Historiker aus ganz Waldeck-Frankenberg beteiligt

Das dunkelste Kapitel: Erstes Buch zu Novemberpogromen im Kreis

Die Autoren des Buches: 13 Historiker haben an dem umfangreichen Werk mitgearbeitet, Karl-Heinz Stadtler und Dr. Marion Lilienthal (vorne Mitte) sind zudem die Herausgeber. 

Vöhl. Erstmals gibt es eine Übersicht über die Ereignisse während der Novemberpogrome 1938 für den gesamten heutigen Landkreis Waldeck-Frankenberg. 13 Historiker aus dem Kreisgebiet, außerdem zwei Mitarbeiterinnen des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen und ein Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald haben daran mitgearbeitet. Ab sofort gibt es das 380 Seiten starke Buch zu kaufen.

„Was während der Novemberpogrome 1938 in Waldeck-Frankenberg geschah, findet in der nachfolgenden Geschichte nichts Vergleichbares“, schreibt Dr. Marion Lilienthal gleich am Anfang des Buches. Die Ausschreitungen hätten sich bis in die kleinsten Dörfer erstreckt.

Entsprechend gibt es Texte in dem Sachbuch, die sich mit den Pogromen in den größeren Städten Bad Wildungen und Frankenberg beschäftigen, und solche über die Ereignisse in kleineren Orten wie Eimelrod und Röddenau.

Marion Lilienthal, selbst eine der Autorinnen des Buchs, gab bei der Vorstellung des Werks in der Vöhler Synagoge einen fotografischen Überblick über den Inhalt. Anhand von Bildern zerstörter jüdischer Schulen und Synagogen, von Porträts und Postkarten führte sie aus, welche Zerstörung die Novemberpogrome in der Region mit sich brachten. „Es gab nur vereinzelt Kritik aus der Bevölkerung“, sagte sie. „Der Großteil hatte offensichtlich verinnerlicht, dass Juden rechtlos waren.“ Nicht nur die meisten Bürger, auch die Presse hätte nicht widersprochen. Von der „tiefsten Entrüstung im Volk“ sei damals geschrieben worden. „Ausbruch einer gerechten Empörung“ schrieb die WLZ am 11. November 1938. „Aber keine Zeitung berichtete über die Angriffe auf Juden.“

Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar

Unzählige historische Akten und Dokumente in verschiedenen Archiven haben die Autoren gesichtet und mit Zeitzeugen gesprochen, Fotos, Geschichten und Lebensläufe zusammengetragen. „Nach allen Regeln der Kunst“ sei recherchiert worden, lobte der Historiker Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigt. Die Attacken seien „von unten“ gekommen, direkt aus den Orten. „Es bedurfte keines staatlichen Befehls“, so Krause-Vilmar. Nach den Ausschreitungen habe der Staat unzählige Anordnungen und Gesetze erlassen, die „die Lebenssituation von Juden in Deutschland faktisch unmöglich machten“.

Dass man die Erinnerung an die Ausschreitungen wach halten müsse, mahnte Vöhls Bürgermeister Matthias Stappert. Die vielen Gräueltaten von 1938 seien vielen Menschen im Landkreis im 21. Jahrhundert nicht bewusst, sagte Kreisbeigeordnete Hannelore Behle. „Diesen Teil der Kreisheimatgeschichte dürfen wir nicht verschweigen.“ Karl-Heinz Stadtler, einer der Autoren des Buchs, sagte, dass über dem gesamten Werk ein Satz stehe: „Nie wieder.“

Mit finanziert wurde das Buch unter anderem durch den Landkreis, das hessische Kultusministerium, die Kommunen Korbach, Bad Wildungen, Frankenberg, Battenberg, Vöhl sowie den ITS.

Hier gibt es das Buch

Das Buch „Novemberpogrome 1938 – Ausschreitungen und Übergriffe in Waldeck-Frankenberg“ gibt es ab sofort für 19,80 Euro zu kaufen in der Synagoge Vöhl, dem Wolfgang-Bonhage-Museum in Korbach, dem Rathaus in Korbach sowie im Stadtarchiv, außerdem an der Alten Landesschule und bei Thalia in Korbach.

Das sind die Autoren

Aus dem gesamten Landkreis haben Historiker Beiträge zum Buch beigesteuert: Lothar Albrecht (Waldeck), Dirk Bender (Willingen), Reiner Gasse (Allendorf), Johannes Grötecke (Bad Wildungen), Horst Hecker (Haina), Karl Heinemann (Diemelstadt), Ernst Klein (Volkmarsen), Marion Lilienthal (Korbach), Axel Marburg (Allendorf), Alf Seippel (Dortmund), Karl-Heinz Stadtler (Vöhl), Karl-Hermann Völker (Burgwald).

Von Seiten des Internationelen Suchdienstes (ITS) waren Christiane Weber und Isabel Panek beteiligt, außerdem Harry Stein von der Gedenkstätte Buchenwald.

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