dörfern, in Fes, mit Einheimischen und Freunden.

Trotz aller Warnungen bin ich am 11. November ein weiteres Mal nach Marokko aufgebrochen. Mit Hilfsgütern beladen, war ein zügiges Durchkommen kaum möglich, zumal der Terroranschlag von Paris Frankreich lahmlegte und ein Reifen schon bald nach der Montage in Südspanien explodierte. Angespannte Lage dann bei der Einreise nach Marokko: Die Mittelmeerküste war durch Militär kontrolliert und abgeriegelt. Im Schutz der Dunkelheit kamen immer wieder Flüchtlinge aus ihren Verstecken, die hofften, in unserem Bus ein Versteck zu finden, um die ersehnte Einschleusung nach Europa zu bewerkstelligen. Dann endlich im Atlasgebirge angekommen, normalisierte sich die Lage und das Verteilen der Hilfsgüter konnte beginnen. Ich sehe noch die großen Augen des verwitweten kleinwüchsigen Ouma vor mir, der mit fünf Kindern vor mir steht und bescheiden fragt, ob ich irgendwann denn wiederkäme. Würde und Gemeinschaft Selbst die Viertausender sind erstmals schneefrei, was zur Folge haben dürfte, dass die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen mangels Schmelzwasser im Frühsommer gänzlich austrocknen. Die Preise für Stroh- und anderes Trockenfutter sind schon jetzt utopisch hoch. Nach sechs Wochen Aufenthalt in den Berbersiedlungen bin ich müde und erholungsbedürftig endlich am Atlantik angekommen. Aber wo waren all die Reisenden hin, die sich hier normalerweise im Winter aufhalten? Der IS-Terror hat auch dem islamisch gemäßigten Marokko den Krieg erklärt, was wiederum zur Folge hat, dass jene Zehntausende berenteter Franzosen, die jährlich mit ihren Wohnmobilen zum Überwintern nach Marokko pilgern, zu Hause bleiben. In Fes begleite ich einen Freund ins Krankenhaus. Von außen adrett und sorgsam bewacht, übermannte mich in der Notaufnahme dann das Chaos. Im Minutentakt wurden vor Schmerzen ohnmächtige Personen an mir vorbeigeschleift. Keinerlei Direktversorgung. Während ich nun hier sitze und meine Erlebnisse zu ordnen versuche, hier, auf diesem wunderschönen Plateau, hoch über der riesigen Medina von Fes, entdeckte ich zu meiner Rechten einen der, wie es scheint, stillgelegten Friedhöfe von Fes. Immer wieder kommen aber Krankenwagen um die Ecke, um kürzlich verstorbene Patienten auszuladen, im Gefolge trauernde Menschen. Die Gesänge der Trauernden, die mich die gesamte Zeit über begleiten, beruhigen mich, denn sie strahlen trotz allem Kraft, Würde, Gemeinschaft und Hoffnung aus.

Mehr dazu lesen Sie in der Waldeckischen Landeszeitung am 26. Februar 2016.

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