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Interview: Ehemaliger Bundeswehr-General über den Krieg in der Ukraine

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Von: Stefanie Rösner

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Gertmann Sude, ehemaliger General der Bundeswehr.
Gertmann Sude, ehemaliger General der Bundeswehr. © Stefanie Rösner

Ein ehemaliger Bundeswehr-General spricht mit Blick auf den Krieg in der Ukraine über die Beziehung vom Westen zu Russland und die Gefahr eines Atomkriegs.

Dorfitter – Der Krieg in der Ukraine erschüttert die Menschen weltweit. Auch hierzulande sind viele betroffen angesichts der Kämpfe und fühlen sich bedroht. Wir haben über die Gefahrenlage mit Gertmann Sude aus Dorfitter gesprochen. Er war General der Bundeswehr und unter anderem im Verteidigungsministerium tätig.

Herr Sude, Sie haben in leitender Position in der Bundeswehr den Kalten Krieg und die Entspannung zwischen Ost und West miterlebt. Haben Sie nun mit diesem Krieg gerechnet?

Überhaupt nicht. Ich bin überrascht und bestürzt. Dieser Krieg in der Ukraine ist absolut überflüssig. Ich hatte im Jahr 2014, kurz nachdem Russland die Krim besetzt hatte, bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik einen Vortrag gehalten mit dem Thema „Runter von der Eskalationsleiter“. Ich war damals der Meinung, dass man durchaus politische Anstrengungen unternehmen könnte, damit die Situation nicht weiter eskaliert.

Wurden solche politischen Anstrengungen getätigt?

Nicht genug. Zunächst hatte ich eine „verbale Abrüstung“ gefordert und ausschließlich politische Gespräche angemahnt. Doch dass stattdessen beispielsweise die Amerikaner im Nato-Rahmen im Schwarzen Meer Manöver abhielten, hat Putin wohl als Bedrohung empfunden. Damals hatte man offenbar aus der Sicht Russlands rote Linien überschritten. Die Ukraine hat ein Recht darauf, dass ihre legitimen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen berücksichtigt werden. Durch Russland genauso wie durch EU und Nato. Deshalb kam es darauf an, eine tragfähige politische Lösung zur Krim-Frage und zur damaligen Krisensituation zur erarbeiten.

Das ist Ihrer Ansicht nach verpasst worden?

Ja, sonst hätten wir heute nicht diesen Krieg.

Ehemaliger Bundeswehr-General spricht über den Krieg in der Ukraine

Inwieweit lassen Sie die aktuellen Ereignisse an die Geschichte denken?

Ich erinnere mich noch gut an 1963. Da war ich 13 Jahre alt. Ein Krieg stand bevor. Die Kuba-Krise. Die Sowjetunion war dabei, Raketen auf Kuba zu stationieren – vor der Haustür Amerikas. Kennedy hat das nicht akzeptiert. Vollkommen zu Recht. Es gab einen verbalen Schlagabtausch im UN-Sicherheitsrat, und letztlich hat die Sowjetunion keine Raketen stationiert. Insofern kann ich heute das Gefühl der Jugend nachvollziehen. Die Schüler haben heute Belastungen mit Corona erlebt. Sie haben die Klimakrise vor Augen. Sie machen sich Sorgen und engagieren sich. Und jetzt kommt das Thema Krieg in Europa noch dazu.
Ich erinnere auch als Wehrpflichtiger an 1968: Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei, der sogenannte Prager Frühling. Warschauer Pakt gegen Nato. Ich habe damals in Mengeringhausen Dienst geleistet. Die Bundeswehr erhöhte die Einsatzbereitschaft und ein Krieg stand bevor. Doch politische Maßnahmen verhinderten Gott sei Dank den großen Krieg.

Inklusive Atomwaffen?

Auf beiden Seiten waren Nuklearwaffen vorhanden und Teil des politischen und strategischen Konzepts. Das erfreulichste Ereignis während meiner militärischen Dienstzeit fand 1989 statt. Die große Leistung von Präsident Gorbatschow und Bundeskanzuler Kohl sollte in Deutschland nie vergessen werden. Die beiden Statsmänner verständigten sich auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Und ich betone: Diese Wiedervereinigung geschah, obwohl auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hochgerüstete Armeen standen.

