Schreiben zum Überleben 

Lyrik gegen das Vergessen am Holocaust-Gedenktag in der Vöhler Synagoge

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In der Vöhler Synagoge: Referent Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar und Initiatorin Barbara Weiler. 

Vöhl. Auf den Tag genau 73 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts fand am Samstagabend in der ehemaligen Vöhler Synagoge eine besondere Veranstaltung statt. Der Titel lautete „Lyrik gegen das Vergessen“.

Karl-Heinz Stadtler, Vorsitzender des Förderkreises Synagoge in Vöhl, hieß dazu die Besucher willkommen. Als Initiatorin der Veranstaltung sowie als Mitherausgeberin des Buches „Lyrik gegen das Vergessen“, war die frühere SPD-Europa-Abgeordnete Barbara Weiler zugegen.

Sie berichtete kurz über das Zustandekommen des Buches, für das der Germanist Michael Moll zu Beginn der 1990er Jahre die Beiträge gesammelt hatte.

Es sind Texte, Gedichte und Lieder von Häftlingen in Ghettos und Konzentrationaslagern. Sie schrieben zum Überleben, selbst Kinder verfassten Texte. Doch alle dichteten unter Todesgefahr und unter primitivsten Bedingungen. Sie ritzten Worte in die Wände oder nutzten ihr Blut als Farbe. Schreiben war für viele Häftlinge wichtig, um nicht den Verstand zu verlieren, erklärte Schauspielerin und Sprecherin Ursula Illert dem Publikum. Sie las eine Auswahl der erschütternden, beklemmenden, in den Konzentrationslagern entstandenen Texte.

Hoffnung und Ängste

Hoffnung, Ängste, Trostlosigkeit, das ganze Grauen der damaligen Zeit kam darin zum Ausdruck. Das Warum für die inhaftierten Menschen lautete: „Weil wir Juden sind.“ In einem Kinderreim von Ilse Weber in Theresienstadt heißt es: „Ri ra rutsch, wir fahren mit der Leichenkutsch...“ Mit ihren selbst komponierten, düsteren und klagenden Klängen bereicherte Anka Hirsch die Lesungen auf dem Violincello.

Im Anschluss sprach Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar, ehemaliger Hochschullehrer in Kassel und Mitbegründer des Vöhler Förderkreises, zum Thema Nationalsozialismus in Nordhessen. Er bot anhand von Briefen und Zeugnissen „Worte und Stimmen von mutigen Menschen“ dar, die sich in unserer Region offen gegen den Nationalsozialismus wandten. Beispiele kamen unter anderem aus dem Schutzhaftlager Breitenau bei Guxhagen, wo schon 1933 Menschen inhaftiert waren und zutiefst gedemütigt wurden.

Widerstand auch heute

Der Professor plädierte in der Synagoge für Widerstand auch heute, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Auf die Zukunft gerichtet müssten Demokratie und menschliches Miteinander die Ziele sein. – Dazu hatten auch die letzten Worte des von Ursula Illert vorgetragenen Schlussgedichtes gepasst: „Vergesst nur nicht...!“ (ut)

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