Wirtschaftsreport: Traditionsreiche Hof Lauterbacher Kornbrennerei hat sich neu aufgestellt

Hof Lauterbach: „Das hat uns einen Schub gegeben“

Zukunft für die Kornbrennerei Hof Lauterbach: Jakob Wittmer-Eigenbrodt ist für das Brennen von Obst und Gin zuständig. 1786 wurde die Kornbrennerei gegründet, gebrannt wird im historischen Gebäude von 1836.
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Zukunft für die Kornbrennerei Hof Lauterbach: Jakob Wittmer-Eigenbrodt ist für das Brennen von Obst und Gin zuständig. 1786 wurde die Kornbrennerei gegründet, gebrannt wird im historischen Gebäude von 1836.

Wenn Jakob Wittmer-Eigenbrodt morgens um Punkt acht Uhr die Maische in die neue Destillerieanlage auf Hof Lauterbach schüttet, muss er gut gefrühstückt haben. Vor dem 23-jährigen Agrartechniker liegen einige Stunden Arbeit in der Kornbrennerei, heute wird Birnenbrand hergestellt – und dabei atmet er nicht nur das Aroma des Alkohols ein, sondern muss hin und wieder auch probieren, ob der Geschmack stimmt. Mit leerem Magen ist das nichts.

Hof Lauterbach - Bis vor zwei Jahren sind Wittmer-Eigenbrodts, die auf Hof Lauterbach eine der ältesten Kornbrennereien Hessens betreiben, während des Brennprozesses nie in Kontakt mit dem Alkohol gekommen. Sämtliche Geräte waren verplombt, der Rohalkohol wurde an die Monopolverwaltung geliefert und den Sprit, den sie für ihre Rezepturen brauchte, kaufte die Familie veredelt zurück.

„Die Verschlussbrennerei war für uns ganz unlukrativ geworden. Deshalb haben wir seit 2008 nur noch sporadisch gebrannt, es hat sich einfach nicht mehr gelohnt“, erklärt Karl Wittmer-Eigenbrodt, Vater von Jakob. Mit dem Fall des historischen Branntweinmonopols aus dem Jahr 1919 hat sich die Lage für Kleinbrennerein wie die ihrige jedoch vollkommen geändert.

Mit dem Alkoholsteuergesetz, das seit dem 1. Januar 2018 gilt, gibt es keine Preis- und Abnahmegarantie durch die Bundesmonopolverwaltung mehr, Brennereien können jetzt zwischen Verschluss- und Abfindungsrecht wählen – für Familie Wittmer-Eigenbrodt eine Chance, die sie sofort ergriffen hat. „Das hat uns einen Schub gegeben, in unserem Traditionsbetrieb ganz neue Wege zu gehen“, sagt Karl Wittmer-Eigenbrodt:

Sobald das neue Gesetz in Kraft trat, bewarben sie sich für das Abfindungsbrennrecht. Nun steht der Brennapparat während des Herstellungsprozesses nicht mehr unter zollamtlichem Verschluss, besteuert wird nicht nach der Menge des tatsächlich erzeugten Alkohols, sondern nach Art und Menge des angemeldeten Materials.

Streng ist das Zollprozedere also nach wie vor: „Fünf Tage von Brennbeginn muss beim Hauptzollamt in Stuttgart der Antrag vorliegen, wir bekommen dann eine Mail, ob das Brennen genehmigt wird. Beim kleinsten Formfehler wird es versagt, man muss also genau arbeiten. Die Zollbeamten wollen genau wissen, was, wie viel und wann gebrannt werden soll. Dann bekommt man die Erlaubnis, an einem bestimmten Tag von 8 bis 13 Uhr zu brennen, und muss sich genau an die Zeitvorgabe halten. Geht etwas schief, weil vielleicht der Apparat ausfällt, müssen wir das sofort beim Zollamt Gießen melden. Zollbeamte haben auch ständiges Betretungsrecht, um alles zu überprüfen“, erklärt der 53-jährige Hofbesitzer.

Großes Plus beim Abfindungsbrennrecht: „Wir dürfen nun auch mehlige Stoffe, also Getreide, brennen. Außerdem dürfen wir jetzt Obst für andere maischen und brennen – und machen sie damit zu Stoffbesitzern“, erklärt Jakob Wittmer-Eigenbrodt.

Haben sie früher 300 Hektoliter gebrannt, sind es jetzt nur noch 300 Liter Alkohol – allerdings 100 Volumenprozent. Obwohl sie weniger produzieren, ist der Aufwand gestiegen. „Aber jetzt können wir auch ganz spezielle Destillate herstellen. Wir haben zum Beispiel angefangen, Gin zu produzieren“. Dafür, und für das Verarbeiten von Obst, ist Sohn Jakob zuständig, Vater Karl für das Brennen von Korn.