Auch 1994 gab es einen schönen Moment: Der letzte russische Soldat wurde aus Deutschland verabschiedet, von Präsident Jelzin und Bundeskanzler Kohl in Berlin. Als ehemaliger Soldat darf man sich immer wieder darüber freuen. Die Auflösung des Warschauer Pakts erfolgte, ohne dass ein Schuss fiel. Diese positive Entwicklung wurde fortgesetzt durch einen Auftritt Präsident Putins im Deutschen Bundestag im Jahr 2001. Eigentlich eine gute Chance, um danach politisch die gegenseitigen Interessen auszutauschen und für eine Fortsetzung einer dauerhaften Partnerschaft zu werben.

Diese wurde aber vernachlässigt?

Vielleicht hat Diplomatie hier in den Folgejahren nicht optimal funktioniert. Sonst hätten wir jetzt nicht diesen Krieg.

Invasion der Ukraine durch Russland: Steht ein Atomkrieg bevor?

Ist dieser Krieg nur der Anfang? Steht ein atomarer Krieg bevor?

Ich bin überzeugt, dass es nicht zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommen wird.

Warum?

Betrachten wir die nuklearen Kapazitäten der Vereinigten Staaten und von Russland, sind diese zahlenmäßig, vor allem im strategischen Bereich, seit den 90er Jahren reduziert worden. Aber die Funktionsfähigkeit der gesamten Nuklearorganisation ist immer noch gegeben. Die Kapazitäten der USA sind auf dem neuesten Stand, denn Präsident Obama hatte schon 2016 eine Modernisierung eingeleitet. Somit haben wir eine gegenseitige Abschreckung. Diese hat damals für Stabilität gesorgt – und ich bin der Auffassung, dass sie das auch heute tut.

Das heißt, jeder weiß, dass es bei einem Einsatz nuklearer Waffen nur Verlierer geben kann?

Die Nuklearmächte wissen: Wenn ich nukleare Waffen einsetze, wird mich eine nukleare Antwort treffen.

Was halten Sie von den geplanten Investitionen der Bundesregierung ins Militär?

Diese sind notwendig und sinnvoll. Denn Bündnis- und Landesverteidigung werden an Bedeutung gewinnen. Aber für schweres Gerät muss man eine Entwicklungs- und Produktionszeit einkalkulieren, die länger dauert als der Zeitraum bis zum Ende dieses Krieges.

Wird es dabei bleiben, dass deutsche Soldaten nicht im Kriegsgebiet zum Einsatz kommen?

Ich hoffe, dass keine deutschen Soldaten im Kriegsgebiet der Ukraine eingesetzt werden. Wenn sich eine Situation entwickeln sollte, dass Bundeswehrsoldaten in der Ukraine im Rahmen der Nato eingesetzt werden, dann wäre das entgegen aller bisherigen Beteuerungen. Ein solcher Schritt wäre eine weitere Eskalation, denn dann hätten wir den Nato-Bündnisfall.

Krieg in der Ukraine: Ehemaliger General über friedliche Lösungen

Welche friedliche Lösung gibt es?

Eine Lösung des ganzen Konfliktes können wir nur auf der politischen und diplomatischen Ebene finden. Die Beschlagnahme von Yachten von Oligarchen führt doch nicht zum Frieden. Und ob die anderen Sanktionen greifen, müssen wir sehen.

Was wäre effektiver?

Die Gesprächsrunden, die derzeit zwischen Russland und der Ukraine laufen, müssen zum Erfolg führen. Und humanitäre Korridore sind ein Anfang. Putin muss die Kampfhandlungen einstellen und die russischen Truppen müssen die Ukraine verlassen.

Das wird er nur unter seinen Bedingungen tun.

Ja, die Krim und die beiden Volksrepubliken im Osten werden auch russisch bleiben. Aber ich habe die Hoffnung, dass Präsident Putin ein wichtiges Ziel erreicht hätte, wenn die Ukraine erklären würde, dauerhaft neutral zu bleiben und sich nicht der Nato anschließen würde.

Das will die Ukraine nicht.

Aber was ist die Alternative? Weiter Krieg zu treiben?

(Stefanie Rösner)

Wie weit geht der russische Präsident? Eine Expertin, die ihn seit Jahren beobachtet, sprach kürzlich von Putins Plänen im Ukraine-Krieg.

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