Martin Kerste hilft und berichtet gleichzeitig für die WLZ aus den ärmsten Regionen des afrikanischen Landes

Hilfsgüter sind da: Vöhler unterstützt derzeit Menschen in Marokko

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Hilft Menschen in Marokko: Martin Kerste (links) mit einem einheimischen Berber. 

Hosen und Pullover, Schuhe und Brillen, Shirts und Jacken: Mit mehr als 600 Kilo Hilfsgüter hat sich Martin Kerste aus Vöhl (links) im November 2018 auf den Weg nach Marokko gemacht. Dort verteilt er seine Mitbringsel derzeit in den ärmsten Regionen des afrikanischen Landes und macht damit die dort lebenden Menschen glücklich. Vor seiner Abfahrt hatte der Vöhler ein Versprechen abgegeben: In unregelmäßigen Abständen wolle er für die WLZ von seinen Erlebnissen berichten.   

Von Martin Kerste 

Bei einer Langzeitreise ist das Ende stets völlig offen. Schon in den Nächten davor bin ich unruhig und frage mich, ob meine Marokko-Reise wohl unter einem guten Stern steht. Nachdem ich mit dem Einladen der Hilfsgüter für die Atlasberber endlich fertig bin, bleibt in meinem roten Reisebus wieder einmal kaum Raum für mich übrig. Die Bananenkisten stapeln sich selbst im Bett und auf dem Beifahrersitz. 

Kurz entschlossen habe ich erstmals eine Fähre von Norditalien nach Tanger gebucht. Abends sehe ich in den Nachrichten den Hafen überflutet und brennend. Leider ist er dabei so schwer beschädigt worden, dass er bis auf Weiteres außer Betrieb gesetzt wird. Eine Fähre von Barcelona wird mir am Ende dann doch noch 1400 Kilometer spanische Sierra ersparen. 

Abgasrohr platzt auf dem Weg nach Barcelona

Doch der Weg nach Barcelona läuft alles andere als reibungslos: Im französischen Zentralmassiv reißt mir ein Abgasrohr. Dadurch wird der Bus so laut, dass ich das Gefühl habe, nach einer Ortsdurchfahrt ein bebendes Bergdorf hinter mir zu lassen. Hilfe ist nicht in Sicht. Die Behelfslösung mit Blechdosen, die ich in einem Müllcontainer einer Nothaltebucht finde, erweist sich bis heute als äußerst haltbar. 

Die Einreise nach Marokko ist für mich – mal wieder – ungewiss, weil ich mit meiner Ladung als Händler und nicht als Tourist eingestuft werde. Doch nach zwei Stunden ist diese Hürde überwunden. Mein Freund Michael Krug aus Frankenberg – angereist mit einem Oldtimer-Reisemobil – hat meine Verspätung in der „blauen Stadt“ Chefchaouen im Rif-Gebirge bei Regen abgesessen. Aber ich bringe nach einer 27-stündigen Überfahrt die Sonne mit, die uns auf Wochen bis heute begleiten soll. Wir haben uns hier, in dieser wundervollen Stadt, verabredet und werden die nächsten Wochen zusammen in die Bergwelt Marokkos eintauchen und Kleidung verteilen. 

Unterwegs in Marokko: Neben dem Bus von Martin Kerste zeigt das Bild auch das weiße Oldtimer-Reisemobil des Frankenbergers Michael Krug, der den Vöhler in Marokko begleitet. 

Es geht sehr steil in die Berge

Erst einmal bleiben wir ein paar Tage in Chefchaouen auf dem Pinienwald-Campingplatz, einem Treffpunkt für Langzeitreisende. Erstes Ziel ist dann die Nordflanke des Ost-Atlasausläufers Bounaseur mit 3400 Meter über Null. Die vergangenen zwei Winter konnte ich die Region nicht besuchen, weil das abgelegene Gebiet, von Schneemassen abgeschnitten, über Wochen oder länger unpassierbar war. Dieser Winter ist so mild, dass wir eine Route von Norden kommend ausprobieren können, die mich seit Jahren interessiert. Durch einen großen Zedern-Nationalpark geht es sehr steil in die Berge. Straßen verlieren sich, werden zu Pisten. Manchmal geht es nur in Schrittgeschwindigkeit voran, 40 Kilometer sind dann ein zähes Tagespensum. 

An der „großen Zeder“ angekommen, ist die Freude groß. Innerhalb von einer Stunde sind die hier weit verstreut lebenden Berber zusammengetrommelt und versammeln sich am Bus. Die 15-jährige Mona, die ich vor sieben Jahren wegen schwerer Erfrierungen behandelt habe, springt zu mir in den Bus. Zehn Pistenkilometer weiter, auf 2300 Meter, bestaunen wir den zunehmenden Sternenhimmel. Hier oben gibt es Zedernwälder, Mondlandschaften und sehr arme Siedlungen – sonst nichts. 

Als wir nach 17 Tagen mit erleichtertem Bus die wilde Hochgebirgswelt im Rückspiegel wähnen, stehen 600 Kilometer mehr auf dem Zähler. Bei Regen wird diese zurückliegende Atlas-Traverse zum Albtraum. Das Gefährlichste ist der Lehm. Wenn der nass ist, klebt er das Profil der Reifen zu. An Flüssen gibt es auch oft mit Gras bewachsene Sandbetten. Ich wähne mich eines super Stellplatzes für die Nacht sicher und versinke beim Befahren des Platzes im ungeahnten Sand. Sobald man den weichen Untergrund spürt und noch in Bewegung ist, muss man sich bei Vollgas durchwühlen. 

Spätabends wird es bitterkalt

Inzwischen haben wir ein anderes Gebiet im Mittelatlas bei Ifrane erreicht, in dem es viele Behelfshütten-Siedlungen gibt. Trotz milder Tagestemperaturen ist spätabends der Gefrierpunkt erreicht. Die Dieselstandheizung macht die Abende im Bus angenehm. Wenn hier und da noch eine Kerze flackert, was Gutes zum Kochen parat ist und meine Lieblingsmusik läuft, dann weiß ich das sehr zu schätzen, denn schon am nächsten Abend könnte ich mit zehn Berbern in einer Plastikfolienhütte liegen. Nach 20 Tagen zieht es Michael Krug zum Atlantik, während ich den milden Winterstart für weitere Besuche in den Bergen nutzen möchte

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