„Das Feine kommt über Geruch und Geschmack“ 

Um sich auf die Arbeit mit der neuen Brennereianlage vorzubereiten, haben Vater und Sohn Wittmer-Eigenbrodt Lehrgänge besucht, „wir haben uns auch viel angelesen und ich habe viel von meinem Vater gelernt – den Rest kann man sich eigentlich nur durch learning by doing aneignen, Lernen durch Tun“, sagt der 23-jährige Jakob Wittmer-Eigenbrodt.

Das Besondere an der kleineren Anlage: „Es ist kein durchlaufender Prozess – hier passen nur 200 Liter Maische rein, dann startet alles neu,“ sagt Karl Wittmer-Eigenbrodt und zeigt auf die kupferne Destillationsanlage, in der aus der erhitzten Maische langsam Alkohol destilliert wird. Zwei bis zweieinhalb Stunden dauert ein Brenngang, dann wird die Schlempe aus der Blase gelassen, die Brennblase gesäubert und heruntergekühlt, um mit dem nächsten Brenngang beginnen zu können.

„Das A und O ist Sauberkeit – wir brauchen gutes Obst, eine saubere Gärung und müssen beim Abbrand den Vorlauf, den Mittel- und den Nachlauf sauber trennen. Dazu braucht man einen guten Geschmacks-, Geruchs- und Fühlsinn“, erklärt der 53-jährige Brennereibesitzer: „Den Mittellauf wollen wir haben. Nimmt man den Nachlauf zu früh weg, fehlt der Geschmack, nimmt man ihn zu spät weg, trübt der Korn ein und er schmeckt fade“. „Es gibt zwar Temperatur- und Mittelwerte, an denen man sich orientieren kann, das Feine macht man aber über Geruch und Geschmack“, sagt Jakob Wittmer-Eigenbrodt.

Das Obst stammt von hofeigenen Obstbäumen. Die Gärdauer bei Steinobst beträgt etwa vier Wochen, bei Kernobst bis zu zwei Monate. Getreide hingegen gärt drei bis fünf Tage.

Nach der Hitze kommt die Ruhe: „Der Mittellauf muss ruhen, damit sich bestimmte Stoffe abbauen und sich das Aroma entfalten kann. Bis zu zwölf Monate kommt er unter Verschluss“, erklärt Karl Wittmer-Eigenbrodt. Gelagert wird der Brand in Glasballons, die noch ein Überbleibsel aus alten Zeiten sind, und in Edelstahlfässern.

Anschließend wird der Brand gefiltert und gestellt: „Der Stoff hat noch einen Alkoholwert von 70 bis 80 Prozent, das ist ja viel zu viel. Also wird er mit Wasser versetzt und auf das gewünschte Volumenprozent eingestellt. Das wird zwei Mal kontrolliert, weil die Prozentangabe absolut stimmen muss“, betont der Hofbesitzer. Nach alten Rezepten – wie etwa dem Hof Lauterbacher Bärenfang – wird der Alkohol verarbeitet und abgefüllt, die Flaschen werden etikettiert und schließlich im Hofladen verkauft. (md)

In der Kornbrennerei ist fast die ganze Familie eingespannt: Neben Karl und Jakob Wittmer-Eigenbrodt, der gerade den halben Betrieb übernommen hat, hilft noch Tochter Lina, die Agrarwissenschaften studiert und sich dem Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit verschrieben hat. Mutter Gitta (52) ist für den Hofladen zuständig und Schwägerin Iris Straube für die Rezepte und das Abfüllen. Tochter Marie hat eine Referendarsstelle als Försterin angetreten – zum Betrieb gehören auch 40 Hektar Wald. Landwirtschaft, Wald – alles lebenswichtige, doch aktuell äußerst herausfordernde Berufszweige. Dabei „steht die junge Generation in den Startlöchern, die drei wollen das weitermachen“, sagt Gitta Wittmer-Eigenbrodt. „Ich habe viel Spaß an der Landwirtschaft und wir sehen jetzt in der Krise besonders, dass es ein Beruf ist, der gebraucht wird,“ betont Jakob Wittmer-Eigenbrodt.

Haben die Chance ergriffen: Gitta und Karl Wittmer-Eigenbrodt.

So sieht die Familie in der Neuorientierung auch eine Chance für den gesamten Betrieb. „Die neu aufgestellte Brennerei ist ein zweites Standbein geworden. Wir könnten mit dem 200 Hektar Saatgutbetrieb allein nicht überleben. Im Gegensatz zur Landwirtschaft funktioniert dieser Betriebszweig völlig subventionslos“, betont Karl-Wittmer-Eigenbrodt.

Eigentlich wollte die Familie eine kleine Erlebnisbrennerei aufbauen, dann kam Corona. Doch sie will dem eingeschlagenen Weg weiter folgen, nach und nach in die Premiumproduktion zu wachsen. „Wir möchten etwas Besonders bieten, setzen auf Tradition und gehen modern in die Zukunft. Und unser Angebot kommt gut an, wir haben bisher nur positive Rückmeldungen erhalten. Der Geschmack stimmt“, sagt Karl Wittmer-Eigenbrodt.

Von Marianne Dämmer

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